Handwerk
18. Mai 2020 0:00  Uhr

Mit der Virtual-Reality-Brille am Schweißgerät

Hans Schmidt, stellvertretender Geschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, spricht im Interview über digitale Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk.

Ob in Industrie oder Handwerk: Die Verknüpfung zwischen tatsächlicher und virtueller Realität wird immer enger. Foto: Buffaloboy – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

Herr Schmidt, wie wichtig ist die Digitalisierung in der Handwerksausbildung mittlerweile?

Hans Schmidt: Die Digitalisierung ist natürlich auch längst im Handwerk angekommen und verändert den Arbeitsalltag eines Handwerksbetriebs. Unser Ziel ist es, die Handwerksbetriebe und Lehrlinge bestmöglich für das Arbeiten im Zeitalter Handwerk 4.0 zu rüsten. Deshalb bieten wir als Kammer eine bedarfsgerechte Aus- und Weiterbildung in Sachen Digitalisierung an.

Wie funktionieren VR-Methoden in der Handwerksausbildung?

Die VR-Technologie, kurz für Virtual Reality, nutzt die virtuelle Realität, um computergestützte Umgebungen zu generieren. Ausgestattet mit spezieller Hardware können unsere Kursteilnehmer in eine dreidimensionale Welt eintauchen, in der sie ihr handwerkliches Geschick virtuell verbessern können. Spezielle Brillen und die entsprechende Software stellen diese Umgebung für den Anwender dar, Sensoren und Controller ermöglichen das Bewegen und Interagieren im virtuellen Raum. In der Handwerksausbildung kommt diese Methode unter anderem beim virtuellen Schweißen zum Einsatz: Der Auszubildende trägt dabei, angelehnt an eine typische Schweißausrüstung, Schweißhelm und Handbrenner. Ein Monitor im Schweißhelm stellt die Schweißsituation realitätsgetreu nach und die Führung des Handbrenners wird vom Gerät aufgezeichnet. Am Ende des Schweißvorgangs erfolgt die Auswertung in Bezug auf Einbrand, Gleichmäßigkeit, Brennerhaltung und so weiter.

Was sind die Vorteile von VR-Brillen und Co.?

VR-Brillen liefern dem Anwender während der Lerneinheit Liveauswertungen, um sich unmittelbar zu verbessern. Zusätzlich erhält der Nutzer am Ende seiner Übungseinheit eine detaillierte Auswertung, um so seine Fertigkeiten verfeinern zu können. Da das virtuelle Schweißen – aber ebenso beispielsweise auch virtuelles Lackieren – in einer computergestützten Umgebung dargestellt wird, besteht keinerlei Gefahr für umstehende Personen. Außerdem wird keine spezielle Räumlichkeit benötigt und kein Material verbraucht. Das ist effizient, denn es spart Ressourcen, die eventuell anderweitig genutzt werden können. Dennoch ist es wichtig, zu betonen: Die virtuellen Methoden mit VR-Brille und Co. werden die klassische Ausbildung nicht ersetzen, vielmehr werden sie sie effektiv ergänzen.

Wie kommen die VR-Ausbildungsmethoden bei Ihren Auszubildenden an?

Das Feedback unserer Kursteilnehmer zu unseren digitalen Ausbildungsmethoden war bis jetzt durchweg positiv. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass das Handwerk 4.0 sehr schnelllebig ist. Unser Ziel ist es nicht nur, Schritt zu halten, sondern unseren Kursteilnehmern auch die digitalen Trends von morgen zu bieten. Standardmäßig arbeiten wir in unseren Bildungszentren ja schon immer mit modernsten Laptops, Tablets und Smartboards. In unseren Werkstätten stehen den Schülern stets die aktuellsten Anlagen zur Verfügung. Ergänzendes Unterrichtsmaterial stellen wir den Kursteilnehmern über eine E-Learning-Plattform zur Verfügung, mit der wir seit Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht haben.

Gibt es schon Gegenstände oder gar Gebäude, die real mit virtueller Hilfe erstellt worden sind?

Ein gutes Beispiel ist hier unser neues Zentrum in Schwandorf. Es wird vollständig im sogenannten Building-Information-Modeling-Standard, kurz BIM, geplant und gebaut. BIM ist ein brennendes Thema für die Bau- und Ausbaubranche und wird den gesamten Bauprozess mittelfristig verändern, da bin ich mir sicher. Alle am Bau beteiligten Planer und Betriebe arbeiten mit einheitlichen Planungsdaten auf einer gemeinsamen Plattform. Die durch den Planungs- und Bauprozess gewonnenen Daten werden wir unseren Kursteilnehmern für die Fort- und Weiterbildung zur Verfügung stellen, zum Beispiel den Meisterschülern der Bau- und Ausbaugewerke an allen elf Standorten. Auf diese Weise können unsere Kursteilnehmer quasi live am „lebenden Objekt“ ausprobieren und lernen. An dem virtuell begehbaren 3-D-Modell des neuen Zentrums werden wir zukünftig BIM-Schulungen durchführen – sozusagen von der Software heraus direkt auf die Werkbank. Unser neues Zentrum in Schwandorf soll als Wissenszentrum, sozusagen als Idee- und Impulsgeber, dienen. Dort werden wir neue Ausbildungsmethoden erproben und entwickeln, die dann in all unseren elf Bildungseinrichtungen zum Einsatz kommen.  

Welche Kooperationspartner gibt es VR-bezüglich?

Wir vernetzen uns mit vielen externen Partnern – nicht nur in Sachen VR, sondern in allen Belangen des Handwerks 4.0. Dazu gehören zum Beispiel alle Hochschulen in Ostbayern, digitale Gründerzentren wie die Techbase in Regensburg, Forschungseinrichtungen wie Fortiss, das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk und auch die Berufsschulen. Mit dieser geballten Kompetenz ist es möglich, unseren Kursteilnehmern passgenaue und bedarfsgerechte Unterrichtsmethoden zur Verfügung zu stellen.

„Die virtuellen Methoden mit VR-Brille und Co. werden die klassische Ausbildung nicht ersetzen, vielmehr werden sie sie effektiv ergänzen.“

 

 

 

Hans Schmidt, stellvertretender Geschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Foto: Foto Graggo