Jobsuche
2. Juni 2020 6:00  Uhr

Recruiting aus dem Homeoffice

Wer derzeit auf der Suche nach neuen Mitarbeitern ist, ist wegen Corona stark eingeschränkt. Ein Experte gibt Tipps, wie man auch in Zeiten der Pandemie erfolgreich anwirbt.

Per Videochat eine angenehme Gesprächsatmosphäre aufzubauen ist nicht einfach, aber bei digitalen Vorstellungsgesprächen das A und O. | Foto: fizkes – stock.adobe.com

Von Oxana Bytschenko

OSTBAYERN. Vorstellungsgespräche, Assessment-Center und persönliches Kennenlernen aller Kollegen am ersten Tag im Büro – der übliche Recruiting-Ablauf kann in Unternehmen zurzeit nicht stattfinden. Es gelten Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen, viele Menschen arbeiten noch im Homeoffice, auch Recruiter.

Weil Messen und Großveranstaltungen bis Ende August untersagt sind, wurde die Suche nach neuem Personal komplett in die digitale Welt verlagert. Dennoch müssen Unternehmen bei den Kandidaten weiterhin präsent sein und sie als Arbeitgeber überzeugen. Bewerbungsgespräche über Video gehören heute schon fast zum Standard, etwa wenn Kandidaten weit entfernt sind. In der Coronakrise bleibt diese Form der Kontaktaufnahme oft die einzige Chance, Bewerber kennenzulernen.

Auch beim virtuellen Gespräch muss Zeit für Small Talk sein

Dabei gibt es einige Regeln zu beachten, wie Tim Verhoeven, Recruitment Experte bei Indeed Deutschland, erklärt. „Digitale Interviews funktionieren anders: Man sollte zum Beispiel den Small Talk nicht überspringen, denn das hilft dem Kandidaten, seine Nervosität zu beherrschen“, erklärt der Autor eines Buches zum Thema Digitales Recruiting. Bei einem persönlichen Vorstellungsgespräch begrüßt der Personalverantwortliche üblicherweise den Kandidaten und fragt ihn nach der Anreise. In einem virtuellen Gespräch fällt das weg, stattdessen kann man etwa über das Wetter vor Ort sprechen.

Für den persönlichen Kontakt ist es auch wichtig, den Kandidaten über die Kamera direkt anzuschauen: Also nicht auf den Bewerber auf dem Bildschirm blicken, sondern in die Kameralinse. Ansonsten fühlt sich der Mensch ignoriert. „Der Bewerber soll ein positives Erlebnis haben. Das sollte auch im digitalen Bewerbungsprozess nicht vernachlässigt werden“, erklärt Tim Verhoeven.

Neue Anforderungen für die Stellenanzeigen

Das positive Erlebnis kann übrigens auch früher beginnen, schon bei der Stellenanzeige. Viele Menschen fühlen sich gerade verunsichert: Bildet das Unternehmen in der Krise überhaupt noch aus? Ist die Stellenanzeige noch aktuell? Hat sich etwas an der Arbeitsweise verändert? Darauf sollte man als Arbeitgeber reagieren und deutlich machen, dass weiterhin eingestellt wird, so der Experte. Wer Homeoffice oder Remote-Arbeit anbietet, sollte das explizit erwähnen. Die Suchanfragen nach dem Begriff „Homeoffice“ sind auf Job-Portalen seit dem Corona-Ausbruch stark gestiegen. In der Anzeige sollte man auch den digitalen Auswahlprozess erwähnen, um potenziellen Bewerbern die Unsicherheit zu nehmen.

Für Unternehmen, die Assessment-Center anbieten, um geeignete Kandidaten zu finden, gibt es ebenfalls digitale Tools. Tim Verhoeven betont, dass die Online-Assessments laut Studien sogar eine fairere Auswahl ermöglichen als herkömmliche Auswahltests. „Es ist weniger diskriminierend, etwa in Bezug auf das Geschlecht oder Menschen mit Migrationshintergrund“, erklärt er. Vorher sei es jedoch wichtig, die Bewertungskriterien für die Kandidaten festzulegen und nah an der Praxis zu bleiben. „Bewerber fühlen sich wohler, wenn sie erkennen können: Was hat das Getestete mit meiner späteren Praxis im Job zu tun?“, erklärt er.

Unsicherheit wegen des Jobwechsels

Tim Verhoeven rät auch dazu, Gamifikation-Methoden im Assessment-Center zu nutzen: Dabei baut man spielerische Elemente in den Ablauf ein und lockert die angespannte Situation etwas auf. Man kann die Bewerber zum Beispiel digital durch das Unternehmen führen, einen komplexen Prozess vereinfacht erklären und eine Herausforderung bieten, bei der die Kandidaten Punkte sammeln können. Dabei lerne man sie von einer anderen Seite kennen. „Das ist eine tolle Möglichkeit, auch seine Arbeitgebermarke nach vorne zu bringen“, sagt der Recruiting-Experte.

Nach dem Online-Assessment gehört ein Feedback für alle Kandidaten unbedingt dazu. Zu den ausgewählten Bewerbern hält man weiterhin Kontakt und spricht mit ihnen über den Einstiegstermin. Dazu gehören regelmäßige Updates über interne Abläufe, man kann das Team digital vorstellen und den Bewerbern auch eine persönliche Aufmerksamkeit wie eine Flasche Wein zukommen lassen. Als Arbeitgeber sollte man versuchen, auch in der Pandemie-Situation die Leute bei der Stange zu halten, so Verhoeven. „Viele Menschen sind extrem unsicher, gerade in der Krise den Job zu wechseln. Diese Angst sollte man ihnen nehmen“, sagt er.

Ein Modell, das Schule machen könnte

Für die Zukunft könnte die digitale Bewerberauswahl Schule machen: Der zeitliche Aufwand und die Kosten sind deutlich geringer. Eine gute Nachricht auch für die Kandidaten, deren Bewerbungen vorher aussortiert wurden oder die sich gar nicht erst beworben haben. Durch die Digitalisierung und Remote-Arbeit könnten mehr Bewerber infrage kommen – sowohl aus anderen Orten und Ländern als auch Menschen, die etwa bei der Kinderbetreuung oder Pflege eingebunden sind.