Monatssieger September: Bayernwerk
27. September 2021 6:00  Uhr

Multitalent aus Second-Life-Akkus

Das Bayernwerk hat in Kooperation mit der Innofas GmbH den mobilen und flexiblen Speichercontainer Oskar II. für intelligentes Energiemanagement entwickelt – die Basis bilden Batterien aus ausgedienten Testfahrzeugen.

Egon Schubert, Geschäftsführer Innofas GmbH, und Dr. Egon Leo Westphal, Vorstandsvorsitzender des Bayernwerks, (v. li.) präsentieren den Ladevorgang eines E-Autos aus dem Bayernwerk-Fuhrpark. | Foto: Robert Torunsky

Von Robert Torunsky

REGENSBURG. Lösungen sucht man am besten dort, wo das Problem liegt. Das Bayernwerk hat seit Jahren die Elektrifizierung seines Fuhrparks konsequent vorangetrieben und dazu in der Tiefgarage seiner Regensburger Zentrale eine Ladestraße installiert. „Die 50 Ladepunkte sind stark frequentiert“, berichtet Andreas Lesny. „Im normalen Betrieb führt das dazu, dass die Anschlussleistung des Gebäudes zu bestimmten Zeiten nahezu ausgereizt war. Um unsere Ladevorgänge aufrechtzuerhalten, brauchten wir eine Lösung, die das Vorhandene maximal nutzt, innovativ und vor allem nachhaltig ist“, erklärt der Experte für E-Mobility in der Netzwirtschaft bei der Bayernwerk Netz GmbH. Die Idee eines Speichercontainers aus Second-Life-Batterien war geboren.

Lastspitzen werden abgedeckt

Der neuartige Speichercontainer, den das Bayernwerk in Zusammenarbeit mit der Innofas GmbH entwickelt hat, trägt den Namen Oskar II. Der Name spielt auf den Bayernwerk-Gründervater Oskar von Miller an, der seine Visionen in die Tat umgesetzt hat. Oskar II. ist ein vielseitig einsetzbares Multitalent, besteht aus gebrauchten Akkus und ist Ende Februar auf dem Gelände des Bayernwerks in Regensburg in Betrieb genommen worden. Mit dem neuen Speicher deckt das Bayernwerk Lastspitzen beim Ladebedarf von E-Fahrzeugen ab. „Der Prototyp Oskar II. funktioniert im vorliegenden Anwendungsfall genauso, wie wir es uns vorgestellt und erhofft haben“, freut sich Lesny. Nun gelte es, neue Anwendungsfälle zu erproben, damit wir die Grenzen und alle Möglichkeiten von Oskar II. kennen.

Intelligent und nachhaltig

Insgesamt bietet die Anlage eine Kapazität von 480 Kilowattstunden. Möglich machen das die gebrauchten Lithium-Ionen-Akkus von Audi-Testfahrzeugen, eine integrierte Photovoltaikanlage auf dem Dach und ein Energiemanagementsystem. Der Speichercontainer verfügt über drei Ladepunkte für Elektrofahrzeuge und steigert damit die Gesamtzahl. „Mit dem Fortschreiten der Energiewende spielen Speichermöglichkeiten eine immer größere Rolle. Denn wir brauchen sie für die intelligente Steuerung der Netze ebenso wie für die Elektromobilität. Im Falle von Oskar II. greifen beide Sektoren ineinander“, sagt Dr. Egon Leo Westphal, Vorstandsvorsitzender des Bayernwerks. „Neben der intelligenten Speicherfunktion hat bei Oskar II. auch der Aspekt Nachhaltigkeit im Zentrum der Überlegungen gestanden“, erläutert Egon Schubert, Geschäftsführer und Inhaber der Innofas GmbH. Der Kontakt der beiden Unternehmen kam über einen ebenfalls in Ingolstadt beheimateten Autohersteller zustande. Nach einem persönlichen Kennenlernen waren wir schnell überzeugt, dass wir mit Innofas den richtigen Partner für eine Zusammenarbeit zur Entwicklung dieser zukunftsfähigen Lösung gefunden haben“, sagt Lesny.

Zweiter Lebenszyklus

Dr. Egon Leo Westphal unterstreicht, das Bayernwerk wolle mit der Innovation auch eine gut organisierte Kreislaufwirtschaft ankurbeln – denn mit dem Ausbau der Elektromobilität fallen zukünftig auch immer mehr Akkus zur Wiederaufbereitung an. Ihnen soll das Projekt einen zweiten Lebenszyklus ermöglichen.

Durch das intelligente Energiemanagementsystem kann der Container zum Peak Shaving genutzt werden, also als ausgleichendes Element beim Netzmanagement dienen. Beispielsweise kann die überschüssige Energie einer Photovoltaik- oder Windkraftanlage gespeichert und dann bei Lastspitzen genutzt werden. Durch solche Lösungen können die Verteilnetze effizienter genutzt und noch mehr dezentrale Erzeugungsquellen ans Stromnetz angeschlossen werden.

Strom für die Insel

Oskar II. kann auch für den Inselbetrieb eingesetzt werden, also dort, wo gar kein Netz oder nicht ausreichend Kapazität zur Verfügung steht. Naheliegend ist etwa der temporäre Einsatz bei Veranstaltungen im Freien oder als Schnellladestation auf Autobahnraststätten mit geringer Anschlussleistung. Oskar II. kann die eigentliche Netzleistung temporär erhöhen. „Nicht in allen ländlichen Gebieten ist genügend Leistung für Schnellladestationen vorhanden. Mit solchen mobilen Lösungen können Schnellladestationen auch an abgelegenen Orten realisiert werden. So bringen wir den Ausbau der Elektromobilität noch schneller voran“, erläutert Egon Westphal. „Um den Speichercontainer bei Bedarf an andere Standorte transportieren zu können, musste er kompakt gebaut werden“, berichtet Andreas Lesny über die in Kooperation mit Innofas bewältigte Herausforderung.

Das Elektromobil als temporärer Stromspeicher

„Damit Oskar II. immer up to date bleibt, beobachten wir natürlich auch Entwicklungen am Markt. Eine davon ist das bidirektionale Laden von Elektrofahrzeugen, das Zurückspeisen von Strom aus ihrer Batterie ins Netz“, blickt Lesny voraus. Bereits heute könne Oskar II. bidirektional laden. Alles, was dazu notwendig ist: ein bidirektionales Fahrzeug und ein Softwareupdate. „Oskar II. und das Elektroauto können beispielsweise mittags Solarstrom speichern und nachts wieder für das eigene Gebäude bereitstellen“, sagt Lesny. Weiterhin könnte Oskar II. die Rolle als Aggregator übernehmen und somit neben seiner eigenen Speicherkapazität die des Elektroautos als Flexibilität fürs Stromnetz zur Verfügung stellen. Ein echter Vorreiter eben.