Binnenmigration
17. Juni 2022 5:58  Uhr

Ostbayern besitzt eine große Anziehungskraft

Neben der Attraktivität der Region und den verbesserten Ausbildungschancen in Niederbayern und der Oberpfalz sorgt vor allem die Vielfalt an Jobangeboten für einen „Klebeeffekt“.

Region mit hoher Attraktivität: Ostbayerns Städte zählen zu den Gewinnern der Binnenmigration in Deutschland. Foto: stock.adobe.com – Andrey Popov

Von Gerd Otto

OSTBAYERN. Die Altersstruktur der Gesellschaft ist ein ebenso prägendes Element für die Entwicklung des gesamten Staatswesens wie die Frage, welche Region in Deutschland zu den Gewinnern oder den Verlierern der Binnenwanderung gehört. Letztlich verbirgt sich hinter beiden demografischen Perspektiven die Quintessenz: Wo möchten, wo können die Menschen in Deutschland am liebsten und besten leben? Schließlich müssen sich alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte stets von Neuem damit befassen, dass die Entscheidung zu ihren Gunsten ausfällt.

Regensburg hat sich verjüngt

Größter Wanderungsverlierer ist laut einer IW-Untersuchung derzeit die Region zwischen Jena und Gera in Thüringen, während die Stadt Leipzig in diesem Ranking ebenso an der Spitze liegt wie bei der Frage, wohin es speziell die Arbeitskräfte zieht. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass unter den Top 10 der vermutlichen „Wanderungsgewinner“ der neuesten Bevölkerungsstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gerade auch jene Städte prominent platziert sind, deren Bevölkerung sich aktuell ganz gegen den Bundestrend verjüngt haben. Neben den hessischen Metropolen Frankfurt und Darmstadt sowie Leipzig ist in den letzten zwei Jahrzehnten das Durchschnittsalter der Bevölkerung nur noch in Regensburg und München gesunken. Wie der Geograf Dr. Christian Fiedler vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) mit Blick auf die neueste Untersuchung seines Hauses hervorhebt, sind es eben solch vitale Regionen, die aufgrund von Bildungseinrichtungen und interessanten Jobangeboten eine starke Anziehungskraft auf junge Menschen oder Familien mit Kindern ausüben.

Diesem Aspekt hat auch die IW-Studie mit ihrer Lebenslaufperspektive Rechnung getragen. Zunächst ziehen die jungen Menschen nämlich dorthin, wo sie studieren können. Ab Mitte 20 droht dann sogar ländlicheren Hochschulstandorten eine spürbare Abwanderung, falls keine guten Jobs vorhanden sind. Ab Mitte 30 wiederum profitiere der ländliche Raum von den häufig attraktiveren Wohnmöglichkeiten.

Attraktive Arbeitsplätze sorgen für Klebeeffekt

Dass sich die Bevölkerung Regensburgs seit der Jahrtausendwende um 0,5 Jahre auf ein Durchschnittsalter von 41,6 Jahre verjüngen konnte, führt Toni Lautenschläger, der Leiter des Amts für Wirtschaft und Wissenschaft der Stadt, insbesondere auf attraktive Arbeitsplätze zurück. Zudem komme im Fall Regensburg noch hinzu, dass zum Beispiel für einen zugezogenen Ingenieur gleich mehrere Arbeitgeber infrage kommen. Diese Vielfalt an Jobangeboten, die man in den letzten Jahrzehnten durch Clusterbildung gefördert habe, sei ebenso entscheidend für den vielzitierten „Klebeeffekt“ wie die weichen Standortfaktoren und vor allem die breit aufgestellten Bildungseinrichtungen rund um Regensburg – vom Hochschulcampus bis zu weiteren Institutionen der Aus- und Weiterbildung.

