Lieferketten
13. Juli 2021 6:09  Uhr

Volle Auftragsbücher, kein Material

Unternehmen sehen sich nach der Pandemie plötzlich mit einem Mangel bei Rohstoffen und Vorleistungen konfrontiert. Statt einem „weiter wie bisher“ geht es nun verstärkt um Resilienz.

Eine funktionierende Lieferkette ist die unverzichtbare Basis unseres Wirtschaftssystems. Wenn sie reißt, ist das ein echter Härtetest – und ein Weckruf für mehr Resilienz. Foto: Mongkol Chuewong – stock.adobe.com

Von Thomas Tjiang

NÜRNBERG. Als im ersten Lockdown vor mehr als einem Jahr die Regale mit Nudeln, Mehl und Toilettenpapier plötzlich leergehamstert waren, sorgte das bei den Verbrauchern für Ärger. Hamsterkäufe galten zwar als egoistisches und unsoziales Verhalten, zugleich lösten Berichte über aufgekaufte Sortimente ein Rudelverhalten aus und verstärkten das Phänomen tendenziell noch. Außer Verbraucherfrust waren die Probleme allerdings übersichtlich. Die Warenlager waren voll, die Lieferketten bei Lebensmitteln intakt. Lediglich bei Masken und Desinfektionsmitteln signalisierten hohe Preise die knappe Verfügbarkeit.

Baugewerbe und Export als stabilisierende Kraft

Als konjunktureller Stabilisator erwies sich in Pandemiezeiten zum einen die robuste Konjunktur im Bauhaupt- und Nebengewerbe. Zum anderen entwickelte sich der Export als stabilisierende Kraft. Praktisch lehrbuchartig in „V“-Form – schnell runter, schnell rauf – brach das Auslandsgeschäft mit dem ersten Lockdown kräftig ein, um sich ebenso rasant zu erholen. Die kurzfristig teils auch politisch durch Grenzschließungen gestörten Lieferketten waren schnell wieder betriebsfähig.

Renaissance eines lange vergessenen Mangels

Seit Jahresbeginn macht nun das längst vergessene Wort vom Rohstoffmangel die Runde. Das Phänomen war eigentlich bis zur Verkündung der globalen Pandemie durch die WHO weitgehend aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Lediglich lokale Störungen oder Spekulanten trieben die Kurse für Metalle, Kaffee oder Weizen auf schwindelerregende Höhen.

Zunächst sorgte der Containermangel in China bei Unternehmen für Staunen (die Wirtschaftszeitung berichtete in der Juni-Ausgabe „Container sind Mangelware“) und vervielfachte die Preise. Hinzu kommt ein auch durch Corona teils eingeschränkter Hafenbetrieb und der tageweise blockierte Suezkanal im April. Das sorgte für einen Stau auf den globalen Wasserrouten. Im Juni warteten rekordverdächtige 300 Frachter auf Einfahrt in völlig überfüllte Häfen rund um den Globus.

Der Hunger auf Halbleiter wächst

Die Entwicklung wird durch die konjunkturelle Erholung nach dem Coronatief noch verschärft. Elektronische Bauteile waren bereits in Zeiten von Homeoffice unter anderem in Form von Laptops, Tablets und Smartphones bis hin zu Heimkino und Spielekonsolen stark nachgefragt. Auch manche Chipfabrik konnte wegen der Pandemie und lokalen Schließungen nur eingeschränkt produzieren. Mit der Erholung bei den Autobauern und dem Vormarsch der Elektroantriebe wächst der Hunger auf Halbleiter, die unabhängig von den Lieferketten kaum zu bekommen sind. Das kostengünstige Just-in-time-Management zeigt sich nun von seiner dunklen Seite, der Chipmangel legt die Produktionsstraßen etwa von Audi, BMW, Daimler und VW lahm.

Dramatische Engpässe bei Vorprodukten

Die Engpässe bei Vorprodukten sind so stark, dass das Ifo-Institut Mitte Juni seine Konjunkturprognose kürzte. Statt eines Wachstums von 3,7 Prozent dürften es in diesem Jahr nur noch 3,3 Prozent werden. „Kurzfristig dämpfend wirken vor allem die Engpässe bei der Lieferung von Vorprodukten“, erläutert Timo Wollmershäuser, der Leiter der ifo-Prognosen. Dafür erhöhte es seine Vorhersage für das kommende Jahr um rund ein Viertel auf 4,3 Prozent. Die erwartete kräftige Erholung durch die abgeflaute Pandemie verschiebt sich zeitlich nach hinten. Insgesamt allerdings brummt die Weltkonjunktur, dem Warenhandel wird 2021 ein Plus von 11 Prozent vorhergesagt. Die in den USA von einem Billionen-Dollar-Programm befeuerte Konjunktur und die bereits im letzten Jahr erholte Wirtschaft in China sorgen bei Rohstoffen und Vorprodukten zu weiteren Verwerfungen. Fichten- und Tannenholz, Betonstahl und Kunststoffe sind plötzlich Mangelware, die sich innerhalb eines Jahres teils um ein Viertel bis ein Drittel verteuert haben. Wenn überhaupt etwas zu bekommen ist. Beim Holz kommen zur wachsenden Nachfrage beispielsweise noch ein Zollstreit zwischen den USA und Kanada sowie Waldbrände und Schädlingsbefall hinzu. China wiederum bekommt kein Holz mehr aus Russland und kauft deshalb in Deutschland den Rohstoff auf. Für bayerische Handwerksbetriebe haben die Ereignisse an anderen Ecken der Welt ganz konkrete Auswirkungen.

Viel Aktionismus, wenig Nachhaltiges

In Summe sind viele Branchen in Deutschland davon überzeugt, die Folgen der Coronapandemie gut zu bewältigen. Das hat der Management- und Technologieberater Sopra Steria in der Studie „Potenzialanalyse Resilienz“ herausgefunden. Allerdings fürchten die Berater, dass viele Unternehmen oft nur auf Krisen reagieren, statt wirklich aus ihnen zu lernen. „Dass man es geschafft hat, den Laden am Laufen zu halten, ist wichtig, hebt einen aber noch nicht vom Wettbewerb ab“, konstatiert Sopra-Steria-CEO Krämer. „Resilienz darf nicht in Risiko-Aversion enden, die nur darauf aus ist, Konzepte, Ideen und Systeme nach allen Seiten abzusichern, ohne innovativ zu denken.“

Interview

Auch Klimawandel gefährdet die Lieferketten

Dr. Hendrik Birkel, Habilitand am Lehrstuhl für Supply Chain Management an der Universität Erlangen-Nürnberg, erklärt im Interview, warum die Wirtschaft sich zukünftig wohl häufiger auf Lieferengpässe einstellen muss.

Hier geht’s zum Interview …