E-Commerce
22. Februar 2021 6:05  Uhr

Mit einem Mausklick zum Kotelett

Eigener Herd statt Sternegastronomie: Seit Ausbruch der Coronapandemie boomen Lebensmittel aus dem Netz. Um diesen Trend zu verstetigen, müssen die E-Food-Player jetzt liefern.

Daheimbleiben lautet das Gebot der Stunde: Wer in Coronazeiten auch den Weg in den Supermarkt scheut, findet ein großes Angebot im Netz. Bis die Gewinnzone erreicht ist, ist es für die Anbieter aber noch ein weiter Weg. Foto: Piman Khrutmuang – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

OSTBAYERN. „Der Bofrost-Mann, der Bofrost-Mann, ich dachte, den gibt’s gar nicht mehr.“ Darüber sinnierte Tote-Hosen-Frontmann Campino im gleichnamigen Song schon vor gut 15 Jahren. Doch er lag falsch, damals wie heute. Den Bofrost-Mann gibt es immer noch. Er ist im digitalen Zeitalter angekommen – und einer der großen Gewinner der Coronakrise.

Seit Beginn der Pandemie boomen Lebensmittel aus dem Netz. In der zweiten Märzhälfte 2020 stieg die Zahl der Onlinelebensmittelkäufe in Deutschland um 142 Prozent auf ein Allzeithoch. Seitdem ging es munter so weiter. Laut einer repräsentativen Statista-Umfrage bestimmt der Amazon-Lieferservice mit 41 Prozent Kundenanteil den Markt, gefolgt von Rewe mit 25, dem Berliner „Kochbox“-Anbieter Hello Fresh mit 20 und Bofrost mit 17 Prozent. Da Amazon bestimmte Sortimente aktuell aber nur in Hamburg, Berlin, Potsdam und München anbietet, gilt bei Marktanalysten Rewe als Marktführer – so kommuniziert es das Unternehmen auch nach außen.

Große bringen sich in Stellung

Susan Saß vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) und Mitglied der Fachgemeinschaft Forum Lebensmittel sagt, dass der Markt aktuell von den vier großen Playern des stationären Lebensmittelhandels beherrscht werde. Daneben bringen sich zahlreiche andere Großunternehmen in Stellung, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen: Edeka hat sich Anteile am aufstrebenden Start-up Picnic gesichert, die Dr.-Oetker-Gruppe hat den schnell wachsenden Getränkelieferdienst Flaschenpost übernommen, der tschechische Onlinelebensmittelhändler Rohlik will im Frühjahr mit der deutschen Tochter Knuspr auf Kundenfang gehen und in den Großstädten versuchen Newcomer wie Gorillas oder Querbeet ihr Glück.

Das Internet als Einkaufsnetz

Bananen, Nudeln und Co. werden schon lange im Netz angeboten, genauso lange wurden sie dort vom deutschen Verbraucher stiefmütterlich behandelt. Als Kontaktminimierung aber zum obersten Gebot wurde, hat sich der Spätzünder E-Food binnen Wochenfrist zu einem der größten Wachstumsmärkte des ersten Coronajahrs gemausert. „Die Coronakrise hat gezeigt, dass der Onlinehandel mit Lebensmitteln gut funktioniert“, sagt Susan Saß. „Das hatte eine katalytische Wirkung. Die Wachstumsraten sind immens gestiegen, und das, obwohl die Kunden die ganze Zeit über im Supermarkt einkaufen gehen konnten.“