Zu den Gewinnern der regionalen Migration zählt nicht zuletzt auch der Wirtschaftsstandort Landshut. Michael Luger nennt in seiner Eigenschaft als Leiter des Amts für Wirtschaft zum einen die zahlreichen „Global Player“ und „Hidden Champions“, wodurch man über ein breites Angebot an attraktiven Arbeitsplätzen verfüge. Aber auch als Bildungsstandort – die Hochschule Landshut wurde von den Studenten kürzlich zur beliebtesten bayerischen Hochschule auserkoren – könne Landshut punkten. Die Zusammenarbeit von Stadt und Hochschule bei Innovations- und Forschungsprojekten trage dazu bei, dass Landshut sowohl als Arbeitsort als auch als Lebensraum für junge Akademiker immer reizvoller geworden sei. Zudem gibt Luger zu, dass Landshut als Teil der Metropolregion München auch von der Dynamik der Landeshauptstadt profitieren könne.

Erstaunlicher Zuwachs in Passau

Die Prognose des Instituts der deutschen Wirtschaft, wonach Passau bis 2055 mit einem Anstieg der Altersgruppe der heute zehn bis 15 Jahre alten Bürger um 110 Prozent rechnen könne, stößt bei Oberbürgermeister Jürgen Dupper auf leichte Skepsis: „Passau hat schon viele Prognosen erlebt. Manche davon sind eingetreten, andere nicht.“ Deshalb sei man immer gut damit gefahren, vorausschauend zu agieren und sich auf verschiedene Szenarien einzustellen. Beispielsweise habe niemand den erstaunlichen Bevölkerungszuwachs von über 3.900 Menschen innerhalb der letzten zehn Jahre vorhergesagt. Gemeinsam mit vielen privaten Investoren erreichte die Stadt, dass insbesondere der Wohnungsbau mit dieser Zuwachsentwicklung Schritt halten konnte: „So werden wir das auch in der Zukunft handhaben.“ Wenn sich der prognostizierte Zuwachs nicht einstelle, werde das die Bemühungen für eine lebenswerte Stadt auch nicht schmälern.

Mit Blick auf ganz Niederbayern plädiert Regierungspräsident Rainer Haselbeck aber auch dafür: „Wir müssen gut sein – und dann auch darüber reden.“ Schließlich biete Niederbayern gerade jungen Leuten ein attraktives Lebenspaket mit modernsten Arbeitsplätzen auf allen Qualifikationsebenen, bester Bildung mit einem Netz an erstklassigen Hochschulen, noch bezahlbarem Wohnen, wunderbarer Natur und Landschaft, vielfältiger Kultur sowie Raum zum Feiern und Durchatmen. „Hier ist es so, wie es die riesige Mehrheit in Deutschland, in Europa, in der Welt gerne hätte“, meint Haselbeck schmunzelnd. „Und wo es noch nicht so ist, da arbeiten wir daran.“ Natürlich wollen junge Menschen, so betont der Regierungspräsident mit Nachdruck, auch einmal in die Welt hinaus. Wichtig sei aber, „dass sie dann die Bindung zur Heimat nicht verlieren und gerne wieder zurückkommen.“

Probleme für Stadtgesellschaft

Das Straubinger Stadtoberhaupt Markus Pannermayr erinnert als Vorsitzender des Bayerischen Städtetags an die Jahrtausendwende, als die Alarmglocken wegen einer Überalterung der Bevölkerung schrillten. Auch wenn die Erkenntnisse zu den Verschiebungen in der Alterspyramide durchaus wichtig waren, so sei der Blick inzwischen differenzierter. Denn die Zuwanderung, vor allem aus anderen Bundesländern und Ländern der Europäischen Union, habe insbesondere in den letzten Jahren zusätzliche Verschiebungen des Altersaufbaus mit sich gebracht. Zu beobachten sei dies in den Metropolregionen München und Nürnberg ebenso wie in den größeren Wirtschaftsstandorten, aber auch in kleineren Städten und Gemeinden.

Ein Strukturwandel, davon ist Markus Pannermayr überzeugt, komme im Übrigen nicht auf einen Schlag als Umbruch. Es sei vielmehr ein kontinuierlicher Prozess zu beobachten. „Wenn die Jungen gehen, kann sich das problematisch auf eine Stadtgesellschaft auswirken“, gibt der Oberbürgermeister zu bedenken. Umso mehr seien Kommunalpolitik und Bürgerschaft gefordert, negativen Entwicklungen entgegenzuwirken.

