Innovationspreis: Monatssieger März
31. März 2021 6:02  Uhr

Mobile Dekontamination für Einsatzkräfte

Um die Kontaminationszeit bei Feuerwehr- und Gefahrguteinsätzen zu reduzieren und so das Krebsrisiko zu minimieren, hat Berthold Birnthaler eine flexible Art der Personendekontamination entwickelt: den DekoRolli RC.

Bei jedem Brand werden karzinogene Stoffe freigesetzt, die trotz Atemschutzmaske in den Körper von Feuerwehrleuten gelangen können. Eine flexibel einsetzbare Dusche soll die Kontaminationszeit nach einem Brandeinsatz enorm verkürzen. Foto: benjaminnolte – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

PARSBER/VILSECK. Brandrauch, Ruß, Gase, Asbest oder Blausäure: Im Einsatz für andere setzen Feuerwehrleute regelmäßig auch ihre eigene Gesundheit aufs Spiel. Bereits nach wenigen Jahren im Dienst steigt das Risiko, an Leukämie oder schwarzem Hautkrebs zu erkranken. Obwohl das mehrere internationale Langzeitstudien belegen, wird Krebs in Deutschland bei Feuerwehrleuten nicht als Berufskrankheit anerkannt – im Gegensatz zu anderen Ländern wie Kanada oder Australien. Deshalb hat sich der Parsberger Unternehmer Berthold Birnthaler des Themas jetzt angenommen.

Verantwortlich für das erhöhte berufs- und tätigkeitsbedingte Erkrankungsrisiko bei Feuerwehrleuten sind in erster Linie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die bei jedem Brand freigesetzt werden. Selbst Atemschutzmasken können die Aufnahme über den Körper nicht gänzlich verhindern, denn auch über kontaminierte Einsatzkleidung und schließlich über Hautporen gelangen diese toxischen und karzinogenen Stoffe in den Körper. Um die Kontaminationszeit bei Feuerwehr- und Gefahrguteinsätzen zu reduzieren und das Krebsrisiko auf diese Weise zu minimieren, hat Birnthaler eine flexible Art der Personendekontamination entwickelt: den DekoRolli RC.

Universell einsetzbar

Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Dusche auf Rädern. Sie kann dank ihres Rollcontainer-Unterbaus, der heute Standard bei Logistikfahrzeugen der Feuerwehren ist, in den schon vorhandenen Transportsystemen verstaut werden und ist im Bedarfsfall vor Ort nach wenigen Handgriffen einsatzbereit. Eine Auffangwanne verhindert, dass gefährliche Stoffe in die Umgebung gelangen. Dekontaminationsduschen gibt es auch von anderen Herstellern; die bedürften konstruktionsbedingt allerdings eines riesigen Personalaufwands, bis sie einsatzfähig seien, sagt Birnthaler. „Die Einsatzkräfte werden ja immer weniger. Deshalb habe ich nach einer Lösung gesucht, mit der die Leute draußen vor Ort dem Thema Einsatzhygiene und Krebsrisiko entgegenwirken können“, erklärt er.

Birnthalers primäres Ziel ist es, Feuerwehrleuten eine schnelle Grobreinigung der Einsatzkleidung und -geräte zu ermöglichen, und das auf mehrere Arten. Um beispielsweise zu verhindern, dass an der Schutzkleidung haftende Fasern und Partikel in die Umgebungsluft gelangen, kommt durchlauferhitztes Wasser zum Einsatz. Zusätzlich lassen sich flüchtige Stoffe aus der Luft absaugen. Die Vorrichtung verfügt über Anschlüsse für alle gängigen Feuerwehreinsatzgeräte auf diesem Gebiet, etwa für Gefahrstoffsauger. Sie sind bei einem Brand ohnehin an Bord, können mit einem zweiten Rollcontainer transportiert und im Bedarfsfall integriert werden. Auch zwei DekoRolli RC mit einer Übertrittsschwelle zu verbinden sei möglich – etwa für eine Grob- und eine Feinreinigung vor Ort, erklärt Birnthaler.

Ein Leben für die Feuerwehr

Berthold Birnthaler lebt für das Feuerwehrwesen. Seit mehr als 30 Jahren ist der 58-Jährige freiwilliger Feuerwehrmann, derzeit ist er bei der Freiwilligen Feuerwehr Lupburg aktiv. Zwischen 1985 und 2004 war er externer Fachberater bei der Feuerwehrschule Regensburg für Gefahrgut-Fortbildungslehrgänge, seit 2012 ist er Schulungsreferent beim Verband der Hersteller geprüfter Öl- und Chemikalienbindemittel (GÖC e.V.) und daneben Mitglied in mehreren anderen Verbänden. Auch beruflich hatte er es seit jeher mit teils nicht ganz ungefährlichen Stoffen zu tun. 20 Jahre lang war er Betriebsleiter in einem Neutraublinger Chemikaliengroßhandel, bevor er sich 2005 selbstständig gemacht hat. Seitdem vertreibt er verschiedenste chemisch-technische Produkte, insbesondere für Industriewaschanlagen, daneben auch spezielle Feuerwehrausrüstung wie Chemieschutzanzüge oder Gasmesstechnik und Feuerwehreinsatzkleidung. 2012 war er schon einmal für den Innovationspreis der Wirtschaftszeitung und den Bayerischen Innovationspreis nominiert. Im selben Jahr erhielt er für ein eigens für Solarzellen entwickeltes Brandschutzgel den Bayerischen Sicherheitspreis (BVSW).

Praxis und Theorie vereint

Vor gut eineinhalb Jahren hatte Birnthaler die Idee für seine mobile Desinfektionsstation auf Rädern. „In diese Erfindung ist meine ganze Erfahrung in der Feuerwehrpraxis und das Theoriewissen der Chemie eingeflossen“, sagt er. Das Projekt wird von Bayern Innovativ gefördert. Auch die erste Resonanz von Feuerwehrfachleuten sei durchweg positiv gewesen.

Aktuell entsteht in Vilseck der erste Prototyp der Dekontaminationsdusche. Dort baut die ASK GmbH, ein langjähriger Partner Birnthalers, den mittlerweile patentierten Rollcontainer im Auftrag des Parsbergers. ASK-Geschäftsführer Thomas Rubenbauer war von Anfang an in das Projekt eingebunden. Spätestens bis Juni soll der Prototyp fertig sein. Dann möchte Birnthaler ihn nach einer internen Testphase seinen zahlreichen Kontakten im Feuerwehrwesen auch in der Praxis präsentieren. Vorerst will er sich auf den deutschen Markt konzentrieren, danach den Blick auf Europa und andere Einsatzgebiete ausweiten. „Natürlich braucht den DekoRolli nicht jede Feuerwehr“, sagt Birnthaler. „Aber gerade Berufs-, Werk- und Betriebsfeuerwehren haben oft mit Gefahrgut zu tun. Und davon gibt es ja einige, auch bei uns in der Region. Abnehmer dafür gibt es auf jeden Fall.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mithilfe der Dekontaminationsdusche DekoRolli RC soll das Gesundheitsrisiko durch schädliche Rauchgase für Feuerwehrleute im Einsatz reduziert werden. Die Dusche, deren Prototyp derzeit entsteht, wurde von Berthold Birnthaler auf Basis jahrzehntelanger Erfahrung als Feuerwehrmann entwickelt. | Grafik: ASK