Arbeitswelt
25. Juni 2021 5:51  Uhr

Normalität nach Corona: Der Arbeitsplatz wird hybrid

Auch wenn der pandemiebedingte Ausnahmezustand seinem Ende entgegengeht: Die vollständige Rückkehr aus dem Homeoffice wird eher die Ausnahme als die Regel sein.

Die leeren Büroräume dürften bald der Vergangenheit angehören, aber Experten rechnen nicht damit, dass sie zukünftig so besetzt wie vor der Coronapandemie sein werden. Foto: artjafara – stock.adobe.com

Von Thomas Tjiang

BERLIN/NÜRNBERG. Das Abklingen der dritten Coronawelle sorgt für ein Aufatmen bei der Büroarbeit. Die Rückkehr zur alten Normalität scheint wieder möglich, bereichert um die oftmals überraschende Erfahrung, dass die Arbeit im Homeoffice nach Startschwierigkeiten weitgehend gut funktioniert hat. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation spricht branchenübergreifend von einem „Digitalisierungsbooster“ für virtuelle Zusammenarbeit.

Ein Bügelbrett ist kein ergonomischer Schreibtisch

Doch das Arbeiten in den eigenen vier Wänden verlangt der Arbeitsstättenverordnung von 2004 zufolge für Telearbeitsplätze etwa eine Gefährdungsbeurteilung der physischen und psychischen Belastung. Erfahrungen aus dem Lockdown, als der Laptop am Küchentisch oder Bügelbrett als improvisiertes Homeoffice aufgeklappt wurde, wurden damals nicht berücksichtigt. Schon deshalb sprechen Unternehmen lieber vom privilegierten mobilen Arbeiten.

Gegenwind für Anspruch auf mobiles Arbeiten

Das Arbeitsministerium will die deutlichen Regulierungslücken bei Datenschutz, Kostenübernahme durch Arbeitgeber, Pausenregelung, Versicherungsschutz und Zeiterfassung durch ein „Mobile-Arbeit-Gesetz“ beseitigen. Der geplante Rechtsanspruch der Beschäftigten auf mobile Arbeit stößt aber auf Gegenwehr. So plädiert die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) statt für ein Gesetz lieber für ein „Prinzip der doppelten Freiwilligkeit“ als Option für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. „Es darf auf keinen Fall einen Individualanspruch des Arbeitnehmers auf Homeoffice oder mobile Arbeit geben“, sagt vbw-Chef Bertram Brossardt.

Unternehmen haben sich teils schon auf die neue Arbeitswelt eingestellt. Der Reisekonzern Tui gibt an seinem Stammsitz rund 26.000 Quadratmeter Bürofläche auf. Künftig sollen sich 3000 Mitarbeiter dann 1700 Büroarbeitsplätze teilen. Bei Siemens gestattet die Gesamtbetriebsvereinbarung „MobileWorking im NewNormal“ den Beschäftigten, zwei bis drei Tage mobil zu arbeiten.

Spezialeinheit Neue Arbeitswelten

Beim Nürnberger Softwareentwickler Datev beschäftigt sich die Spezialeinheit Neue Arbeitswelten damit, wie der Arbeitsplatz der Zukunft für die über 8000 Mitarbeiter aussehen kann. „Die Pandemie ist der Treiber, um Arbeit über den Büroraum hinaus zu denken“, konstatiert deren Leiter Rainer Schubert. Auch wenn es noch keine offizielle Unternehmenslinie ist, entwickelt die Inhouse-Denkfabrik neue Ideen.

Das Team hat jede Menge Daten zusammengetragen. Daher weiß Schubert, dass die machbare Homeofficequote bei 100 Prozent lag und die Produktivität durch mobiles Arbeiten nicht gelitten hat. Zudem hat er die Wohnortadressen der Mitarbeiter in einer Landkarte visualisiert und Erfahrungen eingesammelt. Ein Mitarbeiter hat für ein halbes Jahr aus der Fränkischen Schweiz gearbeitet, einer war als digitaler Nomade auf Reisen, eine Familie war 14 Wochen im Ferienhaus – inklusive Homeschooling für die kleinen Kinder. Aber auch die Nachteile wurden deutlich. Manch Hochschulabsolvent wohnte noch isoliert in der Studentenbude, Alleinstehende waren einsam, anderen fehlte der Platz, zu zweit im Homeoffice auch noch die Kinder zu beschulen.

Coworking als dritter Arbeitsort

Schubert denkt deshalb an einen dritten Arbeitsort als Alternative zu Büro und Homeoffice. Das könnte wohnortnah im ländlichen Raum und in der Stadt eine Art Coworking-Angebot sein. Dort bucht man sich zum Arbeiten ein und hat mit anderen Menschen Austausch und Community. Denkbar seien sogar flexible Flächen in anderen Unternehmen, soweit das datenschutzrechtlich umsetzbar ist. Zum einen könnten nach der Pandemie auch dort flexible Flächen entstehen, zum anderen könnte es Austausch und neue Ideen beschleunigen. Denn am klassischen Büroarbeitsplatz fänden erfahrungsgemäß Kreativität und Innovation eben gerade nicht statt.

„Wir brauchen in der Zukunft für unterschiedliche Tätigkeiten auch unterschiedliche Orte“, erklärt Schubert. Denn wie sich abzeichne, wollten Beschäftigte mehrheitlich nur noch zwei bis drei Tage im Büro verbringen. Doch das Büro ist als Teil der Arbeitswelt nach wie vor in Beton gegossen und damit ein träges Gebilde: „Die eigentliche Arbeit ist ein sich schnell veränderndes System.“

Ziel: Flexibilität, Autonomie und Vertrauen

Gleichzeitig muss ein Firmenstammsitz ein Ort für persönliche Kontakte und zur Identifikation mit dem Unternehmen bleiben. Virtuelle Teams arbeiten am besten, wenn sie sich zuvor persönlich kennengelernt haben. Außerdem darf der fachliche und informelle Austausch kein Zufall sein, sonst wäre ein Mobile Worker empfindlich vom Informationsfluss abgeschnitten. Immerhin hat die Datev ihre Führungskultur schon vor der Pandemie umgebaut und die klassischen Führungsaufgaben auf drei Rollen verteilt. Seitdem können auch unterschiedliche Personen für die Bereiche Personalführung, Prozesse und Produktentwicklung verantwortlich sein.

Schuberts Ziel ist es, den Menschen in Unternehmen Flexibilität, Autonomie und Vertrauen zu geben, damit sie im Einklang mit den Firmenzielen ihre Arbeit zeitlich und räumlich selbst planen können. Für diese Ideen sucht er Mitstreiter: „Allein kann ein Unternehmen keine breite Nachfrage und Dynamik schaffen.“

Interview

New Work verlangt neue Orte und neue Führung

Dr. Colin Roth, geschäftsführender Gesellschafter der Nürnberger Beratung Black Box Open GmbH, sieht die Arbeitswelt vor einem radikalen Wandel.

Foto: Black Box Open GmbH

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