Serie: Transformation der Berufsbilder
11. August 2021 6:02  Uhr

Den Beruf des Landwirts attraktiver machen

Schlechtes Image, kleine Margen, Höfesterben: Die Attraktivität des Bauernberufs war schon mal höher. Smart Farming könnte neuen Auftrieb geben – Ausbildungsmöglichkeiten werden in diesem Jahr ausgebaut.

Beim Smart Farming helfen Algorithmen unter anderem, Betriebsmittel zielgerichteter und genauer einzusetzen. Foto: Rebecca Sollfrank

Von Rebecca Sollfrank

WEIHENSTEPHAN. Für mehr als 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Bayern, bei denen die Hofnachfolge noch nicht geklärt ist, kommt eine Hofübergabe außerhalb der Familie nicht in Betracht. Das ergab eine Umfrage der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums unter 2.200 Betriebsleitern, die Ende 2020 veröffentlicht wurde. Aber wie macht man im 21. Jahrhundert einen Beruf für junge Menschen attraktiv, der bis dato immer noch oft ein Fulltimejob fast ohne Urlaub ist, weit entfernt von der Work-Life-Balance, wie sie andere Branchen bieten?

Konsequenter Wandel zum Smart Farming

„Wir müssen gerade heute darauf achten, dass Arbeitsplätze in der Landwirtschaft attraktiv und zeitgemäß sind“, sagt dazu Christian Metz, Leiter des Kompetenznetzwerks Digitale Landwirtschaft bei der Bayern Innovativ GmbH. Ein Weg könnte der konsequente Wandel des Berufsbildes zum Smart Farmer sein. Warum sich dieser Weg gerade auch für kleine und mittlere Betriebe lohnt, erklärt Dr. Josef Bosch, Landwirt, Digitalpionier und Mitgründer und Vorstand der Max Schönleutner Gesellschaft Weihenstephan e.V. für die Förderung der Agrar- und Gartenbauwissenschaft, im Interview.

Ökonomie und Ökologie digital versöhnen

Klimawandel und die Forderung nach mehr Tierwohl beim Verbraucher auf der einen Seite, wirtschaftliches Überleben auf der anderen Seite – dieser Spagat wird für die Landwirte immer schwieriger. Zumal sie in den letzten Jahren nicht zuletzt durch preisverwöhnte Verbraucher in fragwürdige Haltungs- und Bewirtschaftungsformen getrieben worden sind, für die sie immer stärker kritisiert werden. Angesichts immer kleinerer Margen für kleine und mittlere Betriebe hat auch das vielen potenziellen jungen Hofnachfolgern den Berufswunsch Landwirt vergällt. Mit zunehmender Digitalisierung könnte sich das Blatt jedoch wenden, meint Christian Metz: „Digitale Werkzeuge können durchaus helfen, ökonomische und ökologische Ziele miteinander zu vereinbaren.“ Der Digitalexperte sieht im ressourcenschonenden Smart Farming sogar Potenzial für Ertragssteigerungen und nennt dabei als Beispiel den digital optimierten Düngemitteleinsatz.

Wieder mehr Zeit für naturnahes Arbeiten

Der Wandel zum Smart Farming müsse aber nicht auf Kosten der ursprünglichen Naturnähe des Berufs gehen. „Digitalisierungstools geben im Gegenteil den Betriebsleitern Entscheidungshilfen an die Hand, die Ressourcen und Zeit sparen. So können sich der Landwirt und die Landwirtin wieder auf wesentliche Aspekte des Berufes konzentrieren.“ Metz sieht in der Landwirtschaft generell eine innovative DNS. „Sich mit dem dynamischen und komplexen Themenfeld des Arbeitens in und mit der Natur auseinanderzusetzen, hat schon früh zur Anwendung vieler digitaler Schlüsseltechnologien wie GPS-Steuerung der Landmaschinen, der Nutzung von Satellitenbildern, Robotik und sogar künstlicher Intelligenz geführt.“ Der Schritt zum Smart Farmer sollte da eigentlich ein leichter sein. Allerdings, so Josef Bosch, müsse auch der Umgang mit den digitalen Tools erst erlernt werden – allein mit dem Kauf digitaler Maschinen sei es nicht getan: „Das ist wie Autofahren. Da braucht man auch einen Führerschein.“

So wird man Smart Farmer

Bleibt also die Frage, wie es denn derzeit aussieht mit Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten in Sachen Smart Farming. Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf bietet zwar zahlreiche Studiengänge zum modernen Agrar- und Tierwohlmanagement an – bis hin zum englisch-sprachigen Master Climate Change Management, also einem Master im Klimawandel-Management. Der Fokus liegt hier allerdings nicht auf der Digitalisierung. Einen Bachelor Precision Farming bietet dagegen die Technische Hochschule Ostwestphalen-Lippe (TH OWL) an. Zugelassen zum siebensemestrigen Vollzeitstudium ist man entweder mit allgemeiner Hochschulreife, Meisterprüfung oder gleichwertiger beruflicher Aufstiegsfortbildung und Berufsausbildung oder Berufserfahrung.

