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6. Mai 2020 12:55  Uhr

Der Nutzhanfanbau wächst und gedeiht

Seit 2017 hat sich die Anzahl der Landwirtschaftsbetriebe, die Nutzhanf in Bayern anbauen, mehr als verdreifacht. Das Multitalent liefert Rohstoffe für über 50 000 Produkte in unterschiedlichsten Branchen.

Deutsche Landwirte setzen immer stärker auf Nutzhanf. Foto: TK – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

REGENSBURG / BONN / THALMASSING. Nutzhanf wurde schon 2800 vor Christus in China zum Seileknüpfen verwendet, Historiker gehen aber davon aus, dass die Pflanze bereits seit über 6000 Jahren den Menschen gute Dienste leistet. 1455 soll Johannes Gutenberg die erste Bibel auf Hanfpapier gedruckt haben, 1492 segelte Christoph Kolumbus mit Segeln und Tauwerk aus Hanf nach Amerika. Dass 1870 der Bayer Levi Strauss in den USA die erste Jeans aus Hanffasern gefertigt hat, ist wohl ein Mythos, die vielfältigen Einsatzgebiete der Rohstoffe sind jedoch unstrittig.

Ein echter Allrounder

Heute liefert das Multitalent Rohstoffe für über 50 000 Produkte in unterschiedlichsten Branchen. Schäben, Samen, Blüten, Blätter sowie der Saft werden hauptsächlich im Lebensmittelbereich verarbeitet. Die Hanffasern finden in Textilien, Zellstoffen, Papieren, Dämmstoffen sowie naturfaserverstärkten Kunststoffen speziell im Automotivebereich Verwendung. Letzteres hätte Henry Ford wohl zu Tränen gerührt: Der Visionär hatte bereits 1941 in seiner Heimatstadt Dearborn das „Hemp Car“ (Hanf-Auto) vorgestellt. Auf einen Stahlrahmen waren bei dem Prototyp insgesamt 14 Karosseriebauteile konstruiert, die aus einem mit Harz versetzten Gemisch aus Hanf- und Sojafasern bestanden. Der Wagen wog dadurch mit rund 900 Kilogramm nur ein Drittel eines herkömmlichen Autos.

Comeback in den letzten drei Jahren

Dass Fords Patent und die Pläne in der Schublade verschwanden, lag letztendlich am bereits 1937 verabschiedeten „Marihuana Tax Act“, der Hanf in den USA extrem teuer und den Anbau im industriellen Stil unrentabel machte. Auch in Europa fristete der Anbau von Nutzhanf lange ein Schattendasein. Doch angesichts seiner vielen Vorzüge – Hanf ist klimastabil, robust, spart Wasser, verdrängt Unkraut und speichert CO2 – erlebt er derzeit ein Comeback. „Der Anbau hat in den vergangenen drei Jahren massiv zugenommen“, bestätigt Andreas Grün von der Bundesanstalt für Lebensmittel und Ernährung in Bonn. Obwohl der Anbau von Nutzhanf grundsätzlich nur Unternehmen der Landwirtschaft genehmigt werde, haben sich die Anbauflächen in Deutschland 2019 auf 4508 Hektar erhöht und damit gegenüber 2016 – da waren es noch 1501 Hektar – mehr als verdreifacht.

zwei Personen zeigen Produkt aus Hanf

Beeindruckendes Wachstum: Das Regensburger Start-up Hans Brainfood hat mit seinen Energieriegeln 2019 den Gründerpreis der Wirtschaftszeitung gewonnen. Mittlerweile haben die Geschäftsführer der Hans Brainfood GmbH, Matthias Coufal (li.) und Jakob Graf, nicht nur die Produktpalette um geschälte Hanfsamen und Proteinmixe erweitert: Die Anbauflächen der Vertragspartner sind von zwei Hektar (2018) auf 100 Hektar ausgeweitet worden. Foto: Attila Henning

Zu den 190 landwirtschaftlichen Betrieben in Bayern – mit Abstand der Spitzenwert unter den Bundesländern – zählt auch der Naturland-Hof Froschhammer. Bereits 2009 hat der in Thalmassing im Landkreis Regensburg ansässige und vom internationalen Verband für ökologischen Landbau Naturland e. V. zertifizierte Betrieb seine Produktion komplett auf Bio umgestellt. Der studierte Agrarwissenschaftler Peter Froschhammer, der den elterlichen Betrieb übernommen hat und im Nebenerwerb führt, hat 2019 den Drang verspürt, etwas Neues auszuprobieren. „Für uns Landwirte ist der Nutzhanf eine neue Kultur, obwohl er ja schon uralt ist“, sagt der 29-Jährige. Deswegen baute Froschhammer 2019 auf 1,25 Hektar Fläche die aus Finnland stammende Sorte Finola an, 2020 wird auf zwei Hektar Fläche Earlina 8 FC wachsen. Während bei Biogetreide rund fünf Tonnen pro Hektar erwirtschaftet werden, hofft Froschhammer beim Nutzhanf auf eine Ernte von 1,5 Tonnen. Der Verkaufspreis sei aber deutlich attraktiver als bei Getreide. Alleiniger Abnehmer ist die Hans Brainfood GmbH. Das Regensburger Unternehmen hat erhöhten Bedarf für die Produktion von seinen Energieriegeln und Proteinmixen. „2018 waren es noch zwei Hektar, 2020 haben wir Verträge mit Biolandwirten über eine Gesamtanbaufläche von 100 Hektar geschlossen“, berichtet Gründer und Geschäftsführer Matthias Coufal. Alle Betriebe befinden sich in Bayern. Das macht den Riegel nun komplett zu einem regionalen Produkt.

Die Schwandorfer Bäckerei Scherl, die seit Kurzem Hanfbrot und Hanfbrezen führt, unterstützt ebenfalls den Siegeszug. „Der legale Nutzhanf steht leider im Schatten seiner berauschenden Schwester – dem Drogenhanf – somit bleibt er ernährungsphysiologisch unterschätzt“, heißt es auf der Website. Angesichts der Vorzüge aber wohl nicht mehr lange.

Bayern hat die meisten Anbaubetriebe

2020 sind laut Sortenliste der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Deutschland 67 Hanfsorten für den ständigen Anbau zugelassen. Mit 576 Landwirtschaftsbetrieben im Jahr 2019 hat sich die Anzahl der Nutzhanfanbauer seit 2017 (283 Betriebe) in nur zwei Jahren mehr als verdoppelt. Bayern ist mit 190 Betrieben mit großem Abstand vor Niedersachsen (81) Spitzenreiter, die größten Anbauflächen lagen 2019 mit zusammengerechnet 795 Hektar aber in Mecklenburg-Vorpommern. Hier rangiert der Freistaat mit 539 Hektar Gesamtfläche nach Niedersachsen (733) und Thüringen (543) auf Rang vier der Bundesländer. Die Gesamtanbaufläche von 4508 Hektar in Deutschland ist seit 2017 (2148 Hektar) ebenfalls enorm gestiegen.