Arbeitsmarkt
24. Januar 2022 6:01  Uhr

Obstschale und Tischfußball reichen nicht mehr

Die digitalen Technologien verändern das Arbeiten fundamental. Wer weiterhin erfolgreich sein möchte, braucht deshalb Fähigkeiten, die bislang oft noch die zweite Geige spielen.

Soft Skills wie Kreativität, der offene Umgang mit Scheitern oder die Fähigkeit zur Zusammenarbeit werden in der Arbeitswelt von morgen immer wichtiger. | Foto: fizkes – stock.adobe.com

Von Thorsten Retta

OSTBAYERN. Noch vor zwei Jahren dachten viele, wenn sie über Home- und Mobileoffice sprachen, an leger gekleidete Mittzwanziger mit Laptop in Hängematten. Inzwischen ist das anders. Im März und April 2020 wurden Millionen Beschäftigte, die Büro- oder Wissenstätigkeiten nachgehen, vom Schreibtisch im Unternehmen an die Büro- und Küchentische in den eigenen vier Wänden geschickt. Die Coronakrise hat zu einer Transformation der Arbeitssituation geführt – in den Büros und in den Köpfen. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist durch die Krise die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland im Homeoffice von 12 Prozent auf 33 Prozent gestiegen. Unterstellungen, Low Performer würden die Heimarbeit nutzen, um sich wegzuducken, hört man selten. Home- und Mobileoffice sind zu festen Bestandteilen des Arbeitslebens geworden.

Die Loslösung der Arbeit von Raum und Zeit

Das zeigt eindrucksvoll, wie Digitalisierung und Technologisierung in Kombination mit dem andauernden Fachkräftemangel immer tiefgreifender den Lebensbereich „Karriere und Arbeit“ verändern. Die Pandemie war nicht der Auslöser, sie hat die Entwicklung jedoch beschleunigt. Die Tätigkeit an sich wird nicht nur von Raum und Zeit gelöst, wenn überall und zu jeder Zeit gearbeitet werden kann. Es entstehen auch neue Wege, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinanderfinden. Im Wettbewerb um die besten Köpfe reichen Obstschale und Tischfußball nicht mehr aus. „Flexicurity“, ein Schachtelwort aus den englischen Begriffen „Flexibility“ und „Security“, wird zum „gesellschaftlichen und ökonomischen Grundgedanken“, sagt der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. Unternehmen, die die besten Köpfe für sich gewinnen möchten, müssen die notwendige Flexibilisierung der Arbeit ermöglichen und diese mit den Interessen der Arbeitnehmer nach Sicherheit verbinden. Das Konzept der Work-Life-Balance scheint dabei zunehmend überholt. Es geht nicht mehr um die Herstellung einer Balance zwischen beidem. Arbeiten und Leben verschwimmen vielmehr ineinander. Erfolgreich recruiten werden die Betriebe, die es schaffen, beides bestmöglich zu integrieren.

Hard Skills verlieren, Soft Skills gewinnen an Bedeutung

Anpassen an die neue Arbeitswelt müssen sich freilich auch die Arbeitnehmer: Jene, die morgen das größte technische Fachwissen in einem Bereich haben, müssen nicht zwingend die besten Jobs bekommen. Intelligente Roboter, Maschinen und Programme erobern immer mehr Bastionen menschlicher Intelligenz, die Halbwertszeit von Wissen sinkt stetig.

Das hat gravierende Auswirkungen auf Aus- und Weiterbildung. „Der Fokus verschiebt sich von den Hard Skills auf die Soft Skills und das digitale Mindset. Denn es wird immer schwieriger, zu prognostizieren, welche Fachkompetenzen in dieser sich schnell wandelnden Zukunft relevant werden“, sagt Julian Knorr, Gründer der Onestoptransformation AG. Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale wie Agilität, Kritikfähigkeit, Kreativität, Proaktivität, unternehmerische Handlungsorientierung sowie der offene Umgang mit Scheitern und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit würden zunehmend zum Fundament für einen nachhaltigen, erfolgreichen Weg in die Zukunft. Für Unternehmen heißt das wiederum: mehr Beachtung von Sozialkompetenz und Talenten, weniger Zertifikatsorientierung.

Das sehen auch Frank Bieletzki und Thomas Jaksch, Gründer der Organisationsberatung be:Y, so. In einem Beitrag zur Zukunft der Arbeit für die Bertelsmann Stiftung schreiben sie: „In dieser volatilen und komplexen Welt sind Standards und Schablonen nicht mehr tauglich. Organisationen müssen sich immer wieder neu erfinden und sich ihrer Umwelt anpassen können. Sie brauchen keine neuen Verfahrens- und Arbeitsanweisungen, sondern eher grundlegende Prinzipien und Muster. Relevant sind Fähigkeiten der zweiten Ordnung, also Muster und generelle Reflexe.“ Weiterentwicklung und Ausprobieren müssten Tagesgeschäft sein, das Hinterfragen zur Normalität werden und Fehler als Erfahrungszuwachs angesehen werden.

Rechenpower ist ausreichend, auf das Mindset kommt es an

Von den Veränderungen profitieren werden also vor allem jene, die diese Talente mitbringen beziehungsweise in der Lage sind, sie sich anzueignen. Daran sollte es laut Prof. Dr. Peter Fischer nicht scheitern: „Die Rechenpower ist ausreichend. Das menschliche Gehirn ist der größte Superrechner der Welt mit 80 Milliarden Nervenzellen.“ Für den Inhaber des Lehrstuhls Arbeits-, Organisations-, Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg ist vielmehr das Mindset, eine grundlegende Ablehnung neuer Technologien, die größte Hürde, wenn es um Qualifizierung und Anpassung an die neuen Anforderungen geht.

Nachvollziehbar ist diese Ablehnung, die oft aus einem Gefühl der Überforderung resultiert, durchaus. Das lindert jedoch nicht die wachsende Notwendigkeit, sich dem zu stellen – gerade für diejenigen, die Tätigkeiten mit hohem Automatisierungspotenzial ausüben und noch für Jahrzehnte im erwerbsfähigen Alter sind. „Wir erleben eine umfassende Digitalisierung aller Lebensbereiche. In zehn Jahren werden große Teile von Arbeit und Leben in einem Metaversum verschwimmen und stattfinden“, so Fischer.

Interview

Keine Spur von Homeoffice-Müdigkeit

Prof. Dr. Florian Kunze vom Lehrstuhl für Organisational Studies & Future of Work Lab Konstanz an der Universität Konstanz sieht in der Heimarbeit und speziell in ihren hybriden Formen ein Zukunftsmodell. Allerdings seien Arbeitgeber und Politik gefordert, für klare Rahmenbedingungen zu sorgen.

Hier geht’s zum Interview …