Gründerszene
17. Februar 2022 5:55  Uhr

Münchener Unis spielen eine große Rolle

Eine aktuelle Studie der Technischen Universität TU München widmet sich der Frage, welche deutschen Hochschulen welchen Erfolg bei der Gründung von Unternehmen haben.

Im Gegensatz zu den USA mangelt es deutschen Hochschulen oftmals an Raum, wo sich kreative Köpfe treffen können. Foto: Yakobchuk Olena – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

MÜNCHEN. Die Zahlen des US-Datenbankanbieters Crunchbase sprechen eine eindeutige Sprache: Große, staatliche Universitäten mit mehr als 10.000 Studierenden bringen in absoluten Zahlen die meisten Start-ups in den „Crunchbase Top 500“ hervor. Die bayerische Landeshauptstadt darf sich hierzulande über die beiden Spitzenpositionen freuen. Die Technische Universität München (TUM) hat mit 67 Start-ups bundesweit den größten Anteil an den Top 500, gefolgt von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München mit 52. Drittplatzierte ist die in Vallendar in Rheinland-Pfalz beheimatete WHU Otto Beisheim School of Management mit 48.

Die TUM ist Spitze in absoluten, die WHU in relativen Zahlen

Das Ranking des Forscherteams ist das erste „hard facts“-ergebnisorientierte Ranking deutscher Hochschulen, das neben Kennzahlen zu absoluter Entrepreneurship Performance, also der Anzahl der Gründungen der Hochschule, auch die relative Entrepreneurship Performance, die Gründungen der Hochschule im Verhältnis zur Anzahl der Studierenden, beleuchtet.

In der relativen Betrachtung steht die WHU klar an erster Stelle, da 48 Start-ups unter den Top 500 aus nur 1371 Studierenden hervorgegangen sind. Die beste staatliche öffentliche Universität, die Uni Mannheim mit 24 Start-ups bei 12.088 Studierenden, bekleidet Rang neun. Die TUM – 67 Start-ups bei 42.202 Studierenden – komplettiert die Top Ten. Die Studienleiterin und zugleich Gründungsbotschafterin der TUM School of Management, Prof. Dr. Isabell M. Welpe, lobt den Spitzenreiter der relativen Gruppe: „Die WHU bringt relativ zur Anzahl ihrer Studierenden die meisten Gründungen in den Top 500 hervor, das ist beeindruckend. Die TU München ist die Nummer eins bei der absoluten Betrachtung der gegründeten Start-ups, auch gegenüber anderen großen öffentlichen und privaten Hochschulen.“

Die Bundeshauptstadt zieht viele Gründer an

Die aktuelle Studie beleuchtet indes die Studienorte derjenigen, die die Top-500-Start-ups gegründet haben. „Wir untersuchen nicht, wo letztendlich konkret gegründet wurde, haben uns das aber durchaus angesehen“, berichtet Welpe. Obwohl die Hauptstadt mit Start-ups häufig in Verbindung gebracht werde, spielt neben den Berliner Universitäten die WHU hier eine zentrale Rolle. „Viele Studierende der WHU gehen nach Berlin, um zu gründen. Zusammengefasst kann man sagen, dass unabhängig vom Gründungsort die Münchner Universitäten sehr wichtig für den Standort Deutschland sind, da sie eine Vielzahl der Gründer von erfolgreichen Start-ups hervorgebracht haben.“

Die guten Bedingungen in der bayerischen Landeshauptstadt macht Welpe an mehreren Faktoren fest. „Ein wichtiger Grund ist sicher das Ökosystem. Die beiden hervorragenden Universitäten ziehen gute Leute an. Zusätzlich haben die LMU, aber vor allem auch die TUM viel getan: Die Samen für ein Entrepreneurship-Ökosystem wurden frühzeitig gesät und sind aufgegangen.“ Beispiele seien das Zentrum für Gründung und Innovation „UnternehmerTUM“ und das bereits 1998 gegründete Center for Digital Technology and Management (CDTM). Jede Fakultät an der TUM hat im Rotationsprinzip einen Beauftragten, der mehr für das Thema Gründung zuständig ist als andere Kollegen. „Im Moment bin ich auch akademische Direktorin des CDTM und dadurch viel mit Gründungsthemen befasst: Als Ansprechpartnerin für Venture-Capital-Geber, Investoren, Gründer, Verwaltungsstellen und die Studierenden, die mit Gründungsanliegen auf mich zukommen.“

Deutschland benötigt dringend Gründungen

Das Amt der Gründungsbotschafterin lebt Welpe mit Leib und Seele. „Erstens ist mir ,Research with Impact‘, also Forschung, die einen Unterschied macht, sehr nah. Und Entrepreneurship hat eben genau diesen Impact. Wenn Sie ein Unternehmen gründen, und besonders eines, das auch tatsächlich Marktnachfrage hat, dann hat das eine positive Wirkung“, erklärt Welpe ihre besondere Motivation. Das Thema Gründungen habe einen hohen Sinn und es mache natürlich Spaß, Teil eines größeren Ganzen zu sein, das wichtig ist. „Zweitens benötigt Deutschland ja ganz dringend Gründungen: Wenn man sich die digitale Wirtschaft anschaut und mit Ländern wie China oder den USA vergleicht, dann sind wir ja Zwerge.“ Deutschland könne heute aber nicht auf Neugründungen setzen, um die digitale Transformation zu bewältigen. „Wir müssen auf unsere bestehenden Unternehmen setzen, was sehr schwierig ist. Also tun wir alle gut daran, Gründungen zu fördern, damit die Gesamtwirtschaft diesen Transfer schafft“, sagt Welpe.
„Gründung bringt das Neue in die Welt. Die Probleme der Menschheit lassen sich meiner Ansicht nach vor allem durch Forschung und Entrepreneurship lösen“, sagt die Wissenschaftlerin. Das Edelman Trust Barometer, eine jährlich aufgelegte Studie, die untersucht, wem die Menschen vertrauen, habe nicht umsonst ergeben, dass in vielen Ländern die Menschen angäben, dass sie Entrepreneurs viel mehr vertrauten als Politikern. In Deutschland liege die Politik knapp vorne, wobei sie durch Corona an Vorsprung eingebüßt habe.

In Deutschland fehlen Kreativen oft die (Frei-)Räume

Aber wo ist aus Sicht der Gründungsbotschafterin in Deutschland konkret Nachhol- oder sogar akuter Handlungsbedarf? „Mir ist aufgefallen, dass der Großteil der Entrepreneur-Community in studentischen Initiativen stattfindet, die von den Studierenden selber ausgehen. Also ist es wichtig, Räume zu schaffen, in denen Menschen zusammenkommen, die neugierig sind und einen großen Eigenantrieb haben, etwas Bedeutsames zu schaffen“, berichtet die Professorin. „Wenn man beispielsweise das ehemalige ‚Building 20‘ am MIT nimmt: Ein eher hässliches Gebäude, das aber als ‚magischer Inkubator‘ die Heimat vieler Gründer und Forscher war. Dort konnten die Kreativen hingehen und machen, was sie wollten.“ In Deutschland fehlen dagegen oft genau diese (Frei-)Räume an den Hochschulen, was laut Welpe auch damit zusammenhängt, dass an deutschen Hochschulen anders als auf den Campusuniversitäten im Ausland weniger akademisches und studentisches Leben stattfindet. „Es gibt hierzulande auch viel weniger studentische Initiativen und Clubs. Da bleibt viel Kreativität einfach auf der Strecke“, sagt Welpe.