Interview
7. August 2020 6:20  Uhr

Mobilität als Bestandteil staatlicher Grundversorgung

Mobilitätsexperte Dr. Hans-Peter Kleebinder erinnert an die Anfänge der Automobilgesellschaft in den 1920er-Jahren und blickt auf die Mobilität von morgen.

Blechlawinen, Verkehrskollaps und Staus bestimmen heute vielerorts das Verkehrsbild. Für die Mobilität der neuen Zwanziger müssen neue Konzepte her. |Foto: eyetronic – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

Herr Doktor Kleebinder, in den turbulenten 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts haben diverse Innovationen das Leben der Menschen verändert. Von welcher Technologie oder Erkenntnis von damals ging aus heutiger Sicht die größte Wirkung aus?

Dr. Hans-Peter Kleebinder: Die 1920er-Jahre haben die Grundlage für unsere heute sehr informierte und mobile Gesellschaft gelegt: Die Erfindung des Radios durch den österreichisch-kroatischen Erfinder Nikola Tesla 1881 und der Einsatz als Massenmedium ab 1925 war die Grundlage für die Demokratisierung von Information, Wissen und Kommunikation. Der gleiche Erfinder Nikola Tesla hat 1888 den Drehstrom Elektromotor erfunden, Bertha Benz im gleichen Jahr die erste Überlandfahrt in einem Auto geschafft. Henry Ford baute dann ab 1922 das Modell T in Massenfertigung, das meistverkaufteste Auto der Welt, bis es 1971 vom VW Käfer abgelöst wurde. Das Auto war und ist Grundlage unserer heutigen mobilen Gesellschaft.

Und 100 Jahre später – in den „neuen 20er-Jahren“? Ist es nicht heute wie vor einem Jahrhundert stets die Mobilität, die physische wie geistige Beweglichkeit, um die es letzten Ende geht?

Da stimme ich Ihnen zu und ergänze die soziale Mobilität, die Durchlässigkeit in unserer Gesellschaft, die unter anderem durch Zugang zu Bildung und Wissen, aber auch Reisen geprägt ist. Diese physische, geistige und soziale Mobilität bringt Innovationen hervor. Es geht jetzt aber darum, nicht das technisch machbare zu erfinden sondern Innovationen und Fortschritt sozial verträglich zu gestalten, uns Menschen mitzunehmen und radikal in den Mittelpunkt zu stellen.

Auf welche Art der Mobilität wird es in Zukunft angesichts zunehmender Globalisierung vor allem ankommen?

Eine intelligente Mobilität, die den Spagat zwischen dem ökonomischen und dem ökologischen Fußabdruck meistert. Unsere Mobilität darf nicht mehr zulasten der Umwelt erkauft werden. Und nicht das Privileg einiger weniger werden, die sich individuelle Mobilität noch leisten können. Das Auto wird Transportmittel für Menschen und Güter neben vielen anderen Alternativen.

Unsere Mobilität darf nicht mehr zulasten der Umwelt erkauft werden.

Sie kommen ja vom Automobil, waren bei Audi und BMW. Was haben Sie aus dieser persönlichen Entwicklung ins Heute herüber gerettet

Mobilität ist ein menschliches Grundbedürfnis und dabei kulturell sehr unterschiedlich besetzt. Als Grundlage unserer persönlichen Autonomie bereichert Mobilität unser Leben und steigert unsere Lebensqualität.

Was verstehen Sie unter „Smart Mobility“?

Wir wollen Mobilität von Menschen, Gütern und Daten als wichtige Grundlage für unsere Lebensqualität gestalten. Dabei sind wir neutral und unabhängig. Es geht nur, wenn wir unabhängig und verkehrsmittel-übergreifend denken und handeln. Es geht nicht darum, was technisch möglich ist und maximal Rendite bringt, sondern um neue Ansätze und Geschäftsmodelle, die von Kunden genutzt werden und sich rechnen.

Was muss, was kann Europa, speziell aber auch Deutschland, tun, um vielleicht sogar gestärkt aus der Coronakrise hervorzugehen

Covid-19 wirkt zusammen mit Tesla und dem Dieselgate wie ein Verstärker und Beschleuniger für die Notwendigkeit des Umdenkens und Wandels. Jetzt ist die aus meiner Sicht letzte Chance, die Transformation unserer Leitindustrie umzusetzen und eine ganzheitliche Mobilitätswende Hand-in-Hand mit einer Energiewende umzusetzen. Ich bin überzeugt, dass wir gestärkt aus dieser Krise herausgehen könnten. Dafür müssen wir jetzt mutig die Ärmel hochkrempeln und brauchen dafür als Grundlage einen Masterplan Mobilitätswende.

