Interview
14. Mai 2020 13:09  Uhr

Ohne Elektromobilität wird es nicht gehen

Im Interview erklärt Prof. Dr. Michael Sterner, Professor für Energiespeicher an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg, warum beim Thema Verkehr der Zukunft die Kombination mehrerer Ansätze die richtige Lösung ist.

Von Laura-Maria Altendorfer

Herr Professor Sterner, die Zukunft der Kraftstoffe wirkt gerade noch etwas ungewiss. Elektro, Wasserstoff, Stroh oder Sägemehl – die Liste verwertbarer Rohstoffe scheint lang zu sein. Wo sehen Sie die größten Potenziale?

Zunächst einmal brauchen wir die Verkehrswende: Verkehr vermeiden, verlagern, effizienter gestalten. Daraus ergibt sich weniger Bedarf für Energieträger, was eine Energiewende im Verkehr mit sich bringt. Hier wird Elektromobilität dominieren und vor allem den motorisierten Individualverkehr erfassen, also E-Autos, E-Bikes, E-Roller. Für alles, was nicht elektrifizierbar ist, vor allem den internationalen Verkehr wie Flug- und Schifffahrt, zum Teil den Schwerlastverkehr und Arbeitsmaschinen, sind synthetische Kraftstoffe in gasförmiger oder flüssiger Form stark im Kommen: Wasserstoff und dessen Folgeprodukte E-Gas, E-Kerosin und E-Diesel, die auf Basis von Wasser, CO2 und erneuerbarem Strom gewonnen werden. Damit geht die Energiewende im Verkehr auch mit dem Ausbau erneuerbarer Energien einher. Denn Wasserstoff ist keine Energiequelle, sondern ein Energieträger: Er muss zuerst gewonnen werden.

Wäre es kein Ansatz, zunächst konventionelle Antriebe wie Diesel oder Benzin zu modernisieren beziehungsweise flächendeckend Abgasnachbehandlungen durchzuführen und dadurch zum Beispiel die bestehende Infrastruktur weiter nutzen zu können?

Die bestehende Infrastruktur kann über E-Fuels weiter genutzt werden. Allerdings brauchen Sie für die gleiche Pkw-Fahrstrecke mit Wasserstoff doppelt so viel, mit E-Gas dreimal so viel und mit Biomasse siebenmal so viel erneuerbare Energie als mit dem Elektroauto. Deshalb gilt hier: Elektromobilität ist das effizienteste Fortbewegungsmittel und sollte daher bevorzugt genutzt werden. Wir bräuchten ein Vielfaches an Stahl und Material für Windräder und Solaranlagen, wenn wir einfach nur den Verbrennungsmotor weiternutzten.

Erfreulicherweise haben wir mittlerweile etwa 14.000 öffentliche Ladesäulen und Tausende private Ladepunkte (…). Bei Wasserstoff schaut es magerer aus: Da existieren gerade mal etwa 100 Tankstellen.

Der Ausbau der Infrastruktur ist bei der E-Mobilität eine elementare Voraussetzung für den Wandel und wirft gewissermaßen ein Henne-Ei-Problem auf: Ist sie nicht vorhanden, wird die Nachfrage ausbleiben. Sieht das bei anderen Kraftstoffarten genauso aus?

Auch der Aufbau der fossilen Mobilität ging Hand in Hand mit dem Ausbau der Tankstellen. Heute haben wir circa 15.000 Tankstellen in Deutschland mit je rund sechs Zapfsäulen, also 90.000 Punkte. In diese Größenordnung und mehr müssten wir kommen, um die E-Mobilität und andere neue Formen flächendeckend in Schwung zu bekommen. Erfreulicherweise haben wir mittlerweile etwa 14.000 öffentliche Ladesäulen und Tausende private Ladepunkte, um zu Hause sehr günstig mobil zu sein. Bei Wasserstoff schaut es magerer aus: Da existieren gerade mal etwa 100 Tankstellen, von denen 30 Prozent in Wartung oder außer Betrieb sind. Die Wasserstoffinfrastruktur muss nahezu komplett neu aufgebaut werden. Bei E-Diesel hätten wir die Infrastruktur, der Kraftstoff ist aber zu wertvoll fürs Auto. Der gehört ins Schiff, den Schwerlast-Lkw oder das Flugzeug. Zudem: Es gibt kaum Wasserstoffmodelle auf dem Markt – ganz im Gegensatz zu E-Autos, wenngleich die derzeit leider auch kaum lieferbar sind.

Profitieren wir wirklich so viel davon, wenn wir die Antriebe in Europa umstellen, wo ohnehin relativ saubere Fahrzeuge bewegt werden?

Europäische Technik wird weltweit genutzt und sorgt damit weltweit für saubere Luft und Klimaschutz – oder eben für das Gegenteil: die Verstetigung der fossilen Energienutzung und damit für eine weitere Klimazerstörung. Unsere Berechnungen zeigen, dass wir weltweit etwa 50 Prozent E-Mobilität und 50 Prozent synthetische Kraftstoffe haben werden, wenn es nach den Kosten geht. Daher sollten wir beides weiterentwickeln. Für die deutschen Autobauer ist aber klar: Wer weiter den Zug der E-Mobilität voranfahren lässt, ohne ernsthaft mit Masse aufzuspringen wie in den letzten zehn Jahren, wird in Zukunft kein Autobauer mehr sein.

Mit dem Energiewandel liegt auch der Fokus auf regionaler oder nationaler Produktion. Könnten wir die benötigten Kraftstoffmengen in Deutschland herstellen, oder sind weiterhin Importe notwendig?

Wir haben ausreichend Potenzial an erneuerbaren Energien, um unseren gesamten Energiebedarf in Strom, Wärme, Verkehr und Industrie zu decken und dadurch die Wertschöpfung vor Ort und die regionale Kreislaufwirtschaft signifikant zu stärken. Einzig die Politik steht dem entgegen, indem sie deren Nutzung konsequent erschwert und verhindert. Beispiele sind hier die Abstandsregel für Windkraft oder beim Solarstrom, wo Sie Abgaben zahlen müssen für den selbsterzeugten und selbstgenutzten Strom.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Sterner

Prof. Dr. Michael Sterner ist Experte in Sachen erneuerbare Energien. Der Ingenieur und Professor für Energiespeicher an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg leitet außerdem auch die Forschungsstelle für Energienetze und Energiespeicher (FENES).
Foto: Florian Hammerich