Interview
30. Oktober 2021 13:43  Uhr

Nachhaltiges Potenzial für die Lebensmittelbranche

Der Beruf des Insektenzüchters ist zukunftsträchtig und eine Alternative nicht nur für Landwirte. Marco Schebesta von Six feet to eat in Schnürpflingen bei Ulm erklärt, warum das so ist.

Marco Schebesta von Six feet to eat ist sich sicher, dass im Speiseinsektenmarkt großes Potenzal steckt. | Foto: Catchyourbug/Marvin Schebesta

Von Rebecca Sollfrank

Herr Schebesta, Ihr Unternehmen war das erste, das in Deutschland eine Zulassung für Speiseinsekten bekommen hat. Ist Insektenzüchter ein Beruf mit Zukunft?

Marco Schebesta: Auf jeden Fall. Das Potenzial, das in diesem Markt steckt, ist aus unserer Sicht gewaltig. Natürlich gibt es noch Hemmschwellen, die man beim Verbraucher überwinden muss. Aber alternative Proteingewinnung ist ja durch die Tierleid- und die Klimadebatte heute mehr denn je in aller Munde. Start-ups mit Insektenprodukten tauchen im Fernsehen in Investorensendungen auf und man findet solche Produkte teils schon in den Regalen der Supermärkte. Das Interesse an Proteinen aus Insekten erleben wir auch auf Messen. Und an unseren Stand kommen Interessenten jeden Alters.

Also könnten Speiseinsekten auf der immer stärkeren Welle der bewussten Ernährung mitschwimmen?

Genau. Das Mehl, das wir aus unseren Speiseinsekten herstellen, lässt sich praktisch so verwenden wie Getreidemehl. Nur enthält es natürlich kein Gluten, dafür aber unter anderem Ballast- und Mineralstoffe, Omega-3-Fettsäuren und vor allem Vitamin B2 und B12. Letzteres sollten Vegetarier und Veganer ja substituieren, weil B12 ein typisches Vitamin aus tierischer Quelle wie Fleisch ist. Wir verwenden zu Hause das Mehl gerade wegen seiner gesunden Nährstoffzusammensetzung. Wenn man die für unseren Kulturkreis vielleicht noch problematische Herkunft ausblendet und nur die Nährstoffqualität betrachtet, könnte ich mir vorstellen, dass viele Menschen sich auf solche Zutaten einlassen. Folglich bräuchte man in der Zukunft auch mehr Insektenzüchter.

Insekten haben in Zucht und Haltung sehr spezielle Anforderungen und sind erstaunlich sensibel.

Welche Voraussetzungen braucht man, um Insektenzüchter zu werden – wäre das zum Beispiel eine Alternative für Landwirte, die ja in unserer Kultur traditionell für die Nutztierzucht zuständig sind?

Bisher gibt es noch keine berufsrechtlichen Zugangsvoraussetzungen. Wer sich heute mit Insektenzucht beschäftigt, kommt oft zum Beispiel aus der Reptilienhaltung, wo Insekten als Futtertiere schon sehr lange eine wichtige Rolle spielen. Ich selbst bin Quereinsteiger und komme aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Ein weiterer Partner ist Biologe und das ist eine gute Grundlage. Insekten haben in Zucht und Haltung sehr spezielle Anforderungen und sind erstaunlich sensibel. Einerseits braucht man wesentlich weniger Platz für die Zucht als etwa für Säugetiere. Für Insekten ist ein dichter Besatz nicht nur unproblematisch, sondern bis zu einem gewissen Punkt sogar erforderlich wegen der Temperaturregelung. Trotzdem muss man lernen, wo die richtige Besatzdichte liegt. Und Schwankungen wirken sich sehr schnell negativ aus. Auch was die Fütterung angeht, sind unsere Insekten durchaus anspruchsvoll. Ein Kopfsalat aus dem Supermarkt ist so stark mit Spritzmitteln belastet, dass er eine Population sehr schnell zusammenbrechen lassen kann. Und aufgrund des Schwarmverhaltens und der gegenseitigen Abhängigkeit bei Insekten sterben bei entsprechenden Störfaktoren nicht einzelne Tier, sondern womöglich der ganze Stamm. Diese hohe Sensibilität der Insekten macht ihre professionelle Zucht natürlich zu einem Geschäft mit nicht geringem Ausfallrisiko.

