Arbeitsmarkt
22. März 2022 5:54  Uhr

Möglichst schnell wieder einen Job finden

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB warnt vor einem Teufelskreis: Bereits einige Monate ohne Erwerbsarbeit führen zu einem drastischen Verlust an sozialer Teilhabe.

Der Verlust des Jobs ist einschneidend. Die Langzeitfolgen sogar noch mehr. Foto: Antonioguillem – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Obwohl sich die gerade veröffentlichte Studie von Stefanie Gundert und Laura Pohlan, Autorinnen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), auf den Zeitraum von 2007 bis 2018 bezieht und damit die Auswirkungen der Coronapandemie noch gar nicht berücksichtigen konnte, ist eine Erkenntnis besonders alarmierend: Bereits einige Monate ohne Erwerbsarbeit zu sein, hat offenbar verheerende Wirkungen auf die soziale Teilhabe und das individuelle Wohlbefinden der betroffenen Arbeitnehmer. Dies ist nach Auffassung der Wissenschaftlerinnen durchaus bemerkenswert, da ja zum Beispiel die soziale Teilhabe, worunter man die Einbindung in Beziehungen und Organisationen versteht, letztlich als ein längerer Prozess gilt, der sich erst mit der Zeit verstärkt sowie mehr und mehr Lebensbereiche erfassen kann. Angesichts dieser Perspektive sei es dringend notwendig, vor allem eine verfestigte Arbeitslosigkeit und eine längere Abhängigkeit von Sozialleistungen zu verhindern, eine Langzeitarbeitslosigkeit also gar nicht erst entstehen zu lassen.

Psychische Belastungen

Wie Stefanie Gundert betont, gehe der Verlust des Arbeitsplatzes sehr häufig mit psychischen Belastungen einher, was schon deshalb als problematisch erscheint, weil sich dadurch die Chancen, einen neuen Job zu finden, verschlechtern würden. Schlimmstenfalls könnten die Betroffenen sogar in einen Teufelskreis geraten, in dem sich fehlende Arbeitsmarktperspektiven und gesellschaftliche Isolation wechselseitig verstärken: „Um dem vorzubeugen, erscheint es uns vor allem wichtig, Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, dabei zu unterstützen, möglichst schnell wieder eine Beschäftigung zu finden.“

Die IAB-Autorinnen haben in ihrer Studie bestätigt, dass der Verlust von Erwerbsarbeit tatsächlich negative Auswirkungen auf die subjektive Einschätzung der eigenen Handlungsfähigkeit und Problemlösungskompetenz hat, aber auch auf die mentale Gesundheit und die Lebenszufriedenheit. Diese Faktoren würden auch die Wiederbeschäftigungschancen beeinflussen.

In erster Linie seien von einem Jobverlust materielle Ressourcen betroffen. So schränken die Betroffenen angesichts des gesunkenen verfügbaren Haushaltseinkommens ganz generell ihren Lebensstandard ein, wovon natürlich auch die Möglichkeiten berührt werden, aktiv am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen. So würde häufiger als zuvor auf relativ kostenintensive Aktivitäten wie Kino- oder Theaterbesuche verzichtet, oder auch auf die Bewirtung von Freunden. Andererseits haben die IAB-Autorinnen keine Veränderungen hinsichtlich der Größe des Freundeskreises der von Arbeitslosigkeit Betroffenen feststellen können oder auch in Bezug auf Mitgliedschaften in Vereinen.

Zuerst Abstriche beim Urlaub

Wer seinen Job verliert, so die Erkenntnis aus der Studie, macht zunächst vor allem Abstriche beim Urlaub. Dagegen haben Arbeitsplatzverluste zumindest kurzfristig kaum Einfluss auf die Ausstattung mit langlebigen Konsumgütern wie etwa Haushaltsgeräten oder Fernsehern. Natürlich könne man in dieser Zeit auch weniger Rücklagen bilden und habe größere „Schwierigkeiten, unerwartete Ausgaben zu stemmen“, erläutert Stefanie Gundert.

Und wie kann man sich vor derartigen Folgen des Arbeitsplatzverlustes schützen? Laura Pohlan verweist darauf, dass die Studie sich zwar nicht systematisch mit der Stärkung der Widerstandsfähigkeit auseinandergesetzt habe. Dafür haben die IAB-Autorinnen aber einen Faktor analysiert, der als sehr wichtig bei der Bewältigung von Arbeitslosigkeit und ihren Folgen gilt, nämlich das Bildungsniveau. Es zeichne sich ab, so Laura Pohlan, dass ein Arbeitsplatzverlust die Teilhabechancen von Menschen mit höherer Bildung insgesamt weniger stark beeinträchtigt als dies bei Menschen mit geringen bis mittleren Qualifikationen der Fall ist. Dies liege vermutlich daran, dass höher Qualifizierte oft über mehr finanzielle und psychosoziale Ressourcen zur Bewältigung von Krisensituationen wie dem Verlust des Arbeitsplatzes verfügen.

In diesem Zusammenhang verweist Pohlan auch darauf, dass sich bei Personen, die arbeitslos geworden sind, ganz grundsätzlich die mentale Gesundheit verschlechtere. In zunehmendem Maße werde dabei von seelischen Problemen wie Angst, Niedergeschlagenheit und Reizbarkeit berichtet, wie auch die allgemeine Lebenszufriedenheit in dieser Phase deutlich zurückgehe.

„Teilhabe am Arbeitsmarkt“

Mit Blick auf die Langzeitarbeitslosigkeit, also auf Menschen, die derzeit ein Jahr und länger ohne Erwerbsarbeit auskommen müssen, verweisen Gundert und Pohlan in ihrer Studie auf das im Jahr 2019 eingeführte Instrument „Teilhabe am Arbeitsmarkt“, mit dem die Agentur für Arbeit die Teilhabe und Lebensqualität von „besonders arbeitsmarktfernen Personen“ fördern möchte. Dies sei schon deshalb nötig, weil Arbeitslosigkeit das gesellschaftliche Zugehörigkeitsempfinden stark beeinträchtigen könne. Derartigen Ausgrenzungserfahrungen von Menschen in prekären Lebensumständen könne man mit teilhabefördernden Maßnahmen entgegenwirken. Dies wäre auch ein Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, heißt es in der Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Auch wenn die IAB-Publikation die Effekte aus der Coronapandemie nicht einbeziehen konnte, so verweist man doch darauf, dass im Zuge dieser seit zwei Jahren anhaltenden Krise die Langzeitarbeitslosigkeit auf fast eine Millionen betroffener Menschen zugenommen habe und damit auch die Zahl der potenziell besonders von individuellen und sozialen Arbeitslosigkeitsrisiken betroffenen Menschen.

Interview

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