Interview
18. November 2021 5:55  Uhr

Nachwuchsförderung lohnt sich immer

Bob Hanning gilt als einer der erfolgreichsten Funktionäre im Welthandball. Im Interview spricht er über die Folgen von Corona, die Vorzüge der Nachwuchsförderung und seine Karriereziele.

Bob Hanning, Foto: Sascha Klahn

Von Robert Torunsky

Herr Hanning, in Ihrem Spiegel-Bestseller „Hanning. Macht. Handball“ beschreiben Sie Ihre Anfänge beim aktuellen Tabellenzweiten der Liqui Moly Handball-Bundesliga, den Füchsen Berlin. 1038 Euro wurden in der Saison 2005/06 durch Ticketeinnahmen erlöst. Warum waren die Anfänge so zäh?

Bob Hanning: Wir hatten null Lobby und es gab 127 andere Erst- und Zweitligisten in der Stadt. Abstiegskampf in der 2. Handball-Bundesliga hat niemanden interessiert. Von den 17 Dauerkarten gingen damals 15 an den Fanklub und zwei an meine Eltern in Essen.

In mittlerweile 16 Jahren als Geschäftsführer haben Sie die Füchse zu einem deutschen Spitzenteam entwickelt, das auch international mit den EHF-Pokalsiegen 2015 und 2018 und dem zweifachen Gewinn der Vereinsweltmeisterschaft für Furore sorgt. Wie hat sich das Ticketing entwickelt und welche Auswirkungen hatte und hat Corona?

Vor der Coronakrise beliefen sich die Jahreseinnahmen durch Ticketingerlöse auf rund 1,5 Millionen Euro. Diese Einnahmen sind durch die Geisterspiele komplett weggebrochen. Mittlerweile sind wir wieder auf dem Weg, gut ein Drittel des Vor-Corona-Niveaus zu erreichen, doch das ist natürlich immer noch signifikant weniger. Ohne Zuschauer überlebst du in unserer Sportart nur mit Nachhaltigkeit. Die Krise macht ehrlich.

Die befürchteten Insolvenzen sind aber ausgeblieben …

Ja, die Vereine haben das zum Glück insgesamt gut weggesteckt. Natürlich auch durch die staatlichen Hilfen. Ich finde diese Unterstützung auch nach wie vor richtig, denn die Leuchttürme des Sports durften nicht zerstört werden. Sie sorgen im Normalfall ja für Stabilität und Einnahmen. Junge Menschen brauchen auch Vorbilder.

Von den 17 Dauerkarten gingen damals 15 an den Fanklub und zwei an meine Eltern in Essen.

Wie war Ihr Ansatz bei den Füchsen?

Neben den erwähnten staatlichen Hilfen war auch der Gehaltsverzicht der Mitarbeiter essenziell. Die Spieler verzichteten ohne Murren auf 20 Prozent, was ich besonders den Spielern hoch anrechne, die den Verein nach der Saison verlassen mussten. Unsere Fans und Sponsoren haben ebenfalls einen großen Beitrag geleistet. Glücklicherweise haben wir so ein Vertrauensverhältnis zu unseren Sponsoren aufgebaut, dass die, die nicht bezahlen konnten, von anderen, die aufgestockt haben, ausgeglichen wurden. In der größten Krise des Vereins konnten wir auf unsere Freunde bauen.

… und der Verein auf Sie.

Der Verein hat mich in der Krise gebraucht. Als geschäftsführender Gesellschafter habe ich dafür gekämpft, dass alles, was wir in den vergangenen gut 15 Jahren aufgebaut haben, erhalten bleibt.

Dazu gehört auch die Jugendarbeit, die weltweit ihresgleichen sucht.

Ich bin sehr stolz auf das, was wir in Berlin mit Füchse Town geschaffen haben. Wir haben Profis und Jugend zusammengeführt: Das schafft Zusammenhalt, das schafft Gemeinsamkeit, das schafft Motivation durch Identifikation. Der Erfolg unseres Projekts hat sich herumgesprochen: In den vergangenen Jahren hatten wir regelmäßig Gäste, auch aus dem Fußball – von Borussia Mönchengladbach bis RB Leipzig. Unsere Philosophie, nicht nur internationale Stars zu verpflichten, sondern auch eigene zu entwickeln, lebt durch die Beförderung unserer Jugend-Nationalspieler Nils Nichtlein, Matthes Langhoff und Marc Walter in den Profikader weiter.

Was trauen Sie dem Regensburger Nils Lichtlein zu?

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan von ihm bin. Er ist eine der ganz großen Hoffnungen für den deutschen Handball und auch für die Füchse Berlin. Er muss jetzt gesund bleiben und weiter hart an seiner Karriere arbeiten, dann bin ich sicher, dass er ein sehr großes Potenzial besitzt.

Zu sehen, wie junge Menschen sich entwickeln, und ihnen eine ganzheitliche Ausbildung zu vermitteln, hat mich immer schon motiviert.

Trotz Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer und bis vor Kurzem auch als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes haben Sie auch täglich die A-Jugend trainiert und zahlreiche Deutsche Meisterschaften als Coach gewonnen. Was bedeutet Ihnen die Arbeit mit Jugendlichen und warum können Sie Entscheidern mit ähnlich ausgefüllten Tagen ehrenamtliches Engagement ans Herz legen?

