Mobilität
8. Dezember 2021 6:05  Uhr

Pilotprojekt mit Vorbildcharakter

Die autonom fahrenden People Mover, die seit Februar im Gewerbepark Regensburg ihre Runden drehen, liefern wertvolle Erkenntnisse – nicht nur für die Projektpartner.

Die „Emilia“ getauften People Mover, die kleinen Schwestern des elektrisch fahrenden Stadtbusses „Emil“, befördern Passagiere im Gewerbepark – und das ohne Fahrer an Bord. | Foto: Hanno Meier

Von Robert Torunsky

REGENSBURG. Die über 16.000 Menschen, die täglich in den Gewerbepark strömen, sind seit Februar Zeuge eines außergewöhnlichen Pilotprojekts: Zwei elektrisch fahrende Kleinbusse bewegen sich mit 15 Stundenkilometern entlang der Innenseite der Ringstraße und steuern acht Haltestellen an. Das Ganze geschieht ohne Fahrer an Bord: Die in Anlehnung an „Emil“, den elektrischen Citybus, „Emilia“ getauften People Mover bewegen sich autonom. Damit wird erstmals ein selbstfahrender Bus in Deutschland in einem hoch frequentierten Businesspark getestet. Die das Stadtwerk Mobilität GmbH hat nicht nur mit dem Gewerbepark einen idealen Partner für das Pilotprojekt gefunden: Neben der städtischen Tochter engagieren sich unter anderem auch die Autonomous Reply GmbH, das Cluster Mobility & Logistics mit Sitz in der Techbase sowie die Universität Regensburg.

Wissenschaftliche Begleitung

Das Projekt hat eine lange Historie. „Vor fünf Jahren gab es im Beirat des E-Mobilitäts-Clusters, der sich regelmäßig trifft, einen Impuls, sich mit dem Thema autonome Kleinbusse zu beschäftigen. Das wurde dann auf die Agenda gesetzt und angegangen“, erinnert sich Clustermanager Uwe Pfeil. „Mit einer kleinen Delegation aus Unternehmen des Clusters waren wir dann in der Schweiz und haben uns ein Projekt angesehen.“ Daraus sei die Motivation entstanden, zusammen mit der Stadt Regensburg und dem das Stadtwerk zunächst die Mittel für eine Kofinanzierung aufzutreiben. Die Investitionssumme für die beiden People Mover wurde auch aufgetrieben. Der zweite Schritt war laut Pfeil dann eine ähnliche Herangehensweise wie bei den Regensburger Elektrobussen „Emil“: Es ging nicht nur darum, innovative Dinge im öffentlichen Nahverkehr zu platzieren, sondern dies zusätzlich mit einem wissenschaftlichen Kleinprojekt zu verknüpfen. „In Kooperation mit der Universität Regensburg und Unternehmen wollen wir so die vorhandene Technologie weiter verbessern, um die nächsten Schritte machen zu können“, nennt Pfeil die Zielsetzung.

Aus Sicht von Philipp Berr, Abteilungsleiter Wissenschaft, Technologie und Cluster beim Amt für Wirtschaft und Wissenschaft bei der Stadt Regensburg, geht es kaum besser. „Regensburger Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie städtische Töchter sind bei diesem Projekt zusammengekommen und forschen und entwickeln an Hochtechnologie in einem ganz speziellen Feld der Mobilität“ , sagt er. „So werden konkrete Problemstellungen in Regensburg gelöst, was wiederum den Bürgern zugutekommt.“ Das alles mache dieses Projekt zu einem Aushängeschild der Regensburger Innovationskompetenz.

Stationäre Sensoren

Die in München ansässige Autonomous Reply GmbH sorgt für die stationären Augen und Ohren in diesem Gebiet, um Passanten, Rad-, Scooter- und Autofahrer ins Verkehrsgeschehen einzubinden. „Bis dato war es so, dass mithilfe von Sensorik aus dem Fahrzeug herausgesehen wurde und es selbstständig bremsen musste“, erklärt Peter Schiekofer, Partner und Geschäftsführer bei Autonomous Reply. „Die jetzige Erweiterung beinhaltet zusätzlich ein Warnszenario für alle Beteiligten im Verkehrsgeschehen. Zusätzlich ergibt sich die Möglichkeit, diese Informationen in das Fahrzeug zurückzuspiegeln.“ Die stationären Sensoren sind laut Schiekofer an Straßenlaternen und auf Gebäuden angebracht. Aus diesen Informationen entsteht ein dynamischer digitaler Zwilling des Verkehrsgeschehens.

„Das Projekt im Gewerbepark ist auch für das Stadtwerk sehr spannend. Im laufenden Betrieb können etwa Erfahrungen gesammelt werden, wie die Technik funktioniert oder wie sie gegebenenfalls repariert werden kann. Daraus lassen sich Rückschlüsse für einen späteren Linienbetrieb oder auch den Einsatz in anderen Stadtgebieten ziehen“, blickt Uwe Pfeil voraus.

Modellprojekt „Regensburg_Next“

Das Thema People Mover sollte in der smarten Stadt weitergedacht und umgesetzt werden. Die Stadt Regensburg ist mit dem Modellprojekt „Regensburg_Next“ als eine von 28 Kommunen in die dritte Staffel des Förderprogramms „Modellprojekte Smart Cities: Stadtentwicklung und Digitalisierung“ des Bundesministeriums des Innern aufgenommen worden. „Das Thema Mobilität spielt da eine zentrale Rolle“, erklärt Philipp Berr. Deswegen sei das Modellprojekt mit seinen vielen Facetten wie beispielsweise der Kundenakzeptanz „ein Traum“, da man auf die Erkenntnisse hervorragend aufsetzen könne. „Auch die Technik an sich ist ein wichtiger Punkt: Wie kann man den Automatisierungsgrad weiter erhöhen? Ein spannender Aspekt ist das teleoperierte Fahren. Ferngesteuerte Fahrzeuge können durchaus helfen, die Lücke zu schließen, bis die Systeme, die autonomes Fahren ermöglichen, zu 100 Prozent verlässlich sind“, sagt Berr. In gewissen Situationen könne ein Mensch eingreifen – und er muss dabei nicht selbst im Fahrzeug sitzen.

Die Akzeptanz steigern

Eine wichtige Rolle spielt beim autonomen Fahren die Akzeptanz. „Die Universität Regensburg untersucht, wie die Menschen das autonome Fahrzeug wahrnehmen, wie groß die Akzeptanz ist und durch welche Maßnahmen sie sich steigern lässt“, erklärt Uwe Pfeil. Dazu gehöre auch der Umgang mit Daten. „Dieser Themenkomplex muss auch bei der Smart City angepackt werden.“ Die Erfahrung aus dem People-Mover-Modellprojekt sollen in besonderem Maße auch bei Regensburg_Next einfließen: Wie gehe ich datenschutzkonform mit diesen Daten um? Welche Clouds sind so performant, dass sie in Echtzeit reagieren können? Es bleibt spannend: Regensburg fährt autonom voraus und andere Kommunen schauen interessiert zu.

Interview

Der Innovationshub wird mit jedem Projekt größer

Peter Schiekofer, Partner und Geschäftsführer bei der Autonomous Reply GmbH, erklärt im Gespräch, wie in Zeiten der fahrerlosen Fahrzeuge der Kontakt zwischen den Verkehrsteilnehmern geregelt werden soll – und welche Rolle dabei auch der Datenschutz spielt.

Hier geht’s zum Interview …