Boom trotz Schwächen

Das unerwartete Nachfragehoch seit Corona ist für die Onlinelebensmittelhändler eine große Chance, legt allerdings gleichzeitig ihre Schwächen offen. Vor allem Frischeprodukte und leicht verderbliche Ware stellten aufgrund der nötigen Kühlketten, Lagerungen und Verpackungskosten eine Herausforderung dar, sagt Peter Burdack, Leiter Kommunikation bei der IHK Regensburg. Das Potenzial der Angebote verortet er vor allem in größeren Städten und Ballungszentren. Seine Einschätzung deckt sich mit den Möglichkeiten, die Regensburger beispielsweise beim Rewe-Lieferservice haben: Abgepacktes kann man sich liefern lassen, Obst und Gemüse nicht. Regionalspezifische Angaben will der Branchenpionier auf Nachfrage nicht machen. Mit Liefer- und Abholservice könne man aber 90 Prozent der deutschen Haushalte erreichen, teilt das Unternehmen mit. Aufgrund der hohen Nachfrage könne es, abhängig vom jeweiligen Liefergebiet, momentan allerdings zu ausgebuchten Lieferzeitfenstern von ein bis zwei Wochen kommen.

Die Gunst der Stunde nutzen

An ein Abebben der Nachfrage nach der Pandemie – wann auch immer das ist – glaubt Susan Saß nicht. Deshalb brauche es in Zukunft mehr Anbieter, um verlässlich und schnell liefern zu können und damit noch mehr Menschen von Onlinelebensmitteln zu überzeugen. Etwas skeptischer sehen das das IIHD-Institut und Bearing Point, die Herausgeber einer aktuellen Studie. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Anbieter grundlegend verändern müssen, bevor sich das Fenster der Gelegenheit, das Corona geöffnet hat, wieder schließt. Die zweite Coronawelle gebe den Händlern mehr Zeit, zuverlässige Kapazitäten im Logistikbereich aus- und aufzubauen, um Kunden von ihrem ersten Onlinelebensmittelkauf zu überzeugen und dadurch langfristige Gewöhnungseffekte bei Verbrauchern zu erzeugen.

Entwicklung nicht nachhaltig

Dem steht laut IIHD und Bearing Point jedoch die eigentliche Motivation der Konsumenten entgegen: Begegnungen mit anderen Menschen zu vermeiden. „Nach überstandener Pandemie entfällt somit ein zentraler Treiber für den Onlinekauf von Lebensmitteln“, folgern die Herausgeber der Studie. Sie bewerten den aktuellen Boom als nicht nachhaltig. „Nicht zuletzt, da der Onlinelebensmittelhandel den ,Praxistest Covid-19‘ nicht bestanden hat.“ Unzureichende Logistikkapazitäten, zu große Lücken in der Flächenabdeckung und zu hohe Kosten für die Belieferung auf der letzten Meile in ländlichen Gebieten mit geringerer Bevölkerungsdichte nennen sie als Gründe. Neue Logistik- und Kostenstrukturen sowie die Emotionalisierung des Onlinekaufs seien Grundvoraussetzungen, um das Geschäft irgendwann überhaupt rentabel zu machen. Denn trotz Boom verdient laut Studie sogar Marktführer Rewe mit dem Onlinehandel aktuell kein Geld.

Ziel ist der nahtlose Einkauf

Trotzdem hat Corona zu einer Initialzündung für den Onlinelebensmittelhandel geführt. Auch die zahlreichen Investitionen großer Player und aufstrebende Start-ups lassen ein weiteres Wachstum erwarten. Es gehe auch gar nicht darum, den stationären Handel abzulösen, sagt Susan Saß. „Die Zukunft des Handels liegt im ,Seamless Commerce‘, also dem nahtlosen Einkaufen und eben nicht in der strikten Trennung von Online- und Offline-Angeboten“, erklärt sie und prognostiziert eine Trennung zwischen Grundversorgung und emotionalem Einkaufserlebnis. „Das Waschpulver, das Toilettenpapier, die Nudeln und das Mehl kommen online und in einer Markt- und Erlebnisumgebung findet der Kunde weiterhin das Besondere, was ihn inspiriert.“ Also im Prinzip das, was der Bofrost-Mann schon seit 1966 macht.

Interview

E-Food muss aufs Land

Susan Saß vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e. V. spricht im Interview über Potenziale, aber auch über Grenzen des Onlinelebensmittelhandels.

Foto: bevh – Alexander Klebe

Hier geht’s zum Interview …