Interview
9. Dezember 2020 6:02  Uhr

Resilienz ist machbar – auch in Krisenzeiten

Die Coronakrise sorgt bei vielen Menschen für große Verunsicherung. Der Berliner Psychologe, Moderator und Podcaster René Träder erklärt, wie es trotz aller Widrigkeiten gelingen kann, schwere Zeiten zu überstehen.

Der Berliner Psychologe, Moderator und Podcaster René Träder | Foto: Jessi Geib

Von Stefan Ahrens

Herr Träder, mitten im zweiten Lockdown stellt die Coronapandemie viele Menschen nicht nur vor gesundheitliche und ökonomische, sondern auch vor große psychische Herausforderungen. Worüber sprechen Menschen, die sich in Berlin und anderswo aufgrund der Coronakrise an Sie wenden, momentan am häufigsten?

René Träder: Durch die neuen Maßnahmen erleben die Menschen eine große Verunsicherung, privat wie beruflich. Planungen und ein optimistischer Blick in die Zukunft scheinen immer schwerer zu fallen. Nun fragen sich viele, wie das nächste Jahr werden wird. Zum Beispiel: Wie sicher ist mein Job? Wann kann man mal wieder reisen? Wie verändern sich durch die Maßnahmen unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft? Kurzum: Angst hat sich, auf vielen verschiedenen Ebenen, zur globalen Emotion des Jahres 2020 entwickelt. Gerade der Verlust direkter zwischenmenschlicher und kultureller Begegnungen nagt an vielen. Die Maßnahmen und ihre Folgen, die ständige Berichterstattung der Medien über Corona und auch die Diskussionen darüber im Kleinen bedeuten für uns Menschen Stress. Unser Organismus kann ganz gut mit Stress umgehen, ist allerdings nicht für Dauerstress geschaffen. Dauerstress macht krank, physisch und psychisch. Und: Dauerstress schadet unserem gesellschaftlichen Miteinander.

Nicht nur jetzt in Coronazeiten treten Psychologen, Coaches und Lebensberater immer wieder dafür ein, die eigene Resilienz zu stärken. Sie selbst tun dies in Ihrem neuen Buch „Das Leben so: Nein! Ich so: Doch! Wie du besser mit Stress, Krisen und Schicksalsschlägen umgehst“ ebenfalls. Ist dies tatsächlich das große Allheilmittel zur Bewältigung aller Krisen und Widrigkeiten des Lebens?

Stress, Krisen und Schicksalsschläge gehören zu jedem Leben dazu. Das war schon immer so, und das wird auch immer so bleiben. Die wichtige Frage ist daher: Wie kann ich mit diesen Dingen gut umgehen, möglichst so, dass ich eben trotz oder mit dem Negativen ein gutes Leben haben kann? Der lateinische Begriff Resilienz bedeutet so viel wie „abspringen“ oder „abprallen“. Die Belastungen sollen also weitestgehend an uns abprallen, sodass wir nicht daran zerbrechen. Die psychologische Forschung hat gezeigt, und das lässt sich auch im eigenen Umfeld gut beobachten, dass Menschen sehr verschieden mit den Widrigkeiten des Lebens umgehen. Einige scheinen regelrechte Stehaufmännchen zu sein, wohingegen andere keine oder ungesunde Strategien entwickeln. Wer resilienter ist, gerät nicht so leicht in eine Opferhaltung, sondern übernimmt eher Verantwortung für seine Lage, Bedürfnisse und Ziele. Er denkt optimistischer und vor allem eher lösungsorientiert und konstruktiv, statt sich von Problemen lähmen zu lassen. Resilientere Menschen treffen dadurch mutigere Entscheidungen und kommen schneller ins Handeln.

Glück wird in unserer Zeit sowie in unserer Gesellschaft überbetont. Mein Eindruck ist, dass das schnelle Glück immer dann gesucht wird, wenn eigentlich Sinnfragen zu beantworten wären.

Resilienz aufzubauen und das eigene Leben auch in Krisenzeiten in die Hand zu nehmen, ist manchmal leichter gesagt als getan. Sind viele Menschen überhaupt dazu bereit oder in der Lage, das eigene Leben in Angriff zu nehmen und schädliche Verhaltensmuster zu überwinden? Hirnforscher sind ja äußerst skeptisch, was die Annahme der Existenz eines freien Willens angeht, und sagen im Sinne Arthur Schopenhauers: „Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will.“