IT, Automatisierung, Geoinformation, Big Data

„Die landwirtschaftlichen Grundlagen sind zwar eine wichtige Säule des Studiums“, erklärt dazu Professor Dr. rer. nat. Burkhard Wrenger von der TH OWL. „Die Vertiefung geht aber ganz klar in Richtung Informationstechnik, Automatisierung, Mechatronik, Geoinformation und Big Data.“ Die vermittelten digitalen Techniken werden auf einem Versuchsfeld anschaulich gemacht. Im sechsten Semester schließt sich ein mehrmonatiges Praktikum an. Es im Ausland zu verbringen ist zwar keine Pflicht, wird von der Studienleitung aber gern gesehen. Dual ist dieses Studium bisher nicht verfügbar.

Berufsbegleitend zum Bauern der Zukunft

Aber welche Möglichkeiten gibt es für Landwirte, sich neben der Führung des eigenen Betriebs zum Smart Farmer weiterbilden zu lassen? Vorreiter in der berufsbegleitenden Weiterbildung war 2020 das Land Sachsen. Hier konnten erstmals im Sommer 2020 sächsische Landwirte in einem einjährigen Zertifikatskurs „Digitalen Pflanzenbau im Jahreszyklus“ erlernen. In Bayern hat die Technische Universität München inzwischen nachgezogen. Am „TUM Institute for Life Long Learning“ startet im November 2021 erstmals das berufsbegleitende Zertifikatsprogramm „Smart Farming and IoT in Agriculture“. Partner des Kurses sind die BayWa AG, die Firma Next Farming und die geo-konzept GmbH.

Interview

Smart Farming braucht Kooperation und Selbstkritik

Dr. Josef Bosch, Landwirt, Digitalpionier sowie Mitbegründer und Vorstand der Max Schönleutner Gesellschaft Weihenstephan e. V. für die Förderung der Agrar- und Gartenbauwissenschaft, erklärt den Wandel im Landwirtsberuf.

Hier geht’s zum Interview …

Serie „Transformation der Berufsbilder“

325 anerkannte Ausbildungsberufe gab es 2020 in Deutschland, 1971 waren es noch 606. Doch auch wenn die Zahl der Berufe absolut abnimmt, gibt es auf der anderen Seite Bedarf für neue Berufe. Für einen beschleunigten Wandel gewohnter Berufsbilder sorgt derzeit besonders die Digitalisierung – wenn auch nicht nur. In der Serie „Transformation der Berufsbilder“ stellen wir einige konkrete Beispiele für Transformationen und Neuerungen vor, wie etwa in dieser ersten Folge den Smart Farmer. In den kommenden Folgen geht es zum Beispiel um dessen völlig neuen „Kollegen“: Insektenzüchter werden künftig nicht nur für eine alternative Tierfutterquelle sorgen, sondern den Grundstoff für neuartige Lebensmittel ohne den gesellschaftlich immer umstritteneren Fleisch- und Fischbestandteil liefern. Selbst die Art, wie uns künftig Waren im Handel schmackhaft gemacht werden, ändert die Digitalisierung – zusätzlich beschleunigt durch Corona: Sie hat den Digital Category Manager Einzelhandel hervorgebracht. Apropos Manager: Lebensqualität im Job wird immer mehr zum Argument für die Wahl des Arbeitgebers. Kann der Feel Good Manager die Arbeitsatmosphäre nachhaltig verbessern? Darüber müssen sich Drohnenpiloten vielleicht keine großen Gedanken machen, schließlich ist ihre Perspektive auf die Welt in ihrem Job im wahrsten Sinne des Wortes „abgehoben“. Ob die Arbeit des E-Sport-Managers wesentlich mehr Bodenhaftung hat, sei dahingestellt – der Spaß an der Arbeit scheint hier zumindest vorprogrammiert.