Im Gespräch
9. Mai 2020 10:26  Uhr

Regensburg wird die Coronakrise meistern

Erst seit 100 Tagen ist Prof. Dr. Georg Stephan Barfuß Referent für Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzen der Stadt Regensburg. Doch die Coronakrise schüchtert den Polit-Newcomer nicht ein.

Prof. Dr. Georg Stephan Barfuß. Foto: Attila Henning

Von Stephanie Burger und Stefan Ahrens

Die schlimmste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs gleich zu Beginn einer Amtszeit bewältigen zu müssen, dürfte nicht wenigen politisch Verantwortlichen schlaflose Nächte bereiten. Nicht so Prof. Dr. Georg Stephan Barfuß. Der 45-jährige studierte Ökonom und promovierte Naturwissenschaftler war unter anderem leitender Controller bei Bosch und Siemens und möchte für ein gutes Miteinander von Stadtverwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft sorgen. Die Coronakrise, so ist sich Barfuß sicher, könnte die notwendige Transformation der Wirtschaft sogar beschleunigen.

Herr Professor Barfuß, seit Anfang Januar leiten Sie das Referat für Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzen der Stadt Regensburg. Konnten Sie bei Amtsantritt ahnen, vor welch großen Herausforderungen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in den ersten 100 Tagen Ihrer Amtszeit stehen würden?

Prof. Dr. Georg Stephan Barfuß: Nein, die aktuelle Situation konnte ich nicht vorausahnen. Und unabhängig von der Coronakrise muss ich auch sagen, dass es so oder so anspruchsvoll ist, Referatsleiter bei der Stadt Regensburg zu sein. Ich habe mich natürlich im Vorfeld mit meinen zukünftigen Amtsleitern ausgetauscht. Und gemeinsam mit meinem Vorgänger Dieter Daminger habe ich vor dem Lock-down auch noch einige Unternehmen und Hochschulen besuchen können. Aber realistischerweise konnte ich nicht in vollem Umfang ermessen, was der Job eines Referenten der Stadt Regensburg alles beinhaltet und mit sich bringt – Corona hin oder her.

Hindert die Coronakrise Sie daran, eigene Impulse zu setzen?

Momentan geht es nicht in erster Linie darum, auf Teufel komm raus zu gestalten, sondern vielmehr darum, zu stabilisieren beziehungsweise unserer Wirtschaft im Rahmen unserer rechtlichen Möglichkeiten zu helfen, am Leben zu bleiben und drohende Insolvenzen abzuwenden. Wer mich kennt, weiß, dass ich für solide Finanzen stehe. Doch in Coronazeiten darf nicht die Frage von Kosten im Vordergrund stehen, sondern die Gesundheit und der Schutz der Menschen.

Wie sehen Sie die Möglichkeiten von Regensburg, durch die Coronakrise zu kommen?

Im Vergleich zu anderen Städten und Kommunen ist unsere finanzielle Ausgangslage äußerst erfreulich. Das heißt, wir stehen hier auch vor großen Herausforderungen, sind aber potent genug, um auf die Coronakrise nicht nur zu reagieren, sondern auch zu agieren. In der Zeit vor Corona sind wir noch mit 170 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen für dieses Jahr in die Planung gegangen – momentan gehen wir aufgrund der uns vorliegenden Daten von Einnahmen in Höhe von knapp 140 Millionen Euro aus. Sollte es wirklich extrem schlecht laufen, werden wir knapp unter 100 Millionen Euro enden. Insofern wären zwar in diesem Fall die finanziellen Gestaltungsspielräume stark gemindert, aber immer noch besser als an anderen Orten Deutschlands oder im Freistaat. Außerdem gibt es ja bereits vielfältige Maßnahmen und Programme, die sowohl von der Bundes- als auch von der Landesregierung für Unternehmen in die Wege geleitet worden sind – und wir als Stadtverwaltung beziehungsweise Wirtschaftsreferat beraten beispielsweise Unternehmern über unser Nothilfetelefon, wie und wo man an welche Mittel kommt.

Im Vergleich zu anderen Städten und Kommunen ist unsere finanzielle Ausgangslage äußerst erfreulich.

Was bekommen Sie über das von Ihnen angesprochene Unternehmer-Nothilfetelefon momentan am häufigsten zu hören?

Einerseits möchten wir mit dem Service Unternehmen aufzeigen, welche Hilfen es vonseiten der Politik bereits gibt und welche Maßnahmen für welche Firmen am besten taugen. Was wir auch mitbekommen ist, dass immer noch einige Unternehmen durchs Raster fallen und weder die Hilfspakete des Bundes noch die des Freistaats in Anspruch nehmen können. Insofern melden wir es auch nach München weiter, falls manche der angedachten Hilfsprogramme nicht greifen sollten. Wir als Kommune dürfen leider aus rechtlichen Gründen kein Hilfsprogramm für die Unternehmen hier aufsetzen – mit Ausnahme für Kulturschaffende, was wir auch bereits getan haben.