Welche Bausteine sind nötig, um die Wende tatsächlich umzusetzen?

Mobilität ist und bleibt Motor und Grundlage unserer Wirtschaft und unseres Wohlstandes. Neben neuen Antrieben wird die Mobilität von Daten eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Physische Mobilität wird dabei ergänzt und teilweise ersetzt durch digitale Mobilität. Nach der durch Covid-19 erzwungenen Digitalisierung unserer Kommunikation durch Videokonferenzen und Arbeitswege durch Homeoffice steht jetzt die Digitalisierung unserer Produktions- und Lieferketten an.

Langfristig werden wir uns gesünder, sicherer und entspannter von A nach B bewegen.

Und am Ende dieser neuen 20er-Jahre und später: Wie wird sich unsere Bewegungskultur bis dahin verändern?

Mobilität wird hybrid – wir haben immer öfter die Wahl zwischen physischer und digitaler Mobilität. Ergebnis für unsere Bewegungskultur: weniger Emissionen, weniger Unfälle und weniger Stau. Langfristig werden wir uns gesünder, sicherer und entspannter von A nach B bewegen.

Welchen Stellenwert räumen Sie mit Blick auf die Zukunft dem Individualverkehr, sprich dem Auto, noch ein?

Der hohe emotionale Stellenwert wird sich kaum ändern. Aber wir bewegen uns weg vom Besitz hin zur Nutzung. Neue flexible Nutzungskonzepte wie Sharing und Abomodelle werden Normalität. Elektromobilität spielt für die Zukunft eine Schlüsselrolle für den Erhalt unserer Auto-Mobilität und für die notwendige Transformation hin zu einer nachhaltigen Mobilität in einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Elektromobilität ist Fahrspaß pur, praktikabel, praktisch und Genuss ohne Reue. Und der Elektromotor ist unter Berücksichtigung von Herstellung, Anschaffung und Betrieb zunehmend die bessere und günstigere Alternative zum Verbrennungsmotor.

Und wird sich die Verkehrsinfrastruktur grundsätzlich verändern?

Aus meiner Sicht sollte Zugang zu Mobilität genauso wie unser Zugang zu Bildung und zu unserem Gesundheitswesen auch fester Bestandteil unserer staatlichen Grundversorgung werden. Dabei kommt dem öffentlichen Nahverkehr und der Schiene neben neuen Konzepten der Mikromobilität die Schlüsselrolle zu. Mikromobilität, also Kleinstfahrzeuge, wie der Microlino als moderne Interpretation der legendären BMW Isetta aus den 50er Jahren, werden als Gegenbewegung zum renditeträchtigen Trend zu SUV-Fahrzeugen eine wichtige Rolle spielen. Wir werden in Zukunft nicht weniger mobil sein, sondern anders. Entscheidend ist die nahtlose Verzahnung unterschiedlichster Transportmittel. Weniger wichtig wird sein, womit wir uns bewegen, sondern wie wir uns freudvoll von A nach B bewegen.

Dr. Kleebinder

 

 

 

 

Dr. oec. Hans-Peter Kleebinder ist unabhängiger Vortragsredner, Studienleiter für Smart Mobility Management an der Executive School Universität St. Gallen und wissenschaftlicher Fachbeirat im Bundesverband eMobilität. | Foto: Universität St. Gallen

Fazit

Transeuropäische Verkehrsnetze sind es vor allem, die der Mobilität künftig auf die Sprünge helfen können. Dabei geht es nicht nur um bauliche, also um technische Maßnahmen. Vielmehr muss sich grundsätzlich der Netzgedanke in Europa endlich durchsetzen, unabgestimmte Grenzschließungen sollten endgültig der Vergangenheit angehören.
Angesichts einer weiter zunehmenden Globalisierung, der eine Volkswirtschaft wie die deutsche letztlich ihren Wohlstand verdankt, muss auch der weltweite Klimaschutz einer grundsätzlich neuen Diskussion unterzogen werden. Jedes Schwarz-Weiß-Schema nach dem Motto „Dann fliegen wir halt weniger“ verbietet sich von selbst. Um den ökologischen Fußabdruck der Mobilitätswende mit der ökonomischen Variante in Übereinstimmung zu bringen, braucht es differenzierte, aber auch konsequent umgesetzte Maßnahmen auf allen Feldern der Logistik. Dazu zählen Investitionen etwa auf dem Gebiet der Wasserstoff-Technologie oder synthetischer Kraftstoffe, wie auch das breite Feld der Digitalisierung einen großen Beitrag zur einer höheren Effizienz leisten kann – mit der Vermeidung von Leerfahrten, weniger Staus und einer insgesamt besseren Integration der verschiedenen Verkehrsträger.