Messen
5. Oktober 2020 6:00  Uhr

Messen expandieren ins World Wide Web

Ob Big Data, Virtual Reality oder 5G: Die digitale Transformation ist in der Messebranche bereits in vollem Gange. Der Prozess, der schon weit vor Corona einsetzte, erhielt durch die Krise noch zusätzlichen Schub.

In Zeiten von Corona erhält die Digitalisierung des Messewesens enormen Schub. Vor allem neue digital-analoge Hybridformate, die einen Messebesuch trotz Kontaktbeschränkungen ermöglichen, setzen sich immer mehr durch | Foto: Nürnberg Messe – Neustockimages

Von Gerd Otto

MÜNCHEN/NÜRNBERG. Die Digitalisierung prägt inzwischen auch das Messegeschehen – und dies unabhängig von der aktuellen Coronakrise. Allerdings erhöht die Pandemie die Geschwindigkeit dieser Anpassung. Längst haben die Messegesellschaften die digitale Transformation zur Chefsache erklärt und entwickeln ständig neue digitale Formate und Services für Kunden und sich selbst. Eine Folge daraus: Der Informationsfluss wirkt über das Messeerlebnis hinaus.

Kombination aus analog und virtuell

Für Klaus Dittrich, den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Messe München, ist klar: Die Digitalisierung wird reale Messen zwar nicht ersetzen, ist aber inzwischen ein unverzichtbares Element im Zusammenhang mit Messen, Tagungen oder Kongressen. In München setze man ganz bewusst auf eine progressive Kombination aus digitalem Mehrwert und physischem Treffen.

Die Messeveranstalter beschäftigen inzwischen fast durchwegs Digitalisierungsbeauftragte, entwickeln eigene Apps für ihre Events, organisieren das Ticketing längst papierlos und steuern mit digitalen Tools die Besucherströme. Gerade vor dem Hintergrund der diversen Coronakonzepte ist Letzteres ein wesentliches Element. So setzt die Nürnberg Messe „Services for Safety“ ein: Dazu gehört ein digitales Leitsystem, das über Hinweise auf Monitoren die möglichen Wege für Messebesucher steuert und so auch zum Einhalten der Abstandsregeln beiträgt, das zur Eindämmung der Pandemie unerlässlich ist.

Herausforderung an Datenübertragung

Neben den Besuchern können aber auch die Aussteller von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren. Schließlich hängt von der Qualität der Infrastruktur eines Messeplatzes der Erfolg eines Messeauftritts ab. Entscheidend sind dabei einige Elemente, die in der Branche allmählich zum Alltag zählen. Wie es auf dem Wissensportal des Messebau-Anbieters Messe-Trends.de heißt, ist eine stabile leistungsstarke WLAN-Verbindung hier das A und O, denn ohne schnelle Datenübertragung gehe heute nichts mehr. Der neue Mobilfunkstandard heiße dabei längst 5G. Unterm Strich könne so der logistische Aufwand für den An- und Abtransport großer Maschinen oder Fuhrparks eingespart werden.

Der gläserne Messebesucher?

Unter dem Stichwort „Tracking“ ließen sich, so Messe-Trends.de, für den Aussteller so wichtige Fragen wie „Warum und wie lange bleiben die Messebesucher an meinem Stand?“ oder „Steht der Messestand am richtigen Platz“ sehr klar beantworten. Möglich sei dies durch eine Datenerhebung mittels digitalem Besuchertracking, und zwar auf freiwilliger Basis und mit einem Chip, der beim Betreten des Messegeländes aktiviert wird. Neben derartigen Bewegungsprofilen der Messegäste wird auch beim Aufeinandertreffen von Ausstellern und Besuchern im digitalen Zeitalter immer weniger dem Zufall überlassen. So stellen Aussteller möglichst detaillierte Informationen über ihre Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung, während die Messebesucher ihre Interessensgebiete oder auch ihre Position im Unternehmen „verraten“. Vor allem wird laut diversen Studien immer deutlicher, dass über Onlineportale Händler und Lieferanten ganzjährig und zielgenau zueinander finden.

Und schließlich spielt die Virtual Reality auch im Messewesen eine immer wichtigere Rolle: Sie wird eingesetzt, um etwa die emotionale Bindung an Marke oder Unternehmen zu fördern oder ganz grundsätzlich, um die Vorstellungskraft der Kunden zu unterstützen.

Praxistest bereits bestanden

Dafür, wie sich die digitalen Werkzeuge im Messegeschehen bewähren, gibt es bereits einige Praxisbeispiele. So loggten sich etwa bei den „ISPO Re.Start Days“ der Messe München in diesem Sommer Teilnehmer aus rund 50 Ländern ein und nutzten die Möglichkeit, sich beim größten Sportbranchenevent des Sommers miteinander zu vernetzen. „Lopec Impulse“ ergänzte die bestehenden Angebote aus Fachmesse und Kongress des Messeformats für gedruckte Elektronik „Lopec“ mit Webseminaren, regelmäßigen Expertenrunden und Präsentationen. Auch die „Automatica“ baute ihre Digitalpräsenz im Juli weiter aus: Im Rahmen des virtuellen Formats „Let’s talk by automatica“ beleuchteten Experten, Anbieter und Anwender in Webinaren aktuelle Fragestellungen rund um Robotik und Automation. Schließlich bot die „IFAT“ eine Wissensplattform an, die den fachlichen Austausch der internationalen Umweltbranche weiter vorantreiben dürfte.

Digitalplattform itsa 365 startet

Bereits in Kürze geht es mit den digital erweiterten Messeformaten weiter: Unter dem Motto „Solutions – Networking – Knowledge“ – wird in Nürnberg die „itsa 365“ als neue digitale Dialogplattform zum Thema IT-Sicherheit präsentiert. Am 6. Oktober startet das ganzjährig erreichbare Portal mit einem umfassenden Anbieter- und Lösungsverzeichnis, interaktiven Dialogformaten und aktuellen Informationen zur Cybersicherheit. Dabei greift „it-sa 365“ bekannte Elemente der europaweit größten IT-Sicherheitsmesse „it-sa“ auf und transportiert sie in die digitale Welt.

Interview

Online und onsite verbinden

Die Geschäftsführer der Nürnberg Messe Dr. Roland Fleck und Peter Ottmann (v. li.) erklären im Interview, wie sich digitale und analoge Angebote im Messebereich zu einem noch umfassenderen Messeerlebnis verzahnen lassen.

Foto: Ralf Rödel

Hier geht’s zum Interview …