Vieles deutet darauf hin, dass Corona die Krise der hiesigen Wirtschaft lediglich beschleunigt hat und es mit dem langjährigen Aufschwung ohnehin bald vorbei gewesen wäre. Haben unsere Unternehmen Änderungsbedarf?

Ehrlich gesagt finde ich die Diskussion über die angeblich zu exportlastigen Unternehmen in Ostbayern geradezu bizarr. Genau diese Unternehmen, die jetzt urplötzlich in der Kritik stehen, weil wir angeblich zu abhängig von ihnen sind, haben uns doch diesen im bundesweiten Vergleich beinahe einmaligen Wohlstand beschert. Nur so haben wir in Regensburg ein sagenhaftes Bruttoinlandsprodukt pro Person von 80 000 Euro erzielen sowie eine Rücklage von 212 Millionen Euro aufbauen können, die uns jetzt in der Krise gut helfen kann. So etwas kann man mit rein binnenkonjunkturell ausgerichteten Unternehmen nicht erreichen. Deshalb: Wir sind uns der Bedeutung der zahlreichen und großartigen exportorientierten Unternehmen sehr bewusst und möchten diesen signalisieren, dass wir alles tun werden, was in unser Macht steht, um möglichst schnell wieder aus der Krise zu kommen.

Mal abgesehen von Corona: Wo würden Sie am ehesten wirtschaftspolitisch ansetzen?

Die ostbayerische Wirtschaft befindet sich auch ohne Corona in einer tiefgreifenden Transformations- und Umbauphase. Wir müssen unsere Art zu wirtschaften weiterentwickeln hin zu einer digitalaffinen sowie werthaltigen ökosozialen Marktwirtschaft. Ob man das Ganze jetzt „Green Growth“ oder wie die EU-Kommission „Green New Deal“ nennt, ist dabei zweitrangig. Die Wirtschaft muss auf Herausforderungen wie den Klimawandel und die Digitalisierung reagieren und letztendlich ganz ohne Ressourcenverbrauch wachsen. Themen wie Energieeffizienz, der Ausbau erneuerbarer Energien, faire Lieferketten und alternative Antriebssysteme gehören genauso vorangebracht wie E-Governance, Smart City sowie nachhaltiges und digitales Bauen. Ziel muss es sein, hierfür Investoren zu gewinnen sowie Unterstützung durch die Landesregierung zu erhalten, beispielsweise mit Fördermitteln oder Lehrstühlen an unseren Hochschulen. Was mir angesichts dieser notwendigen Veränderungen jedoch wichtig ist zu betonen, ist, dass diese Veränderungen von der Politik nicht mit einer Verzichtsrhetorik „angepriesen“ werden sollten, sondern in einer ganzheitlichen und attraktiven Vision ausformuliert werden müssen.

Prof. Dr. Georg Stephan Barfuß

Georg Stephan Barfuß studierte Wirtschaft an der Universität Maastricht und wurde zum Dr. rer. nat. an der Universität Augsburg promoviert. Er arbeitete im Controlling der Fiat Gruppe sowie der Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH und war Leiter des Konzern-Controlling bei der Uniwheels Automotive Holding GmbH sowie von 2010 bis 2013 Führungskraft im Controlling der Dräxlmaier Group. Von 2013 bis zu seinem Wechsel nach Regensburg war er ebendort als Head of Corporate Sustainability Management tätig sowie Professor für Corporate Social Responsibility an der Technischen Hochschule Ingolstadt.

Hat Corona das Potenzial, grundlegende Reformen zu erleichtern ?

Daran glaube ich ganz fest. So schlimm ich auch die Coronaauswirkungen insgesamt finde: Krisen bieten immer auch Chancen. Wir sehen es ja auch selbst angesichts der gegenwärtig leider Gottes immer noch notwendigen bundesweiten Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen: Viele Dinge, die bis vor Kurzem noch undenkbar schienen – wie soziale Kontakte einzuschränken, verstärkt im Homeoffice zu arbeiten oder an der Supermarktkasse Abstand zu halten – sind im Zweifelsfall eben doch möglich. Insofern bin ich mir sicher, dass die Coronakrise die Bereitschaft, Dinge zu ändern, steigen lässt – auch mit Blick auf die Wirtschaft.

Wann ist Ihrer Ansicht nach Licht am Ende des Corona-Tunnels?

Ich hoffe, dass wir zwischen Mai und Juli in die Konsolidierungsphase kommen, und einen Kassensturz vornehmen können. Unabhängig davon haben Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und ich dem Stadtrat vorgeschlagen, bei bestimmten Ausgabengruppen im Verwaltungshaushalt die geplanten Budgets um 20 Prozent zu kürzen. Gegebenenfalls muss auch mit einem Investitionsprogramm oder einem Nachtragshaushalt reagiert werden. Ansonsten können wir erst gegen Ende des Jahres nachhaltige Impulse für die Nach-Corona-Zeit setzen.