Karriere
10. Januar 2022 6:07  Uhr

Mit Neugier den Bildungsumweg geschafft

Markus Böhm, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, sieht im Bildungssystem genügend Chancen für Spätzünder.

Prof. Dr. Markus Böhm (re.) erhielt Anfang Oktober die Ernennungsurkunde von Präsident Prof. Dr. Fritz Pörnbacher. Foto: Hochschule Landshut

Von Gerd Otto

LANDSHUT. Die Trennung von beruflicher und akademischer Bildung galt in Deutschland über Generationen hinweg als offenbar unverzichtbar. Bis in die 70er-Jahre hinein entschieden die ersten vier Schuljahre darüber, ob ein Kind eine höhere Schule besuchen und damit die Basis für eine berufliche Karriere legen durfte. Auch wenn schon früh von der Gleichwertigkeit der beiden Bildungsstränge die Rede war, dauerte es noch bis 2009, ehe die Kultusministerkonferenz sich zur Durchlässigkeit von der beruflichen in die akademische Bildung als politisches Ziel durchringen konnte.

Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung lag schon in den 60er-Jahren, als Georg Picht vor einer „Bildungskatastrophe“ warnte, Ralf Dahrendorf mit seiner Schrift „Bildung ist Bürgerrecht“ auf die eklatante Vernachlässigung der Chancengleichheit aufmerksam machte und Helmut Schelsky eine „Mittelstandsgesellschaft“ skizzierte, in der breite Bevölkerungskreise an den „materiellen und geistigen Gütern des Zivilisationskomforts“ teilnehmen wollten. Immerhin: Von 1950 bis 1963 verdoppelte sich die Zahl der Studierenden. Just in diesen Jahren kam es nicht von ungefähr auch zur Gründung der vierten Bayerischen Landesuniversität in Regensburg.

Zwischen „Bildungskatastrophe“ und „Akademisierungswahn“

Andererseits war noch 1992 die Zahl der Lehrlinge doppelt so groß wie die der Studenten, ehe es 2015 zu einem weiteren markanten Einschnitt kam: Mit 496.000 jungen Menschen begannen erstmals mehr junge Menschen ein Studium als eine Lehre. Kein Wunder, dass zeitgleich eine heftige Diskussion rund um den Begriff „Akademisierungswahn“ losgetreten wurde, wie ihn der Münchner Philosoph und Kulturpolitiker Prof. Julian Nida-Rümelin vertrat. Der internationale Trend zur Verschulung, darauf machte der ehemalige Kulturstaatsminister im ersten Kabinett von Gerhard Schröder schon früh aufmerksam, sollte kein Maßstab sein, zumal Deutschland mit seinem dualen Ausbildungssystem über eine hohe soziale Mobilität verfüge – eine Bewertung, der damals wie heute auch Ostbayerns Handwerkskammerpräsident Dr. Georg Haber ausdrücklich zustimmt.

Förderung ganz ohne Druck

Wie sehr die Durchlässigkeit des gesamten Bildungssystems einerseits und die Kooperation im Rahmen eines dualen Konzepts andererseits zu erfolgversprechenden Perspektiven führen können, dafür steht auch das Beispiel von Prof. Dr. Markus Böhm. „Ich selbst war, was meinen schulischen Weg betrifft, tatsächlich ein Spätzünder“, erzählt der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Landshut. Umso zufriedener äußert er sich, dass das Bildungssystem inzwischen genügend Möglichkeiten auch für Spätzünder biete: „Es muss auch nicht immer die Hochschule sein, auch im Handwerk gibt es viel spannende Berufe.“ Und wer den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, könne auch darin sehr gut verdienen, ist Markus Böhm überzeugt. Er selbst habe Glück gehabt, dass seine Eltern ihn zwar gefördert hätten, ohne ihm jedoch Druck zu machen. Er sei vielmehr darin bestärkt worden, seinen eigenen Weg zu gehen. Und der führte ihn erst nach der siebten Klasse aus der Hauptschule in Mainburg auf die Realschule in Geisenfeld. Dieses Erfolgserlebnis beim Übertritt, also etwas schaffen zu können, was man sich fest vornimmt, sei eine der wichtigsten Lehren aus seinem Bildungsumweg.

Eine Neigung zum Zerlegen

Und was hat ihn angetrieben, sich nach der Berufsausbildung zum Industriekaufmann auf die Berufsoberschule und letztlich an die Universität zu wagen? Vor allem seine Neugier, so Prof. Dr. Markus Böhm, habe ihn immer wieder zum nächsten Schritt geführt. Als Kind sei es eine besondere Freude gewesen, neues Spielzeug zu zerlegen und wieder zusammenzubauen, woraus er sich seine Neigung zum Computer erklärt: „Und so wurde ich Wirtschaftsinformatiker.“ Später studierte Prof. Böhm ein Jahr lang in Schweden, weil er neugierig auf das Land gewesen sei. Danach war er bei Siemens im Rahmen eines Post-Merger-IT-Integrationsprojekts im Zuge von Unternehmensakquisitionen und -fusionen tätig, was er so spannend fand, dass er spontan an die TU München wechselte, um auf diesem Feld noch intensiver zu forschen. Die Neugier jedenfalls habe ihn dazu geführt, stets Neues zu lernen und ihn Schritt für Schritt zur Professur gebracht: „Jetzt darf ich von Berufs wegen neugierig sein.“