Automotive
11. Oktober 2021 5:53  Uhr

Neue Kompetenzen als Chance für die EDL-Branche

Hoher Kostendruck, Abwanderung und Fachkräftemangel: Laut einer aktuellen Studie des VDA sind die Aussichten für den EDL-Standort Deutschland eher durchwachsen.

Engineering-Dienstleister im Spannungsfeld zwischen Herstellern und Zulieferern. | Foto: Patrick P. Palej – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Vom fossilen Verbrennungsmotor hin zu neuen nachhaltigeren Antriebstechnologien – die gesamte Automobilbranche steht vor dem wohl größten Umbruch ihrer Geschichte: Die Autozulieferer sind mitten drin in dieser Transformation. Wie eine Studie des Verbands der Automobilindustrie (VDA) und Deloitte ergab, wird sich nach der überwiegenden Mehrheit der Kfz-Zulieferer im Bereich Teile und Zubehör die Elektromobilität als Standard durchsetzen. Mit einer vollständigen Ablösung des Verbrennungsmotors rechnen 88 Prozent erst 2030 oder später. Auch Brennstoffzellen (rund 30 Prozent) oder synthetische Kraftstoffe (40 Prozent) könnten es schaffen.

Vor allem die Vielfalt ist in Gefahr

Aktuell kommen bei den Autozulieferern noch 85 Prozent ihres Umsatzes aus der Verbrennertechnologie. Stößt diese Transformation aus dem Blickwinkel der Autohersteller (OEM) und der Zulieferer in der breiten Öffentlichkeit durchaus auf großes Interesse, so werden die Folgen für die zumeist mittelständisch geprägten Entwicklungsdienstleister (EDL) weit weniger beachtet. Umso mehr war es an der Zeit, auch die EDL-Branche ins Visier zu nehmen, wie dies gemeinsam mit dem VDA unter Leitung der Regensburger Professorin Dr. Nina Leffers von Stahl Automotive Consulting in einer Studie über den Wertschöpfungsbeitrag dieser Dienstleister herausgearbeitet wurde. Demnach seien speziell bei EDL zahlreiche Arbeitsplätze bedroht. Vor allem aber gerate die Vielfalt der Entwicklungsdienstleister mit den vielen kleineren und mittleren Betrieben in Gefahr.

Das Risiko zur Chance ummünzen

Andererseits kommen die Autoren dieser Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Transformation für die EDL eher eine Chance als ein Risiko darstellt, dass sich die Entwicklungsdienstleister aber für die Nutzung dieser Chancen verändern müssten. So müsse man neue Kompetenzen aufbauen, wie etwa im Zusammenhang mit dem autonomen Fahren oder der softwaredominierten Elektrik- und Elektroniksysteme. Darüber hinaus gelte es, ihre regionale Präsenz der sich verschiebenden Wertschöpfung in der Automobilbranche anzupassen, was einer Arbeitsplatzabwanderung entspräche. Das Fazit der Studie: Die EDL-Branche kann positiv in die Zukunft blicken, für den Standort Deutschland ist der Ausblick jedoch durchwachsen. Zum einen drohen aufgrund des Kostendrucks erhebliche Verlagerungen ins Ausland, andererseits seien hoch qualifizierte Fachkräfte ohnehin nicht ausreichend vorhanden.

Derzeit größere Neupositionierungen

Wie Dr. Georg Schwab, Geschäftsführer von AVL Software and Functions in Regensburg, erläutert, waren die Engineering-Dienstleister schon immer im Spannungsfeld zwischen Automobilherstellern und großen Zulieferern positioniert. Aufgrund der Transformation hin zu Elektromobilität und den großen Herausforderungen autonomes Fahren, Cyber Security und Connectivity gebe es derzeit größere Neupositionierungen. Außerdem seien inzwischen große Techfirmen ebenfalls ins Geschäft rund um die Automobiltechnik eingestiegen. Deshalb gerieten künftig vor allem Firmen unter Druck, die nicht so stark auf Innovationen gesetzt haben. Die AVL List GmbH, sich an der VDA-Studie beteiligt hat, habe über die letzten Jahre substanziell in Innovation investiert.

Neue Leistungsfelder, Märkte und Kunden

Auch die Bertrandt AG, die sich ebenfalls an dieser Studie beteiligt hat, sieht im Wandel der Automobilindustrie weiterhin großes Potenzial, insbesondere mit Blick auf neue Leistungsfelder, Märkte und Kunden. Dabei setzt Bertrandt auf Expertise in den Bereichen Zelle, HV-Batterie, Leistungselektronik, aber auch der Entwicklung von E-Maschine und E-Antrieb. Die Mitarbeitenden werden in diesen Themenfeldern entsprechend geschult. Außerdem beschäftigt sich Bertrandt mit der Absicherung alternativer Antriebe. Mit dem Bertrandt Powertrain Solution Center und durchgängiger szenariobasierter Testkompetenz bietet das Unternehmen heute schon umfassende Tests für alternative Antriebe.

Interview

Noch kein Wettbewerbsvorteil für die deutschen Hersteller

Prof. Dr. Nina Leffers ist Professorin für Unternehmensführung an der OTH Regensburg. Im Interview spricht sie über die neue digitale Wertschöpfungskette im vernetzten Fahrzeug und die Gefahr für deutsche OEMs, von Tesla und Google abgehängt zu werden.

Hier geht’s zum Interview …