Globalisierung
11. Februar 2022 5:55  Uhr

Partner, Wettbewerber, Rivale: neue Sicht auf China

Für die europäische Wirtschaft war China lange Zeit vor allem eines: wichtigster Absatzmarkt. Langsam verändert sich die Perspektive. China wird zunehmend zum Konkurrenten.

Ungleiches Kräftemessen: Geht Europa im Wettbewerb mit China auf lange Sicht k.o.? | Boris Zerwann – stock.adobe.com

Von Thorsten Retta und Gerd Otto

OSTBAYERN. Vor 20 Jahren trat China der Welthandelsorganisation bei. Die Einbindung in das multilaterale Handelssystem hat die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Westen und China intensiviert. Profitiert davon haben beide Seiten. Inzwischen aber verfolgt der erwachte Riese selbstbewusst und offen eigene politische und strategische Ziele. China baut seinen Einfluss in der Welt aus, schafft gezielt wirtschaftliche Abhängigkeiten und verändert dadurch die internationalen Spielregeln. Es ist auf dem Weg zur politischen, wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Weltmacht. Das erfordert einen neuen Umgang seitens des Westens.

China verwirklicht sein eigenes Modell

Die EU hat daher bereits 2019 ihren strategischen Ansatz angepasst. China ist neben „Kooperationspartner“ nun auch „ökonomischer Wettbewerber“ und „systemischer Rivale“. Die praktische Ausgestaltung dieser Neuausrichtung ist allerdings eine enorme Herausforderung. Peking ist heute wichtigster Handelspartner der Europäer, zentrales Glied in den globalen Wertschöpfungsketten und als Markt für viele europäische Kernbranchen elementar. Gleichzeitig zeigt sich, dass sich die mit der internationalen Integration verbundenen Erwartungen des Westens nicht erfüllen werden. Die Integration einer Volkswirtschaft wie der chinesischen mit einem nichtdemokratischen, nichtmarktwirtschaftlichen System in das multilaterale, regelbasierte Welthandelssystem ist kein determinierter Prozess, an dessen Ende eine offene und liberale Marktwirtschaft nach westlichem Muster steht.

Das sieht der Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen, Dr. Nicolas Maier-Scheubeck, ähnlich: „Europa muss anerkennen, dass es im globalen Wettbewerb der gesellschaftspolitischen Systeme keinen natürlichen Gleichgewichts- oder gar Endpunkt gibt.“ Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schreibt dazu in einem Grundsatzpapier zu China: „Tatsächlich entwickelt sich China strukturell kaum mehr in Richtung Marktwirtschaft und Liberalismus. Es verwirklicht sein eigenes politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Modell.“ Für die familiengeführte Reinhausen-Gruppe aus Regensburg ist China ein wichtiger Markt. Erst kürzlich hat die Tochter MR China Stufenschalter für drei Umspannwerke geliefert, die ein Rechenzentrum der Alibaba Group mit Strom versorgen.

Deutschland ist in einer schlechten Ausgangslage

Das Vorantreiben der digitalen Transformation der Wirtschaft ist erklärtes Ziel der Regierung in Peking – und eine weitere Herausforderung für Europa. Der Aufstieg der einstigen Werkbank der Welt gefährdet langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie. Dafür macht Dr. Tim Rühling, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, vor allem den Rückstand in einem zentralen Bereich verantwortlich: „Deutschlands spätes Erwachen hat das Land in eine schlechte Ausgangslage manövriert, denn Machtgleichgewicht und Abhängigkeiten haben sich zu Chinas Gunsten verschoben. Dabei ist Chinas Machtzuwachs wesentlich ein Ergebnis wirtschaftlicher Stärke und zunehmender Innovationskraft vor allem in der Digitaltechnologie. Wenn Deutschland jetzt nicht beginnt, die wirtschaftlichen und technologischen Abhängigkeiten von China aktiv zu begrenzen, wird es sich dauerhaft vom Innovator zu einem Markt für chinesische Zukunftstechnologien wandeln.“ Die Folge wäre nicht nur ein erheblicher Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und politischer Bedeutung. „Ohne digitaltechnologische Fähigkeiten drohen Europa und Deutschland, zwischen den Großmächten USA, China und Russland zerrieben zu werden.“

Um Alarmismus handelt es sich dabei keinesfalls. Die Erosion von Macht und Einfluss ist längst spür- und messbar. Laut einem „Handelsblatt“-Beitrag vom Januar ist Deutschland im internationalen Vergleich als Exporteur von Hightechprodukten in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zurückgefallen. Sein Weltmarktanteil lag 1990 noch bei 10,8 Prozent. 2020 waren es 5,6 Prozent. Der wichtigste Grund dafür ist der Aufstieg Chinas zum Hightechgiganten. Dieser ging zulasten der alten Technologieführer USA, Japan und Deutschland. 2020 zeichnete China für knapp ein Viertel der Hightechexporte der Welt verantwortlich – 1990 waren es 1,1 Prozent gewesen.

