Interview
29. März 2021 6:01  Uhr

Reine Gewinnorientierung ist universitätsfremd

Die geplante Hochschulreform hat an bayerischen Universitäten für viel Aufregung gesorgt. Über 120 Professoren und Professorinnen aus Regensburg und Passau haben in einem offenen Brief gegen die Reformpunkte protestiert. Im Interview spricht Prof. Dr. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg, über Kritikpunkte, Vor- und Nachteile der Reform.

Prof. Dr. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg, sieht die Idee der rein „unternehmerischen Hochschule“ kritisch. | Foto: Petra Homeier

Von Claudia Rothhammer

Herr Professor Hebel, es hat lange gedauert, bis sich Wirtschaft und Gesellschaft mit den Abschlüssen Bachelor und Master angefreundet haben. Warum braucht es jetzt nach der Bologna-Reform schon wieder eine neue Hochschulreform?

Prof. Dr. Udo Hebel: Man könnte die Frage auch umdrehen: Warum erst jetzt eine Reform? Wir operieren immer noch mit zwei Gesetzen, dem Hochschulgesetz und dem Hochschulpersonalgesetz. Die sind damals ja nicht wegen Bologna in die Welt gesetzt worden. Die Gesetze waren der Abschluss einer längeren Diskussion, in der es um die Neuaufstellung der bayerischen Universitäts- und Hochschullandschaft ging. Damals ging es parallel zum Bologna-Prozess bereits um eine Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, um die Modernisierung von Personalstrukturen, um Governance-Fragen. Im Prinzip sind es auch heute wieder diese Themen. Die letzte Reform liegt 15 Jahre zurück. Das mag keine lange Zeit sein, an sich. Aber es ist eine sehr lange Zeit angesichts der Entwicklungen, die in diesen Jahren stattgefunden haben.

Welche Entwicklungen meinen Sie?

In diesen 15 Jahren hat sich zum Beispiel im Bereich der Forschungsförderung und Verbundforschung viel getan, auch bei der Wettbewerbssituation durch die Exzellenz-Initiative. Auch international hat sich viel verändert, zum Beispiel, wie Universitäten in anderen Ländern weltweit aufgestellt sind und agieren. Und dabei haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Landschaft verändert haben und weiter verändern werden. Wenn man jetzt alles zusammennimmt – und da könnte man noch viele Punkte dazunehmen – sieht man schon, dass das Hochschulgesetz von 2006 damals viel verändert hat, aber heute nicht mehr die Basis sein kann, um weiter nach vorne zu gehen. Deshalb ist es aus meiner Sicht geboten, dass es eine moderne, international ausgerichtete Hochschulreform gibt. Außerdem gehört die Hochschulreform zur Hightech-Agenda des Freistaats. Es ist keine Reform, die an sich völlig unerwartet über uns hereingebrochen ist. Wir begrüßen es vielmehr, dass die Reform in Angriff genommen wird.

Es ist keine Reform, die an sich völlig unerwartet über uns hereingebrochen ist. Wir begrüßen es vielmehr, dass die Reform in Angriff genommen wird.

Die Reform mag durch die Hightech-Agenda angekündigt gewesen sein. Doch als Wissenschaftsminister Bernd Sibler die Eckpunkte der Reform im Oktober 2020 vorgestellt hat, haben es viele Universitätsangehörige mit der Angst zu tun bekommen. Allein an Ihrer Universität haben über 80 Professoren und Professorinnen einen offenen Protestbrief unterzeichnet. Unter anderem fürchten sie, dass die Universitäten zu gewinnorientierten Unternehmen gewandelt werden. Teilen Sie diese Sorge?

Die Eckpunkte waren der Planungsstand zu diesem Zeitpunkt, sie haben für viel Aufsehen und Diskussionsstoff gesorgt. Danach hat die Diskussion weiter Fahrt aufgenommen. In der Tat drehte sich dabei viel um den Begriff der sogenannten „unternehmerischen Hochschule“, die externe Governance, also unsere Rechtsform, und um Fragen der internen Governance, also der Leitungs- und Gremienstrukturen. Ich denke, dass der endgültige Gesetzesentwurf anders als die Eckpunkte aussieht. Einige Eckpunkte werden wohl weiterhin darin enthalten sein, andere aber nicht mehr oder in abgewandelter Form.

Welche Eckpunkte sollten denn auf jeden Fall im Gesetzentwurf beibehalten werden?

Auf jeden Fall der grundsätzliche Autonomiegedanke. Das ist genau der Punkt, warum wir Präsidenten und Präsidentinnen die Reform begrüßen. Wenn man sich die Konkurrenzfähigkeit der bayerischen Universitäten und Hochschulen ansieht, stellt man fest, dass wir mehr Autonomie und Eigenverantwortlichkeit und weniger Steuerung von außen brauchen. Wenn man national wie international die Konkurrenzfähigkeit steigern will, dann brauchen wir die Ressourcen der Hightech-Agenda – und das ist großartig, was die Staatsregierung hier an neuen Ressourcen zur Verfügung stellt. Wir brauchen aber auch die Autonomie und die Freiräume, um diese Ressourcen bestmöglich einzusetzen.

Welche Eckpunkte stören Sie?

