Interview
1. Juli 2021 5:05  Uhr

Quartiere geben der Stadt von morgen ein Gesicht

Christian Bretthauer, Geschäftsführer der DV Immobilien Management GmbH, im Interview über Vernetzungsmöglichkeiten in Quartieren, moderne Mobilität und seine persönlichen Wünsche für die Stadt der Zukunft.

Im Gespräch mit Christian Bretthauer, Geschäftsführer der DV Immobilien Management GmbH | Foto: Clemens Mayer

Von Jonas Raab

Herr Bretthauer, Sie selbst haben einmal gesagt: „Bürohäuser vermieten kann eigentlich ein jeder.“ Aber wie sieht es mit Wohnquartieren aus?

Christian Bretthauer: Dieser Satz ist natürlich zugespitzt und stammt aus einer Zeit, in der die Anforderungen an Bürohäuser rein technischer Natur waren. Heute ist das anders. Die große Herausforderung bei der Quartiersentwicklung liegt in der Vernetzung der Nutzerbeziehungen. Und darauf liegt unser Fokus – bei Gewerbeparks genau wie bei Wohnquartieren.

Welche Rolle spielen Quartiere in der Stadt von morgen? Und wie sieht das urbane Leben der Zukunft aus?

Wie sich eine Stadt weiterentwickelt, wird in den Quartieren seinen Ausdruck finden. Nicht nur die Digitalisierung wird viele Vernetzungsmöglichkeiten bieten. Man wird mehr innerhalb des eigenen Quartiers erledigen können. Sie werden vielseitiger und urbaner sein. Die Mobilität wird eine andere sein, insbesondere in stark urbanen Räumen.

Was macht ein Quartier Ihrer Einschätzung nach zukunftsfähig?

Es gibt keine Inventarliste für ein gutes Quartier, keinen Automatismus. Man muss die Dinge immer vom Nutzer her betrachten und sich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut machen. Ich bin gegen Uniformität. Die Realität ist oft aber eine andere. Da werden Straßen und Wohnblocks zusammengewürfelt und ein schöner Name erfunden. Dann glaubt man, ein gutes Quartier zu haben. Wenn man dann durch das Quartier geht, fragt man sich schon, ob das wirklich alles gut ist.

Warum ist es heute oft nicht gut?

Die Entwicklungsprozesse sind meist in viele kleine Abschnitte zerlegt. In jedem Abschnitt versucht jeder Beteiligte, seinen Gewinn zu maximieren. Dabei kommt oft die Gesamtsicht auf ein Quartier unter die Räder.

Haben wir verlernt, Städte zu bauen?

In gewisser Weise haben wir es verlernt, ja. Oft fehlt der Mut, langfristige Entwicklungen abzubilden. Wir nehmen außerdem sehr stark Rücksicht auf Partikularinteressen. Dadurch bleiben große Ideen in den Kinderschuhen stecken. Die Ideen sind da, aber die Umsetzung gestaltet sich meist schwierig.

Mit dem Gartenquartier in Unterschleißheim wollen Sie es besser machen. Welche Ideen verfolgen Sie? Fangen wir mit der Mobilität an.

Moderne Mobilität verstehe ich als Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer. Das kann man natürlich nicht überall durchsetzen. Andere Länder machen vor, wie es besser geht. Der Deutsche ist da vielleicht zu sehr auf alte Verhaltensmuster fokussiert.

Auf alte Verhaltensmuster, aber auch auf das Auto fokussiert.

Je weiter draußen Quartiere liegen, umso eher wird man auf das Auto angewiesen sein – oder bei der Entwicklung eine leistungsfähige ÖPNV-Anbindung mitdenken müssen. Außerhalb von München entstehen gerade riesige Quartiere ohne U-Bahn-Anschluss. Dann wundert man sich, warum der Anklang nicht so groß ist.

Auch Unterschleißheim liegt außerhalb von München. Und trotzdem wollen Sie das Auto in Ihrem Quartier so weit wie möglich ausschließen.