Masterplan „Made in China 2025“

Seinen Aufstieg hat China 2015 mit einer Art Masterplan – „Made in China 2025“ – strategisch untermauert. Darin strebt Peking offen die Marktführerschaft in Bereichen an, auf denen heute noch das Wachstum vieler Industrieländer beruht. Für den Fall, dass Peking seine „Made in China 2025“-Strategie fortsetzt, hat die Bertelsmann-Stiftung in der Studie „Was Chinas Industriepolitik für die deutsche Wirtschaft bedeutet“ unterschiedliche Szenarien in Bezug auf den deutschen Maschinenbau entwickelt. Im „Baseline-Szenario“, das von einer teilweisen Erfüllung der „Made in China 2025“-Ziele ausgeht, rechnen die Autoren mit einer Stagnation der Exporte ab 2025. Ein voller Erfolg der chinesischen Strategie hätte gar „einen signifikanten Rückgang deutscher Maschinen- und Anlagenexporte bis 2030“ zur Folge. Das Exportvolumen würde von 19 Milliarden Euro in 2019 auf 13 Milliarden Euro in 2030 fallen. Das Fazit der Autoren: „Bei einer erfolgreichen Umsetzung von ,Made in China 2025‘ steuern Deutschland und China nicht auf eine Win-win-Situation hin. Die Berechnungen zeigen zudem: Je mehr Erfolg China mit seiner Industriepolitik hat, umso mehr Maschinen und Anlagen exportiert China auch in Drittländer. Für die deutsche Wirtschaft könnte die ausschließliche Fokussierung auf eine Teilhabe am wirtschaftlichen Wachstum Chinas mit großen Abhängigkeiten und rückläufigen Exporten einhergehen.“

Spielraum für Anpassungen bleibt klein

Zwar ändert sich die Einstellung gegenüber China. Mehrere Wirtschaftsverbände, darunter auch der Bundesverband der Deutschen Industrie, weisen vermehrt auf die Risiken ungleicher Wettbewerbsbedingungen hin und weichen von einem rein kooperativen Ansatz ab. Für ein neues Auftreten aber bleibt der Spielraum klein. „Der Westen, insbesondere der exportorientierte deutsche Mittelstand, kann es sich gar nicht mehr leisten, auf den riesigen chinesischen Markt zu verzichten“, so Dr. Nicolas Maier-Scheubeck. „Daher ist vermutlich eine Politik der relativen Reziprozität in Kombination mit der konsequenten Stärkung der eigenen Stärken und der Überwindung großer eigener Schwächen eine sinnvolle Politikalternative für die EU – schließlich gelingt auch China nicht alles gleichzeitig gleich gut.“ Um im Wettbewerb aufzuholen, müsse Europa wieder hungriger, schneller und innovationsfreundlicher werden, Bürokratie abbauen und sich mehr seiner Infrastruktur – nicht allein Straßen, sondern auch Netzen und der Bildung – zuwenden. Die Empfehlung des BDI, mit China anstelle eines grundsätzlich-moralischen ein thematisch-pragmatisches Verhältnis zu pflegen, kann er nachvollziehen. Niemand erwarte Lobeshymnen auf die politischen Zustände in China. Moralische Belehrungen stießen vor Ort jedoch auf maximales Unverständnis.

China bevorzugt chinesische Staatsunternehmen

Wie groß die Abhängigkeit und wie klein der Handlungsspielraum inzwischen ist, zeigt auch die im Januar veröffentliche Geschäftsklima-Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammer in Peking. Deren Präsident Clas Neumann identifiziert die fehlende Gleichbehandlung als „größte regulatorische Herausforderung“ für die deutsche Wirtschaft in China. Aus Sicht der fast 600 befragten deutschen Unternehmen werden die chinesischen Konkurrenten stark bevorzugt, vor allem beim Marktzugang. Insbesondere mit Blick auf das öffentliche Beschaffungswesen waren nicht weniger als 42 Prozent der deutschen Firmen von dieser Benachteiligung betroffen. Speziell die chinesischen Staatsunternehmen würden extrem bevorzugt.

Und dennoch, auch das ist ein Ergebnis der Studie: Nur 4 Prozent der deutschen Unternehmen denken darüber nach, das Land zu verlassen, während über 70 Prozent ihre Investitionen in China steigern wollen. Dazu Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages: „Die Früchte hängen höher. Der Umgang mit China wird intensiver, aber auch komplexer.“

Interview

Werteorientierte Ordnung muss der Realpolitik weichen

Gespräch mit Herfried Münkler, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität.

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Gastbeitrag

Schon lange nicht mehr nur die Werkbank der Welt

Dr. Nicolas Maier-Scheubeck, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen, die mit ihrer Tochter MR China im Rahmen der digitalen Transformation Chinas sehr erfolgreich agiert, äußert sich in einem Gastbeitrag über Herausforderungen für Europa.

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