Mobilität
19. April 2021 6:00  Uhr

Mobilitätsbudgets nehmen langsam Fahrt auf

Peu à peu dringt der Trend zum Elektroantrieb ins Dienstwagen-Segment vor, auch Leasingfahrräder werden bei Mitarbeitern immer beliebter. Doch der Weg zu Nachhaltigkeit als neuem Statussymbol scheint noch weit.

Für Gesundheit, Verkehr und Klima wäre das Rad oftmals die beste Mobilitätsoption. Mit Leasingrädern und Mobilitätsgutscheinen wollen Firmen Mitarbeiter dazu bewegen, auf den Dienstwagen zu verzichten. | Foto: Halfpoint – stock.adobe.com

Von Josef König

REGENSBURG. Der Dienstwagen dankt als Statussymbol noch nicht ab. Allerdings gelten Mobilitätsbudgets unter Personalchefs als neues Anreizprogramm, um Mitarbeiter zu einem nachhaltigeren Reiseverhalten zu bewegen.

Als Vorreiter unter den deutschen Dax-Konzernen tritt hier das Walldorfer Softwareunternehmen SAP auf. Zunächst sollen laut lokalen Medienberichten 1.500 der insgesamt 20.000 Mitarbeiter ab April 2021 in einem Pilotversuch für ein flexibles Mobilitätsbudget auf den eigenen Firmenwagen verzichten. „Bei einem Mobilitätsbudget erhält ein Angestellter ein monatliches Budget, das von 300 bis 1.000 Euro variieren kann“, erklärt der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Tobias M. Nickel von der TH Deggendorf. Dieses Budget könne der Angestellte eigenverantwortlich für seinen gesamten Mobilitätsbedarf nutzen, etwa für Bahn, Leihwagen, Taxi oder E-Bike. Damit genießt er auf allen Reisen – einschließlich des Arbeitsweges – maximale Flexibilität. Freiheit und Flexibilität zähle gerade für die sogenannte Generation Y, also die Jahrgänge 1980 bis 2000, zwar nicht mehr so sehr als Statussymbol, so der Organisationsexperte. Derzeit dominiere wegen der Coronapandemie aber dennoch der Individualverkehr.

90 Prozent noch immer Verbrenner

5,2 Millionen Personenwagen haben laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) im Jahr 2020 einen gewerblichen Halter, sind also im weitesten Sinn Dienstwagen. Dies entspricht 10,7 Prozent des gesamten Fahrzeugbestandes. Im vergangenen Jahr wurden 194.163 elektrisch angetriebene Fahrzeuge angemeldet – so viele wie noch nie und mehr als dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Einen nennenswerten Effekt auf die Dienstwagenflotte hat das indes nicht: Hier liegt der Anteil der reinen Verbrenner noch immer bei 90 Prozent.

In Ostbayern gibt es allerdings bereits erste Ansätze, Mitarbeiter zum Umstieg auf andere, nachhaltigere Verkehrsmittel zu bewegen. Die Dräxlmaier Group in Vilsbiburg legt in ihrer „Car Policy“ Wert darauf, Elektromobilität- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge zu fördern. „Der Anteil reiner E-Autos im Firmenfahrzeugpool steigt kontinuierlich“, sagt Fuhrpark-Leiter Robert Huber. Das Unternehmen biete zudem an allen deutschen Standorten Lademöglichkeiten auch für private E-Autos.

Steuervorteile auch fürs Dienstfahrrad

Bei der BMW Group ist ein Mobilitätsprogramm mit Budgets in Planung und werde in absehbarer Zeit kommen, erklärt Dr. Britta Ullrich von der Unternehmenskommunikation. Die bisherigen Mobilitätsangebote stünden allen fest angestellten Mitarbeitern offen, unabhängig von einer Dienstwagenberechtigung. Dazu gehörten vergünstigte lokale ÖPNV-Angebote und die Möglichkeit, ein Dienstfahrrad zu leasen. „Das Lease-Rad-Programm kommt bei den Mitarbeitern sehr gut an“, sagt Ullrich. Bis zu zwei Räder für insgesamt 10.000 Euro kann ein Mitarbeiter über ein Partnerunternehmen leasen. Nach 36 Monaten besteht die Möglichkeit, die geleasten Räder zu kaufen. Zusätzlich winken steuerliche Vorteile: Fahrräder und E-Bikes müssen nur mit 0,25 Prozent des Listenpreises monatlich versteuert werden. BMW schlägt mit dem Leasing-Rad mehrere Fliegen mit einer Klappe: Die Gesundheit der Mitarbeiter werde gefördert, die Umwelt geschont und die angespannte Parkplatzsituation werde entschärft, heißt es beim bayerischen Autobauer.

Gesamtes Mobilitätsangebot weiterentwickeln

Die ZF Passau mit rund 4.000 Mitarbeitern arbeitet laut Elisabeth Poxleitner von der Kommunikationsabteilung daran, das Mobilitätsangebot in seiner Gesamtheit weiterzuentwickeln. Die ZF unterstützt Mitarbeiter über Zuschüsse für Monats- und Jahreskarten für den ÖPNV, die auch privat genutzt werden dürfen. Auf durchweg positive Resonanz ist das Fahrrad-Leasing-Angebot gestoßen. Die ZF Mitarbeiter erhalten einen Zuschuss zur Installation einer Wallbox im privaten Haushalt, wenn sie einen Elektro-Dienstwagen bestellen. Rund 80 Prozent der neu bestellten Fahrzeuge in Deutschland seien inzwischen elektrifiziert, so Poxleitner.

CO2-Neutralität als erklärtes Ziel

Die Siemens AG will bis ins Jahr 2030 an ihren Standorten CO2-neutral werden. Deshalb sei nachhaltige Mobilität rund um den Arbeitsplatz ein wichtiges Anliegen, so Pressesprecher Bernhard Lott. Viele Siemens-Standorte – auch in Regensburg – unterstützen die sogenannten Job-Abos der lokalen Verkehrsbetriebe. Ladesäulen für Elektroautos und E-Bikes der Mitarbeiter seien bereits Standard. An einigen Standorten gebe es sogar E-Cars, die für Dienstfahrten genutzt werden könnten. Für Bahnnutzer stellt Siemens bei Dienstreisen ab einem gewissen Jahreskontingent die entsprechenden Bahncards – von der Bahncard 25 bis zur Bahncard 100. Und für Vielfahrer im Vertrieb oder Service, die auf einen Dienstwagen angewiesen sind, will Siemens in die Elektro-Offensive gehen: Bis zum Jahr 2030 soll die komplette Fahrzeugflotte mit rund 50.000 Dienstfahrzeugen elektrifiziert werden. Bisher seien weltweit 3.000 elektrisch betriebene Fahrzeuge im Einsatz, so Bernhard Lott.

 

 

 

 

 

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