Geschäftsreisen
13. Oktober 2021 5:58  Uhr

Pandemie sorgt für einen drastischen Rückgang

Corona hat viele Bereiche des Lebens auf den Kopf gestellt – etwa auch das Reisen im beruflichen Kontext: Die Ausgaben deutscher Unternehmen für Geschäftsreisen sanken 2020 auf ein historisches Tief.

Dienstreisen werden durch die Möglichkeit zu Mobile Office effizienter. | Foto: Drobot Dean-stock.adobe.com

Von Gerd Otto

FRANKFURT AM MAIN. Vor dem Hintergrund, dass im ersten Quartal 2021 mehr als 30 Prozent aller Länder für Touristen nicht erreichbar waren, sieht die Weltorganisation für Tourismus der Vereinten Nationen (UNWTO) weltweit bis zu 120 Millionen Arbeitsplätze in Gefahr. Davon sind vor allem jene Staaten betroffen, deren Bruttoinlandsprodukt teilweise zu zwei Dritteln vom Tourismus abhängt. Generell, so ließ sich eine UN-Expertin zitieren, werde der internationale Reiseverkehr durch Covid-19 um 30 Jahre zurückgeworfen. Zwar geht man davon aus, dass sich die Branche als Ganzes schon bald erholen werde; für den Geschäftsreisemarkt jedoch scheint diese Prognose weitaus weniger wahrscheinlich zu sein.

Zweck der Dienstreise im Fokus

International wie auch aus Sicht des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) ist man überzeugt, dass es speziell im Bereich der Geschäfts- und Dienstreisen zu grundsätzlichen Veränderungen kommen dürfte. Laut Inge Pirner, der VDR-Vizepräsidentin und bei Datev, einem IT-Dienstleister für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte, für Travel Management zuständig, wird in den Unternehmen künftig die Optimierung der Geschäftsreisen ebenso im Vordergrund stehen wie die grundsätzliche Frage nach dem Zweck einer Dienstreise. Gerade in kleineren oder mittleren Unternehmen, so hat die aktuelle VDR-Geschäftsreiseanalyse ermittelt, war der Trend zu einer Kombination dringend benötigter Geschäftsreisen bereits im Coronajahr 2020 deutlich erkennbar, und auch die Durchschnittsdauer der Geschäftsreisen lag höher als 2019, nach der Devise „wenn schon unterwegs, dann länger“.

Einbruch vor allem bei Großbetrieben

Die Bedeutung des Mittelstands für den Geschäftsreisemarkt lässt sich nach Auffassung von VDR-Präsident Christoph Carnier, dem Travel-Verantwortlichen des Chemie- und Pharmakonzerns Merck, auch daran ablesen, dass im Pandemiejahr 2020 etwa drei Viertel der gesamten Übernachtungen auf das Konto der KMU gingen. Überdurchschnittlich dagegen brachen die Zahlen aus dem öffentlichen Sektor (Minus 78,3 Prozent) und den Großbetrieben mit einer Verringerung um mehr als 81 Prozent ein. Andererseits hat 2020 jede dritte Firma aus dem Mittelstand komplett auf Geschäftsreisen verzichtet und 24 Prozent der Organisationen des öffentlichen Sektors, während Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern wesentlich aktiver waren: Hier meldeten nur 6,8 Prozent keine Geschäftsreisen. Die Anzahl der Geschäftsreisen, die von Unternehmen und Organisationen mit Sitz in Deutschland 2020 durchgeführt wurden, stürzte auf 32,7 Millionen ab – nach über 195 Millionen im Vor-Coronajahr 2019. Dabei fielen nicht weniger als vier Fünftel der von diesen Aktivitäten ausgelösten Umsätze der Gastronomie, Hotellerie und des Transportgewerbes weg.

Branche muss künftige Trends beachten

Da manche Anbieter die Pandemie wohl nicht überleben werden, sei es für die Branche insgesamt, so VDR-Hauptgeschäftsführer Hans-Ingo Biehl, umso wichtiger, die künftigen Trends zu beachten. Die Digitalisierung etwa schaffe neue Arbeitswelten. Das Arbeiten von überall aus, also verstärkt auch aus dem Homeoffice, wird in Zukunft von den im Bereich Geschäftsreisen der Unternehmen Verantwortlichen zunehmend in ihre Planungen einbezogen. Andererseits: Ersetzt werden dürfte die persönliche Begegnung durch Digitalgespräche keineswegs. Die Autoren der VDR-Analyse sprechen sich hier für „situationssensible Alternativen“ aus.

Engagement für Nachhaltigkeit

Dass Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor an Bedeutung gewinnen wird, gaben in der Umfrage über 90 Prozent der Travel Manager in den Unternehmen sowie 97 Prozent im öffentlichen Sektor an. Zu diesem Umdenken kamen insbesondere die mittelständischen Betriebe, von denen sich inzwischen wesentlich mehr aktiv für Nachhaltigkeit im Geschäftsreisebereich engagieren. So gehören Telefon- und Videokonferenzen bei nahezu allen Unternehmen zum Alltag.

Entscheidet man sich dennoch für eine Geschäftsreise, dann sind 73 Prozent der befragten Unternehmen bereits vom Flugzeug auf die Bahn umgestiegen, und 13 Prozent haben sich dies für die Zukunft vorgenommen. Jedenfalls dürfte der Mehrwert einer Geschäftsreise künftig noch stärker hinterfragt werden, und zwar in der Balance zwischen Firmeninteresse sowie den Erwartungen von Kunden und Mitarbeitern.

Der Markt in Zahlen

Die Ausgaben deutscher Unternehmen und öffentlicher Institutionen für Geschäftsreisen sind 2020 aufgrund der Coronapandemie gegenüber 2019 um 81,7 Prozent auf 10,1 Milliarden Euro gesunken. Dies ist nach Angaben des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) der niedrigste Stand seit Beginn der Datenerhebung vor 19 Jahren. Die Zahl der Geschäftsreisen reduzierte sich um 83,3 Prozent auf 32,7 Millionen. Unterwegs waren mit 3,3 Millionen Reisenden um 74,9 Prozent weniger als im Vor-Coronajahr 2019, als der Rekordwert von 195,4 Millionen Dienstreisen registriert worden war. Etwa vier Fünftel der Umsätze im Gast- und Transportgewerbe brachen im Jahr 2020 weg, wovon insbesondere die Dienstleistungsunternehmen in Deutschland betroffen waren, findet das Gros der Geschäftsreisen doch schon traditionell im Inland statt. Laut der VDR-Einschätzung dürfte die Zahl der jährlich stattfindenden Geschäftsreisen in Zukunft um rund 30 Prozent abnehmen.

Das sagen die Unternehmen

Nicht vollständig verzichtbar

Geschäftsreisen behalten weiter ihre Berechtigung, Alternativen werden allerdings verstärkt erprobt. Wir haben bei Unternehmen der Region nachgefragt, wie sie das Thema zukünftig behandeln wollen. Die Antworten decken eine große Bandbreite ab und zeigen: Eine allgemein gültige Lösung gibt es nicht.

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