Wohnortwechsel gehört zur Normalität

Ein Wohnortwechsel, darauf verweist der Oberpfälzer Bezirkstagspräsident und Chamer Landrat Franz Löffler, gehöre für viele zur Normalität. Der Lebensmittelpunkt, das Zuhause orientiere sich dabei weniger an bestimmten Orten, „sondern immer mehr an den individuellen und zeitlich wechselnden Bedürfnissen.“ Aufgabe der Kommunalpolitik sei es deshalb, diese Lebenswirklichkeit der Menschen vor allem als Chance zu begreifen: „Die Oberpfalz, unsere Landkreise und Städte bieten eine Heimat für jegliche Lebenssituation.“ Dabei verweist Löffler insbesondere auf ein breites Angebot an attraktiven Studienstandorten wie etwa Amberg, Cham, Regensburg oder Weiden. Die Unternehmen in der Oberpfalz wiederum bieten überdurchschnittlich viele Ausbildungsplätze für junge Menschen und genauso hochwertige Arbeitsplätze, „wie sie in den Metropolen zu finden sind.“

Eine entscheidende Rolle spiele dabei auch die Digitalisierung, mit deren Hilfe höchst anspruchsvolle Aufgaben ortsunabhängig erledigt werden können. Dieser Aspekt sei auch der Grund, warum es sich zum Beispiel der Landkreis Cham mit seinem Glasfaserausbauprojekt zum Ziel gesetzt habe, alle Anwesen mit schnellem Internet zu versorgen. Vom Freizeitangebot über die Kinderbetreuung bis zur Unterstützung der Älteren schaffen in der Oberpfalz die Kommunen, Landkreise und der Bezirk die Rahmenbedingungen für eine lebenswerte Region, in der ein Ausgleich zwischen lernen, arbeiten, Familie und Freizeit je nach den individuellen Anforderungen möglich sei.

Gleichwohl blieben die stete Verbesserung der Lebensbedingungen im ländlichen Raum und die Fachkräftegewinnung zusammen mit den Unternehmen eine Daueraufgabe. So müsse der Infrastrukturausbau tatkräftig vorangetrieben werden, davon ist Löffler fest überzeugt: „Ich denke da zum Beispiel an die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Schwandorf über Furth im Wald nach Pilsen/Prag oder auch an die Ertüchtigung des Nadelöhrs Pfaffensteiner Tunnel.“

In Ostbayern sesshaft werden

Aller Demografie zum Trotz hat sich die Technische Hochschule Deggendorf zur am stärksten wachsenden Hochschule Bayerns entwickelt. Wie der Pressesprecher der THD Dr. Jörg Kunz betont, verdanke man dies der offensichtlich großen Attraktivität des Lehrangebots für viele junge Menschen aus Bayern und insbesondere aus dem Bayerischen Wald. Außerdem seien immerhin 35 Prozent der Studierenden als „international“ registriert, von denen auch nicht wenige nach ihrem Studium in Ostbayern sesshaft werden. Die Technische Hochschule hole aus vielen Ländern junge Leute nach Deggendorf, Pfarrkirchen und Cham, wo inzwischen Studienstandorte etabliert wurden.

Um gut ausgebildete junge Menschen nach ihrem Studium in der Region zu halten, verweist der Projektkoordinator für Wissenschaftskommunikation Transfer und Innovation Ostbayern (TRIO) auf die enge Anbindung an erfolgreiche regionale Unternehmen. All diese Bemühungen – so hat es die IW-Studie ermittelt – sind schon deshalb erforderlich, weil aufgrund des demografischen Wandels Deutschlands Regionen mehr denn je auf Zuwanderer aus dem Ausland angewiesen sein werden.

Bildungslandschaft

Wir gehen ganz bewusst in die Region hinaus

Prof. Dr. Ralph Schneider, Präsident der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, sieht die Verbindung von „regional“ und „international“ als ein Erfolgskonzept.

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