Fußball
29. Mai 2020 6:00  Uhr

Nur wenn der Ball rollt, rollt auch der Rubel

Die Erste und die Zweite Bundesliga haben als erste in Europa den Spielbetrieb wieder aufgenommen: Die Coronapandemie könnte auch Strukturen und Philosophie des deutschen Profifußballs verändern.

Geisterspiel statt Begeisterung auf den Rängen: Auch für den Zweitligisten SSV Jahn Regensburg fehlt derzeit „der zwölfte Mann auf dem Platz“. Das Bild zeigt das erste Jahn-Spiel vor gähnender Leere gegen Holstein Kiel. | Foto: Sascha Janne

Von Gerd Otto

REGENSBURG. „Was ist das für ein Geschäftsgebaren, wenn Vereine einräumen müssen, dass allein ein mögliches Ausbleiben der letzten TV-Rate sie an den Rand der Insolvenz treiben würde?“ Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, ist ausgewiesener Fußballfan. Dennoch ist sie den vom Coronavirus erzwungenen Geisterspielen im deutschen Profifußball gegenüber skeptisch. Und dass sie zu einem prinzipiellen Umdenken führen werden, kann sie sich kaum vorstellen.

Mit ihrer Skepsis steht die Politikerin nicht allein da: 62 Prozent der Bundesbürger plädieren laut ZDF-Politbarometer für einen vorzeitigen Abbruch der Bundesligasaison. Dennoch sollte die Fußballbranche – und Deutschlands Volkssport Nummer eins ist nun einmal ein Wirtschaftszweig – auch nicht anders beurteilt werden als etwa die Lufthansa. Deren Geschäftsmodell wird weit weniger in Zweifel gezogen als das zugegebenermaßen häufig von Missmanagement geprägte Auftreten diverser Fußballclubs.

Rücklagen sind das A und O, in der Luft und auf dem Rasen

Dabei hat die weltweit gerade in den letzten Jahren überaus erfolgreiche Fluggesellschaft offenbar ebenso wie jene 13 Vereine der Ersten und Zweiten Fußballbundesliga, die ohne die Fernsehgelder ihre Zukunft gefährdet sehen, kaum „Fleisch auf den Rippen“, also Rücklagen gebildet. Das Eigenkapital zu stärken, um auch Durststrecken besser zu überstehen, sollte aber für gut geführte Unternehmen jeder Branche selbstverständlich sein, heißen sie nun FC Schalke 04 oder Lufthansa. Während der Traditionsverein aus dem Ruhrpott schon im Vorgriff glaubte, seine letzte Rate an TV-Geldern verpfänden zu müssen, um die Insolvenz zu vermeiden, geht es bei der Airline um zehn Milliarden Euro. Hier soll Vater Staat helfen, aber nicht mitreden dürfen.

Zugegeben: Viele Fußballclubs agieren nicht nachhaltig, meist zu risikofreudig und ohne strategische Konzepte, wie eine Studie der Hamburg School of Business Administration ergeben hat. Gefährdet erscheinen dabei insbesondere Dritt- und Regionalligisten, die häufig von der Hand in den Mund leben und sich noch dazu gerne externen Investoren ausliefern. Bleibt der kurzfristig angepeilte sportliche Erfolg trotzdem aus, droht der Kollaps.

Vom Sorgenkind zum Klassenprimus

Es geht aber auch anders, wie das Beispiel des Zweitligisten SSV Jahn Regensburg zeigt. Über Jahrzehnte hinweg galten die Oberpfälzer als besonders krisenanfällig, doch sie haben daraus ihre Konsequenzen gezogen. Seit einigen Jahren hat es ein professionelles Management unter Leitung von Dr. Christian Keller, mit einem Team von 150 Mitarbeitern und gefördert durch engagierte Vereinsrepräsentanten wie Präsident Hans Rothammer, geschafft, gemäß den Werten „ambitioniert, bodenständig und glaubwürdig“ die diversen Vermarktungsfelder erfolgreich zu beackern. Wegen der Coronapandemie wird der angepeilte Rekordumsatz von 25 Millionen Euro zwar verfehlt. Für Dr. Christian Keller sind Geisterspiele, also Begegnungen ohne Zuschauer, im Vergleich zum Saisonabbruch dennoch die bessere Alternative. „So werden wir aufgrund unserer funktionierenden TV- und Sponsoring-Produkte lediglich Umsatzeinbußen von 15 Prozent haben.“ Der Unterschied zum Abbruchszenario beträgt beim SSV Jahn fast vier Millionen Euro.

Insgesamt gehen den Vereinen der Bundesliga und der Zweiten Liga über 90 Millionen Euro an Zuschauereinnahmen verloren. Nur zum Vergleich: Der FC Bayern hat zuletzt 750 Millionen Euro umgesetzt. Alle 36 Erst- und Zweitligisten zusammen erhalten für die nationalen TV-Übertragungsrechte fast 1,5 Milliarden Euro pro Saison. Diese Einnahmen werden seit 2017 nach vier Kriterien an die Clubs verteilt. Dabei entscheidet neben Aspekten wie Nachhaltigkeit und Nachwuchsarbeit vor allem eine Fünfjahreswertung, und zwar ligaübergreifend: Je besser der Tabellenstand, desto mehr Millionen fließen in die Kasse.

Auch die Dritte Liga setzt die Saison fort

In diese Struktur der Deutschen Fußballliga (DFL) sollte eigentlich auch die seit 2008 bestehende eingleisige Dritte Liga eingebunden sein. Derweil erlebt dieser Unterbau des deutschen Profifußballs durch Corona allerdings eine Zerreißprobe der besonderen Art: Die Hälfte der Mannschaften, die mit je 700.000 Euro alle denselben Betrag aus dem TV-Topf erhalten, sprach sich schon vor langer Zeit für einen Abbruch der Saison aus. Nun aber stimmten 222 der 250 Delegierten auf dem virtuellen Bundestag des DFB mit Ja, zwölf mit Nein, 16 enthielten sich. Der Antrag auf Abbruch, den die Verbände aus Sachsen und Sachsen-Anhalt eingebracht hatten, kam somit gar nicht mehr zur Abstimmung. Nun also werden die verbleibenden elf Spieltage in sogenannten „englischen Wochen“ – mit je drei Spielen in sieben Tagen – bis zum 4. Juli durchgezogen. Die anschließende Relegation zur Zweiten Liga soll bis zum 11. Juli abgeschlossen sein.