Sich das Know-how über die erfolgreiche Zucht zu erarbeiten, reicht ohnehin nicht …

Nein. Wer zugelassene Speiseinsekten züchten will, muss ähnliche Standards wie überall in der tierischen Nahrungsmittelproduktion einhalten und braucht die entsprechenden regulatorischen Kompetenzen. Das beginnt bei mikrobiologischen Analysen und geht bis hin zu Nährwertuntersuchungen. Regelmäßige Kontrollen durch das Veterinäramt sind auch bei uns selbstverständlich. Andererseits wissen wir, dass sich Landwirte inzwischen für die Insektenzucht als Alternative interessieren. Unter anderem klagen Schweinezüchter, dass sich die inländische Schweinefleischproduktion aufgrund der Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr rechnet. Der Umstieg auf Insekten ist aber nicht nur ein Sprung in ein völlig neues Züchter-Know-how, sondern auch eine regulatorische Herausforderung, eben weil Speiseinsekten für den menschlichen Verzehr immer noch exotisch sind. Ich denke, die Weiterentwicklung des Berufs des Insektenzüchters hängt stark an einem nötigen Kulturwandel beim Verbraucher.

Auf jeden Fall könnte die Insektenzucht zum Gamechanger bei der Reduktion des Fleischkonsums werden.

Wie könnte denn die Branche der künftigen Insektenzüchter aus Ihrer Sicht aussehen?

Das ist eine spannende Frage. Ich bin mir sicher, dass sich in zehn Jahren die Zucht von Insekten als Proteinquelle als Problemlöser für viele Nachhaltigkeitsfragen etabliert haben wird. Dieser Markt hat in naher Zukunft gute Wachstumschancen. Dafür braucht es dann entsprechende Branchenstrukturen – egal ob es um Futtermittelproduktion für die Tierhaltung oder um direkte Produktion für den menschlichen Verzehr geht. Bei Letzterem sehe ich das größte Potenzial im Bereich Grundnahrungsmittel wie Mehl, Nudeln, aber auch andere Produkte, bei denen man alternative tierische Proteine einsetzen will. Auf jeden Fall könnte die Insektenzucht zum Gamechanger bei der Reduktion des Fleischkonsums werden.

Und damit zur stabilen beruflichen Grundlage?

Vor allem zu einer beruflichen Grundlage ohne das schlechte Gewissen, gegen das Klima zu arbeiten. Denn wenn man die Faktoren Ressourcen- und Flächenverbrauch betrachtet, dürfte die Nahrungsquelle Insekten mit Abstand die effektivste Produktionsvariante sein, noch vor der rein pflanzlichen Ernährung. Wir erreichen mit wenigen Ressourcen einen maximalen Output. Wir produzieren so gut wie keinen Abfall und erzeugen trotzdem ein Nahrungsmittel mit wertvollen essenziellen Nährstoffen.

Und wie sieht es mit dem Tierwohl aus?

Wie schon eingangs erwähnt, wenn man die Bedürfnisse der Insekten kennt, ist mit wenig Platzaufwand eine artgerechte Haltung zu erreichen. Und schlussendlich spielt uns die Natur der Insekten als wechselwarme Tiere auch beim Faktor Tötung in die Hände. Unsere Insekten werden nämlich einfach langsam heruntergekühlt, bis der Stoffwechsel zum Erliegen kommt. Das bereitet den Tieren keinen unnatürlichen Stress, denn in der Natur passiert im Winter genau das Gleiche.