Messewirtschaft
12. August 2021 5:58  Uhr

Messeerlebnis mit digitaler Zugabe

Mit dem Plan aus der Schublade „Phönix“ hat die Nürnberg-Messe auf die Coronapandemie reagiert: Hybride Veranstaltungskonzepte unter dem Titel „onsite plus online“ gelten als Messe der Zukunft.

Coronabedingt musste die Nürnberger Messegesellschaft auch ihre Investitionspläne reduzieren. So wurde der Bau des NCC-Süd erst mal verschoben. | Foto: Heiko Stahl

Von Gerd Otto

NÜRNBERG. Die Coranapandemie hat die gesamte Branche nach einem ausgesprochen goldenen Messejahrzehnt schockgefrostet. Für die Nürnberg Messe aber, so ist Dr. Roland Fleck als Vorstandsvorsitzender der Unternehmensgruppe überzeugt, hätte es noch deutlich frostiger kommen können, wäre man völlig unvorbereitet in diese Krise geschlittert. So aber kam es 2020 zwar mit einem Umsatz von 110 Millionen Euro in Relation zu dem aufgrund des Messenturnus vergleichbaren Jahr 2018 zu einem Minus um 65 Prozent und beim Ergebnis zu einem Verlust von 68,6 Millionen Euro – doch „Phönix“ scheint das Schlimmste verhindert zu haben.

Hinter diesem mythologischen Begriff verbirgt sich bei Dr. Roland Fleck und seinem Geschäftsführerkollegen Peter Ottmann ein Schubladenplan gegen alle Eventualitäten. Durch die dabei vorgesehenen Maßnahmen – es hätte außer Corona auch andere Ursachen dafür geben können – wurde bei der Nürnberg Messe ein konsequenter Bremsvorgang ausgelöst, bei den Kosten ebenso wie bei den eigentlich vorgesehenen Investitionen. Auch wenn keinem Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt werden musste, erzielte das Team von Dr. Roland Fleck bei den Personalkosten Einsparungen um 25 Prozent. Die Sachkosten wurden um 40 Prozent reduziert und das Investitionsvolumen sank gegenüber dem Wirtschaftsplan gar um 77 Prozent. Vor diesem Hintergrund wurde der Bau des NCC-Süd verschoben.

Hoffnung auf das vierte Quartal

Das starke erste Quartal 2020 bewahrte die Nürnberg Messe vor noch weitaus stärkeren Verlusten. Immerhin fanden im vergangenen Jahr noch 57 Messen, Kongresse und Corporate Events statt, davon 28 im Messezentrum Nürnberg. In diesem Jahr, in dem die deutsche Messewirtschaft bereits mehr als 60 Prozent der geplanten Veranstaltungen absagen oder verschieben musste und mit einem gesamtwirtschaftlichen Verlust von 19 Milliarden Euro rechnet, setzt gerade auch die Nürnberg Messe auf das letzte Quartal.

Während in China schon seit exakt einem Jahr, daran erinnert Dr. Roland Fleck, die Messen wieder als wichtige Plattformen für die Unternehmen dienen, zeichnete sich der Restart in anderen Regionen der Welt erst viel später ab. In Bayern wurde er vom 1. September auf den 1. August vorverlegt, doch gestartet wird konkret in Nürnberg mit der Leitmesse für Verpackungstechnologie Ende September, zu der sich bereits 700 Ausstellern angemeldet haben. Außerdem bietet Nürnberg für die „Fachpack“ auch digitale Ergänzungen für jene Experten, die wegen möglicher Reiserestriktionen nicht vor Ort sein können.

Negative Effekte auf die Kaufkraft

Wie sehr die Entwicklung vor Ort, also in Nürnberg, die gesamte Region beeinflusst, hat im Auftrag der Messegesellschaft das Ifo-Institut herausgearbeitet. Vor der Pandemie, also in den Jahren 2018 und 2019, haben die Veranstaltungen der Nürnberg Messe Group für ganz Deutschland pro Jahr Kaufkrafteffekte von rund zwei Milliarden Euro bewirkt, Steuereinnahmen in der Höhe von 365 Millionen Euro generiert und nicht weniger als 15 000 Arbeitsplätze gesichert. Umso gravierender fiel im Coronajahr 2020 der Kaufkraftverlust ins Gewicht, konkret haben die Ifo-Experten einen Betrag von 1,55 Milliarden Euro errechnet.

Während es im Messezentrum Nürnberg coronabedingt ab dem zweiten Quartal 2020 still wurde, haben Dr. Roland Fleck und Peter Ottmann mit ihren Teams intensiv an der Zukunftsformel der Nürnberg Messe gearbeitet, und die lautet: „Wissen managen“. Was man aus Sicht der Nürnberg Messe GmbH darunter versteht, bringt Peter Ottmann so auf den Punkt: „Wir haben eine steile Lernkurve hinter uns. Wir haben in Rekordzeit enormes digitales Know-how entwickelt und neue Kompetenz im Unternehmen aufgebaut.“ Die Messe der Zukunft sehen die Nürnberger als Erlebnis und Highlight einer ganzen Branche mit digitalen Zusatzangeboten für alle, die nicht vor Ort sein können.

2021 schon 86 Messen geplant

Mit hybriden Messekonzepten schaffe man einen echten Mehrwert für seine Kunden. Im Übrigen habe der Messe-Restart in China schon 2020 allen gezeigt, dass Fachmessen von Ausstellern und Besuchern auch nach Corona hervorragend angenommen werden. Daher hat die Nürnberg Messe mit ihren 15 Tochtergesellschaften für die kommenden zwölf Monate nicht weniger als 86 Messen und Veranstaltungen in ihrem Terminkalender.

Gute Buchungszahlen für die Frühjahrsmesse und bemerkenswerte Partnerschaften wie mit dem Institut „CAR“ von Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer für eine Automesse in Shanghai machen ebenso Mut wie die Aktivitäten in Italien. In Vicenza etwa ist im Juni 2022 eine neue Fachmesse für die Leiterplattenindustrie geplant, und im Herbst ist Mailand mit der „Ospitiamo“ zum Thema Hotellerie an der Reihe.

Die Messe als Wirtschaftsfaktor

Die Metropolregion profitiert vielfach

Auf Hotels, Einzelhandel und Reisebranche, aber auch auf die Kaufkraft, den Arbeitsmarkt und über höhere Steuereinnahmen sogar auf den Staat hat das Messegeschehen in Nürnberg starke Effekte.

Foto: Kadmy – stock.adobe.com

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