Was ich – wie viele andere auch – für nicht angemessen und universitätsfremd halte, ist, Universitäten und Wissenschaft an Gewinnorientierung und Wertschöpfungskriterien auszurichten. Dieses Verwertungsdenken stört mich. Der Transferbegriff, wie er in den Eckpunkten vom Oktober 2020 formuliert wurde, ist zu reduktiv, zu ökonomisch und zu funktionalistisch. Es ist klar, dass Universitäten als Ganzes eine gesellschaftliche Verantwortung und einen gesellschaftlichen Impact haben, aber das ist etwas anderes als unmittelbare, quantifiziert gedachte Ergebnis- oder Bilanzerwartungen. Und das äußert sich in unterschiedlichen Fakultäten und Wissenschaftsfeldern jeweils anders und spezifisch – und jeweils für sich wertvoll. Das ist in den Geisteswissenschaften genauso gegeben wie in den Natur- und Lebenswissenschaften oder den Gesellschaftswissenschaften.

Was ich (…) für nicht angemessen und universitätsfremd halte, ist, Universitäten und Wissenschaft an Gewinnorientierung und Wertschöpfungskriterien auszurichten. Dieses Verwertungsdenken stört mich.

Naturwissenschaften und Technik haben hier vermutlich einen besseren Stand, oder?

Natur-, technik- und lebenswissenschaftliche Grundlagenforschung – man spricht ja nicht von ungefähr auch von Blue Skies Research – ist natürlich von immenser Bedeutung, doch sie ist mit Sicherheit nicht sofort und immer eins zu eins verwertbar und will und soll es auch nicht sein. Denken wir nur mal an die Krebsforschung. Wenn unsere Immunologen in Zeitfaktoren von zehn, 15 Jahren etwas zur personalisierten Tumorforschung leisten, dann ist das nichts, was ich am nächsten Tag in der Verwertbarkeit habe. Oder nehmen wir die Lehrer- und Lehrerinnenbildung – zweifellos von hoher gesellschaftlicher Bedeutung, aber doch nicht von Verwertungsgedanken geprägt. Wie gesagt: Universitäre Wissenschaft und Forschung kann ich keinesfalls mit einem reduktiven, ökonomischen und unternehmerischen Transferbegriff zusammenbringen. Und daran entzündete sich, meiner Meinung nach zu Recht, die Kritik an diesem Ansatz zur Hochschulreform. Ich denke, diesen Punkt werden wir im Gesetzentwurf anders vorfinden. Staatsminister Bernd Sibler hat ja bereits signalisiert, dass hier nachjustiert wird.

Wettbewerbsfähigkeit spielt eine große Rolle bei der Reform. Aber die Universität Regensburg steht doch im Vergleich zu anderen Universitäten wirklich nicht schlecht da.

Wir sind in der Tat gut aufgestellt und haben gerade in den letzten Jahren sehr große Fortschritte erzielt, keine Frage. Wir haben ein sehr gutes internationales Netzwerk, wir haben über 300 internationale Patenschaften mit guten Partnern, konnten uns international gut positionieren und zum Beispiel unsere Verbindungen zu Israel, Taiwan, Japan oder Südamerika ausbauen. Wir haben eine ausgezeichnete Forschungslandschaft an der Universität, wir haben zahlreiche Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs, wir haben mit dem Regensburg Center for Ultrafast Nanoscopy, kurz RUN, ein international beachtetes Forschungsgebäude eingeworben, wir haben sehr viel hervorragende Einzelforschung und wir haben – wenn alles weiterhin gut geht in den nächsten Wochen – dann zwei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen: Das Institut für Ost- und Südosteuropaforschung ist bereits seit 2017 ein Leibniz-Institut, das Regensburger Centrum für Interventionelle Immunologie wird jetzt eines werden. Wir haben ein wirklich sehr gutes Plateau erreicht, aber wenn wir uns weiterentwickeln wollen und wenn wir dort mitspielen wollen, wo wir hinwollen, können wir nicht stehen bleiben. Dann dürfen wir uns nicht mit dem Status quo zufriedengeben.

Was ist Ihr Ziel?

Wir wollen belastbar und aussichtsreich in die Exzellenzwettbewerbsrunde 2025 gehen. Dazu brauchen wir Kooperationspartner und eine weitere interne Weiterentwicklung. Wir müssen beispielsweise mehr Professoren und Professorinnen berufen und mehr internationale Berufungen durchführen. Wir müssen junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unabhängiger in der Forschung machen, dazu sind zum Beispiel Tenure-Track-Professuren gut. Wir brauchen auch noch mehr inter- und multidisziplinäre Strukturen an der Universität Regensburg. Wir brauchen, wie alle deutschen Universitäten, mehr englischsprachige Studiengänge. Das alles brauchen wir, um in die nächsten Stufen zu kommen. Dafür brauchen wir mehr Autonomie und mehr Flexibilität und mehr Freiräume, um unsere Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen. Dafür brauchen wir aber auch weniger Bürokratie, weniger Dokumentationspflicht, weniger externe Steuerung. Eine entscheidende Weichenstellung wird daher auch die in der Gesetzesreform vorgesehene Modernisierung des Berufungsrechts sein. Berufungsverfahren dürfen nicht – wie heute oftmals – eineinhalb Jahre dauern. Wir müssen in der Lage sein, Koryphäen ihres Fachgebiets nach Regensburg zu holen, am besten in einer frühen Phase ihrer Karriere. Jung zu uns holen und dann in Regensburg halten, das ist unser Anspruch.