Nachfolge
11. Januar 2021 6:00  Uhr

Nur attraktive Firmen sind auch übergabereif

Eine Studie der Fachhochschule in Bergisch-Gladbach untersucht Fragen zur Unternehmensnachfolge auf Länder- und Regierungsbezirksebene. Das Ausscheiden der Babyboomer-Generation könnte bald zu einem Übergabestau führen.

Berufswunsch Chef – die Zeiten scheinen passé zu sein. Für viele Toppositionen ist die Nachfolgersuche mühsam bis aussichtslos. | Foto: ©fotogestoeber – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG/LANDSHUT. So unterschiedlich die diversen Studien und Vorhersagen zum Thema Unternehmensnachfolge in Deutschland zeitlich wie hinsichtlich der verschiedenen Regionen auch ausfallen mögen – entscheidend sind die langfristigen Trends. Wichtig erscheint dabei die prinzipielle Vergleichbarkeit der Untersuchungen, wie sie etwa seit Jahren von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach (FHDW) unter Leitung des renommierten Prof. Dr. Frank Wallau präsentiert werden. Aus bayerischer Sicht interessant erscheinen die Arbeiten des Wallau-
Teams schon deshalb, weil man bei der FHDW mit Nordrhein-Westfalen das bevölkerungsreichste Bundesland und mit Bayern den größten deutschen Flächenstaat mit derselben Methodik behandelt hat. Dass für Bayern derzeit nur die 2021 endende Fünfjahresperiode vorliegt, für Nordrhein-Westfalen aber bereits der Zeitraum 2019 bis 2023 ins Visier genommen worden ist, dürfte mit Blick auf das generelle Nachfolgegeschehen in Deutschland sogar eher von Vorteil sein. Jedenfalls lassen sich daraus längerfristige Entwicklungsstränge erahnen.

Nur ein Viertel sind Filetstücke

Von den derzeit 717.000 Unternehmen an Rhein und Ruhr, bei denen es sich bei 670.000 um Familienbetriebe handelt, gelten rund 155.800 insbesondere aus Altersgründen als übergabereif. Da viele dieser Unternehmen weniger als den Mindestgewinn von 50.000 Euro erwirtschaften, dürften sie für familieninterne wie auch externe Nachfolger wenig anziehend sein. Bis 2023 stehen deshalb laut Frank Wallau lediglich 37.200 wirtschaftlich ausreichend attraktive Unternehmen mit einer Belegschaft von über 705.000 Beschäftigten zur Übergabe an. Dass die Zahl der betroffenen Unternehmen und Beschäftigten bundesweit gegenüber den Prognosen vergangener Jahre gestiegen ist, lässt sich quer durch alle Regionen auf einen Nenner bringen: Die Unternehmensgründer aus der Babyboomer-Generation erreichen allmählich das Ruhestandsalter.

Für Nordrhein-Westfalen hat das FHDW-Team darüber hinaus bereits weiter nach vorne geblickt und von 2019 bis 2028 rund 265.500 Unternehmen mit 1,5 Millionen Arbeitsplätzen als übergabereif ermittelt, indem man auch die Selbstständigen in der Rubrik „55 Jahre und älter“ einbezogen hat. Daraus wurden 63.500 wirtschaftlich attraktive Betriebe mit 1,2 Millionen Mitarbeitern als Übergabekandidaten errechnet.

Eine halbe Million Beschäftigte sucht einen neuen Chef

In Bayern sind derzeit 618.906 Unternehmen registriert, davon etwa 580.000 Familienbetriebe. Insbesondere aus Altersgründen gelten 131.000 Unternehmen als übergabereif oder, wie es in dem gerade erschienenen Mittelstandsbericht der Staatsregierung heißt, „in denen die Nachfolge geregelt werden muss(te).“ Nimmt man aber nur die wirtschaftlich ausreichend attraktiven Unternehmen in den Blick, dann schätzte die Wallau-Crew 2017, dass bis 2021 lediglich 29.400 Firmen mit 505.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zur Übernahme anstanden. Interessant an der in Zusammenarbeit mit der Kienbaum Beratung erstellten Studie ist nicht zuletzt die Betrachtung der einzelnen Regierungsbezirke. So haben die Experten für den Zeitraum bis 2021 unter dem Nachfolgeaspekt 2640 niederbayerische Unternehmen mit über 40.000 Mitarbeitern als „wirtschaftlich attraktiv“ errechnet und durch Befragungen ermittelt – aus einem Potenzial von 11.780 übergabereifen, überwiegend als Kleinstunternehmen eingestuften Betrieben.

Nachfolge aus Altersgründen

Insgesamt sind derzeit in Niederbayern 55.800 Firmen aktiv, davon gelten 52.600 als Familienunternehmen; in der Oberpfalz sind es 45.265 Unternehmen beziehungsweise 42.500 Familienbetriebe. Hauptsächlich aus Altersgründen seien laut FHDW-Studie in der Oberpfalz 9560 Firmeninhaber bereit gewesen, ihr Unternehmen übergeben zu wollen. Letztlich ergaben sich daraus 2260 Unternehmen mit 36.900 Beschäftigten, für die eine Übergabe konkret infrage kam.