Interview
20. November 2020 9:55  Uhr

Psychischen Stress achtsam besser bewältigen

Achtsamkeitstechniken lassen sich gut im Betriebsalltag integrieren. Stephanie Gammerl, Leiterin Personalmanagement am Klinikum Neumarkt, erklärt im Interview am Beispiel des Fitnessparcours ihrer Klinik, wie das gelingen kann.

Der Fitnessparcours Achtsamkeit im Rosengarten des Klinikums Neumarkt bietet sieben Übungsstationen an – eine davon ist die Sitzmeditation. | Foto: Klinikum Neumarkt

Von Stephanie Burger

Frau Gammerl, in fast allen Bereichen scheinen die Stressoren zuzunehmen und damit auch die Gefahr chronischer Stressbelastung. Wie stellt sich das Problem am Klinikum dar?

Stephanie Gammerl: Ich merke es vor allem im Zusammenhang mit dem Eingliederungsmanagement, dem BEM. Da geht es häufig um die Folgen eines Burnouts und generell um psychische Belastungssituationen. Diese sind natürlich nicht unbedingt oder nur auf die Arbeit zurückzuführen. Während Mitarbeiter in BEM-Gesprächen vor einiger Zeit vor allem über Rückenschmerzen sprachen, sagen sie jetzt immer häufiger, dass sie sich überlastet fühlen. Das zeigt auch, dass das Thema in der Öffentlichkeit angekommen ist.

Gilt das auch für die Themen Achtsamkeit und Meditation?

Ja, auch das sind keine Nischenthemen mehr. Wir sind hier am Klinkum mit unserem Fitnessparcours Achtsamkeit auf große Offenheit gestoßen. Erste Rückmeldungen aus unserem Pilotprojekt mit 20 Beschäftigen aus den unterschiedlichsten Bereichen, von der Pflege über die Ärzteschaft bis hin zur Verwaltung, sind sehr positiv. Alle waren begeistert, sogar die anfänglich etwas skeptischeren Kollegen. Aber der Parcours ist auch so angelegt, dass für jeden etwas dabei ist. Ich hatte positives Feedback erwartet, aber die Begeisterung hat mich doch überrascht.

Welche Rolle spielt der Fitnessparcours Achtsamkeit im Kontext des betrieblichen Gesundheitsmanagements am Klinikum?

Er rundet unser Angebot ab. Wir haben viele Angebote für den Bewegungsapparat, die körperliche Fitness, zum Thema Ernährung, im Bereich Führungskräftetraining und für den Umgang mit Konfliktsituationen. Aber es gab noch nichts zum Thema Stressprävention. Deshalb hat uns der Parcours sehr angesprochen. Vor allem auch, weil er ein Begleitangebot für vieles andere ist, weil man da kontinuierlich üben kann.

Welche Rolle spielt Achtsamkeit in dieser fordernden Zeit der Pandemie?

Sie ist eine Schlüsselkompetenz. Die Coronakrise zeigt uns, wie wichtig Resilienz, also psychische Widerstandsfähigkeit, ist. Achtsamkeit stärkt die Resilienz, da sie zu einem besseren Umgang mit Stresssituationen und belastenden Themen verhilft.

Wie soll der Fitnessparcours in den Arbeitsprozess integriert werden?

Er ist eine Art Anker, an dem jeder ganz flexibel eine Gehmeditation einlegen kann. Aber natürlich wird es Situationen geben, in denen das für den Einzelnen nicht möglich ist. Für diesen Fall haben wir ein Begleitheft und Audiodateien erstellt, mit denen jeder die Übungen auch unabhängig vom Parcours machen kann. Aber wir möchten schon die Mitarbeiter ermutigen, gerade dann, wenn sie sich überlastet fühlen und nicht mehr wissen, was sie als nächstes tun sollen, kurz innezuhalten, um mithilfe einer Achtsamkeitsübung ins Hier und Jetzt zurückzukommen.

Wie möchten Sie dafür sorgen, dass der Fitnessparcours die anfängliche Begeisterung überdauert und sich fest etabliert?

Die Schaffung des Parcours reicht natürlich nicht aus. Deshalb haben wir eine begleitende Strategie entwickelt, um das Angebot nachhaltig zu integrieren. Sie beruht auf regelmäßigen Trainings und Multiplikatoren. So werden wir jährlich vier bis fünf Trainings für Interessierte anbieten. Einmal im Monat wird es offene Reflexionstrainings geben, in denen auch gemeinsam meditiert wird. Daraus erhoffen wir uns die Bildung einer Interessensgemeinschaft, so ähnlich wie es auch unser Lauftreff ist. Und dann unterstützt uns noch eine Lehrkraft für Krankenpflege, die sich sehr mit dem Thema identifiziert. Sie wird den Schülern das Angebot näherbringen. Und wir sind offen, die Sache darf wachsen, Ideen haben wir noch viele, beispielsweise die therapeutische Einbindung des Fitnessparcours.

Ist der Fitnessparcours öffentlich zugänglich?

Ja, er ist ein Bestandteil der Innehalten-Region Neumarkt, zu der noch weitere Angebote gehören. Die Öffentlichkeit ist also eingeladen, ihn zu nutzen. In erster Linie richtet er sich aber natürlich an Beschäftigte, Patienten und deren Angehörige. Wir möchten uns damit auch als Arbeitgeber positionieren. Der Parcours im Rosengarten passt in jeder Hinsicht perfekt zum Klinikum.

 

 

 

 

 

 

 

 

Stephanie Gammerl leitet das Personalmanagement am Klinikum Neumarkt.

Foto: Klinikum Neumarkt

Fitnessparcours Achtsamkeit in sieben Stationen

Der Fitnessparcours basiert auf dem Konzept „Mindfulness Based Stress Reduction“ (MBSR), einem professionellen Übungsprogramm zur Stressbewältigung. Umgesetzt hat ihn die Agentur Metatrain in Kooperation mit der zertifizierten MBSR-Lehrerin Dr. Madeleine Kamper aus Regensburg. Der Parcours besteht aus den sieben Übungen Gehmeditation, Sitzmeditation, Achtsame Sinneswahrnehmung, Yoga, Wertschätzende Güte, Achtsamkeitsmeditation und Bodyscan. Bei der Übung „Wertschätzende Güte“ beispielsweise geht es darum, sich selbst mit mehr Freundlichkeit begegnen zu können, um so auch seine Wertschätzung für das Leben allgemein zu stärken. Dazu werden innerlich Wünsche mantrahaft gesprochen – adressiert zunächst an sich selbst, dann an eine geliebte Person, dann an eine weniger geliebte Person und schließlich an alle Wesen. Alle Übungen können auch einzeln durchgeführt werden, sie dauern jeweils rund zehn Minuten. „Unser Ziel war es, Momente des Innehaltens im Alltag zu schaffen“, sagt Metatrain-Geschäftsführer Johann Beck zum Konzept des niedrigschwelligen Angebots. Nicht zuletzt soll es Unternehmen dazu animieren, Achtsamkeitspraxis im Betriebsalltag zu integrieren. (bu)