Sagen wir so, wir wollen das Auto so sozialverträglich unterbringen wie möglich. Wir gehen davon aus, dass es ein Stück weit überflüssig wird, wenn man einen S-Bahn-Anschluss und viele Angebote vor der Haustür hat.

Stichwort Angebot: Das Gartenquartier bekommt eine Bücherei. Mir wäre ein Kino lieber. Wer entscheidet, was Menschen brauchen?

Ein Kino ist auch geplant.

Punkt für Sie. Aber trotzdem: Was muss ein Quartier seinen Mietern bieten?

Auch die Bücherei wird anders aussehen, als Sie sich das vielleicht vorstellen – viel digitaler, multimedialer. Sie wird ein Treffpunkt, ein Café. Die Niederländer machen in ihren Quartieren vor, wie man Angebote kombiniert. Da sind hybride Nutzungen wie ein Fahrradgeschäft mit Stammtisch ganz normal. Bei uns kennt der Gesetzgeber tausend Gründe, warum man das nicht kombinieren kann. Solche Angebote müssen in der Zukunft entstehen dürfen, um mehr Lebenswirklichkeit in die Quartiere zu tragen.

Was wäre ein Ansatz für mehr Lebenswirklichkeit?

In Deutschland wird Stadtplanung sehr stark aus der Architektur heraus gedacht. Das ist zu kurz gegriffen. Stadtplanung ist viel mehr als bauen. Für Architekten muss es den Weg in die Soziologie hinein geben und umgekehrt.

Der Weg in die Klimaforschung öffnet sich ja gerade. Wie gestaltet man Quartiere nachhaltig?

In der Diskussion fokussiert man sich derzeit vor allem auf Baustoffe und die Energieversorgung. Die Vernetzung verschiedener Energiesysteme ist gerade in Quartieren möglich. Aber die wichtigste Frage ist: Ist ein Gebäude langfristig nutzbar oder nicht? Wenn ich diese Frage mit Ja beantworten kann, habe ich sehr viel Energie auf sehr lange Zeit gestreckt.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Stadt der Zukunft?

Eine lebendige Stadt, eine kulturell durchmischte Stadt, eine soziale Stadt. Eine Stadt ohne Ausgrenzung, Ghettoisierung und Gentrifizierung. Eine Stadt, die den Leuten Chancen, Perspektiven und Möglichkeiten gibt. Eine Stadt, in der Weiterentwicklung von der Bevölkerung mitgetragen wird.

Fazit

Weil urbaner Wohnraum in Zukunft noch knapper wird, als er es ohnehin schon ist, werden Quartiere noch stärker ins Zentrum der Stadtplanung rücken. Am Stadtrand werden Quartiere Wachstum wahrnehmbar, im Stadtzentrum Weiterentwicklung sichtbar machen. Die Anforderungen an Quartiere sind vielfältig, denn die kleinen Kieze sollen alles in sich vereinen, was die Stadt von morgen prägen wird: kurze Wege, alternative Mobilitätsangebote, Nachhaltigkeit, Nutzungsmischung, Soziales, Digitalisierung, Begegnungsorte und moderne Architektur. Eine Formel für das Quartier der Zukunft gibt es nicht. Die Anforderungen ergeben sich aus den Gegebenheiten vor Ort. Heute erfüllen viele Quartiersprojekte diese Anforderungen nur bedingt. Aufgrund langwieriger und zerstückelter Entwicklungsprozesse geht oftmals die Gesamtsicht auf ein Projekt verloren. Mehr Soziologie in der Architektur, mehr Mut in der Planung und mehr Bürgerbeteiligung in der Umsetzung sollen in Zukunft Abhilfe schaffen. In den kommenden Jahren wird die Zahl neuer Quartiere laut einer Studie der Deutschen Hypo weiter rasant steigen, wenngleich das begrenzte Platzangebot in Großstädten und überbürokratisierte Genehmigungsprozesse den Trend etwas ausbremsen. Stoppen werden sie ihn aber nicht.