Nachwuchsförderung lohnt sich immer. Zu sehen, wie junge Menschen sich entwickeln, und ihnen eine ganzheitliche Ausbildung zu vermitteln, hat mich immer schon motiviert. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir viel mehr Potenzial in unserer Gesellschaft hätten, wenn wir es nur noch mehr wecken würden.

Im Oktober haben Sie nach acht Jahren nicht mehr für das Amt des DHB-Vizepräsidenten kandidiert. Viele sehen Sie als Macher großer Erfolge wie des EM-Titels 2016 und der Professionalisierung des Verbandes, Kritiker als Selbstdarsteller, der zuletzt aufgrund einer überzogenen Zielsetzung „Olympiagold 2020“ auf die Nase gefallen ist. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Insgesamt bin ich sehr zufrieden. Ich bin damals mit der Zielsetzung angetreten, den größten Handballverband der Welt zu professionalisieren. Weg vom Ehren-, hin zum Hauptamt, denn Amateure hoffen, Profis arbeiten. Die Welt- und Europameisterschaften, die wir austragen durften und dürfen, sind kein Zufall. Angetackerte Werbebotschaften und unbekannte Sponsoren sind Geschichte. Mittlerweile sind wir ausvermarktet und können uns den Trikotsponsor aussuchen. Das hat es vorher in Deutschland noch nicht gegeben. Natürlich gab es auch Fehler wie die Entscheidung für Christian Prokop als Bundestrainer. Im Nachhinein war er der falsche Trainer für diesen Zeitpunkt, von seinen sportlichen Qualitäten bin ich bis heute aber noch sehr überzeugt. Ich bin auch nach wie vor der Meinung, dass es richtig war, an dem vor vielen Jahren formulierten Ziel „Gold 2020“ festzuhalten. Das war nicht sehr realistisch, aber besser, als vor dem Turnier das Ziel zu korrigieren. Wir hatten in Tokio letztlich einfach zu viele Totalausfälle und andere Länder mehr Zeit für die Vorbereitung.

Und die Sache mit dem Selbstdarsteller?

Die bunten Pullis haben ihren Zweck erfüllt und Aufmerksamkeit auf den Handball gelenkt. Ich mag es einfach bunt und habe mit den Outfits bewusst provoziert. Wer mich kennt, weiß, dass es mir aber immer um den Handball geht. Auch deswegen habe ich das Buch geschrieben, denn jeder hat seine vorgefertigte Meinung über mich. Mir war wichtig, ehrlich zu bleiben und auch Einblicke in Intrigenspiele hinter den Kulissen zu geben.

Die bunten Pullis haben ihren Zweck erfüllt und Aufmerksamkeit auf den Handball gelenkt.

Sehr ehrlich ist auch das Kapitel von Stefan Kretzschmar.

Ja. Ursprünglich war ein Vorwort von zwei bis drei Seiten geplant. Nun ist es ein Kapitel mit 14 Seiten geworden (lacht). Dem Verlag war das auch zu kritisch, aber ich habe mich durchgesetzt und es genau so belassen. Schließlich wollte ich ein ehrliches Buch haben und da passt unsere Geschichte, die mit jahrelanger Abneigung begann und heute neben einer Geschäftsbeziehung auch eine Freundschaft ist, perfekt.

Der Vizepräsidentenposten ist Geschichte, was wünschen Sie dem Verband?

Der Deutsche Handballbund muss immer das Ziel haben, bei jedem Turnier mindestens das Halbfinale zu erreichen. Da müssen wir wieder hin, aber dafür braucht es ein Miteinander mit der Bundesliga. Andere Länder haben einfach mehr Zeit für die Vorbereitung. Das läuft momentan in die richtige Richtung.

Welche Ziele haben Sie selbst noch? Im Buch kokettieren Sie mit einer Führungsaufgabe beim Hamburger Sportverein. Ein Vollbluthandballer beim Fußball?

Mir tut es in der Seele weh, wie dieser einst so stolze Verein seit Jahren in der 2. Liga herumdümpelt. Schon zu meiner Zeit in Hamburg Anfang des Jahrtausends habe ich mich gewundert, warum dieser Klub nicht dauerhaft in der Champions League spielt. Die Treue der Fans und die Möglichkeiten der Stadt, wo das Geld auf der Straße liegt, sind unbegrenzt. Doch es waren im Laufe der Jahre so viele Dilettanten am Werk, dass ich sie alle gar nicht mehr zusammenbekomme. Aber das war nur ein Gedankenspiel: Aktuell habe ich mit den Füchsen Berlin noch viel vor und danach werde ich wohl nichts mehr im Sport machen.

Sondern?

Ich wollte schon immer ein Logistikunternehmen leiten, das weltweit operiert. Das würde mir Spaß machen.

Bob Hanning

Bob Hanning, geboren 1968 in Essen, ist Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin. Nach zahlreichen Trainerstationen übernahm er den insolventen Hauptstadtklub 2015 und führte ihn von der 2. Liga in die Bundesliga und Champions League. Seit 2013 lenkte Hanning zudem die sportlichen Geschicke des Deutschen Handballbundes (DHB). Er reformierte den Verband und gewann mit der Nationalmannschaft 2016 den EM-Titel und Olympia-Bronze. Seinen DHB-Posten legte er nach den Olympischen Spielen in Tokio auf eigenen Wunsch nieder.