Das ist ein sehr wichtiger Punkt und eine interessante Frage, über die jede und jeder für sich allein einmal nachdenken kann. Wie frei bin ich in meinem Handeln? Die Hirnforschung geht davon aus, dass den Bruchteil einer Sekunde, bevor wir den Eindruck haben, eine Entscheidung getroffen zu haben, in uns schon eine Entscheidung getroffen wurde. Es lassen sich in bestimmten Regionen Gehirnaktivitäten nachweisen, die darauf hindeuten, dass wir uns lediglich unserer Entscheidung bewusst werden, wenn wir glauben, eine Entscheidung zu treffen. Oder hart ausgedrückt: Wir argumentieren unseren inneren Entscheidungen hinterher. In uns sitzt aber kein Kobold, der auf irgendwelche Knöpfe drückt. Das innere System sind auch wir. Das wird gespeist von Ängsten, Werten, Überzeugungen etcetera und entscheidet im besten Sinne für uns auf Grundlage der eben erwähnten Aspekte. Für eine echte Verhaltensänderung reicht es also nicht aus, sich ein hübsches Ziel auszumalen. Im Coaching höre ich manchmal den Satz: „Ich bin gespannt, ob ich das so umsetze.“ Ich weise meine Coachingklienten dann darauf hin, dass sie gerade ihre Person aufspalten und in eine Beobachterrolle wechseln. Die Person, die gespannt ist, ist die gleiche Person, die handeln kann. Es ist wichtig, sich selbst besser zu verstehen und die eigenen Verhaltensmuster zu entlarven. Es lohnt sich, dafür Klarheit über die eigenen Werte und Ängste zu bekommen. Wir müssen dafür ans Eingemachte und bereit für die Reflexion sein. Wir müssen unsere wirklichen Hürden erkennen und uns das neue Verhalten möglichst leicht machen – also nicht komplett das ganze Leben umkrempeln, sondern eher gute neue Gewohnheiten dadurch etablieren, dass wir sie an andere Gewohnheiten knüpfen. Da Sie gefragt haben, ob Menschen dazu bereit und in der Lage sind, das eigene Leben in Angriff zu nehmen, würde ich sagen: Ja, wir sind grundsätzlich dazu in der Lage. Manchmal braucht es allerdings einen besonders großen Leidensdruck.

Das Schöne ist, dass Resilienz keine Raketenwissenschaft ist. Weil Menschen schon immer mit Negativem konfrontiert waren, gibt es in allen Kulturen und aus allen Zeiten Ideen für ein gutes Leben.

Die Büchergeschäfte sind voll mit sogenannten Glücksratgebern, in denen gewissermaßen versprochen wird, wie man unvermeidlich glücklich werden kann. In Zeiten wie diesen dürfte die Nachfrage nach dieser Form der Literatur besonders groß sein. Frage an den Psychologen: Kann man wirklich unvermeidlich glücklich werden?

Glück wird in unserer Zeit sowie in unserer Gesellschaft überbetont. Mein Eindruck ist, dass das schnelle Glück immer dann gesucht wird, wenn eigentlich Sinnfragen zu beantworten wären. Diese Auseinandersetzung, vor allem auch die Leere wahrzunehmen und diese Lücken zu füllen, bedeutet allerdings Arbeit. Und das ist halt anstrengend. Hinzu kommt, dass die Effekte nicht unmittelbar zu spüren sind. Wir leben in einer Zeit, in der das Glück als erstrebenswert vorgelebt wird, und in einer sehr schnellen Zeit des Überflusses, in der fast alles jederzeit verfügbar ist. So auch die vermeintlichen Glücksauslöser: Essen, Shoppen, Filme und Serien, PC-Spiele, Sex und vieles mehr. All das sind Abkürzungen, um die Bedürfnisse zu befriedigen, die in uns sind. Und sie sind Ablenkung von einem Leben, das wahrscheinlich noch nie so voll, so stressig und in kurzer Zeit so vielen Veränderungen unterworfen war. Veränderungen bedeuten Unsicherheit. Auch diese negative Empfindung lässt sich durch schnelles Glück ausblenden. Wenn wir hingegen beispielweise in die antike Philosophie schauen, dann stoßen wir auf den Begriff der Ataraxie, der Seelenruhe. Dass das auch für uns heute etwas sein kann, das einen guten Umgang mit dem Leben fördert, erkennen immer mehr Menschen. Wir sprechen vielleicht heute eher über Achtsamkeit, Meditation, Yoga oder Minimalismus. Die Grundaussage ist jedoch immer dieselbe: Raus aus dem Überfluss und dem Getriebensein und der ständigen Suche nach dem nächsten Kick, hin zu einem bewussten Leben, in dem Ruhe und bei sich zu sein als wertvoll empfunden wird.

Was tun Sie eigentlich selbst, um seelisch stark und gesund zu bleiben?

Im Sinne des Bildes vom psychischen Immunsystem achte ich darauf, nicht erst an den „Apple a Day“ zu denken, wenn meine Seele niest und hustet. Ich baue viele kleine psychische Vitaminkicks ein. In meinem Buch spreche ich acht Resilienz-Bausteine an, die – diese versuche ich auch in meinem Alltag zu leben. Das Prinzip der Achtsamkeit hilft mir dabei sehr. Achtsamkeit bedeutet, dass man im Hier und Jetzt ist, ohne emotional oder gedanklich in die Vergangenheit oder Zukunft abzudriften. Außerdem bedeutet eine achtsame Haltung einzunehmen, möglichst nicht zu bewerten, sondern eher zu beobachten. Das klingt vielleicht etwas abstrakt, doch ist ganz praktisch, da Achtsamkeit eine Art Weggabelung ist, wie man sich entscheidet und verhält. Ich kann Achtsamkeit in Bezug auf meine Zeit, meinen Körper, in Bezug auf ein Gespräch und auch beim Netflix-Gucken praktizieren, nämlich dann, wenn ich mich voll und ganz auf den Moment einlasse und auf Multitasking verzichte. Ganz konkret helfen mir außerdem verschiedene Atemtechniken, in die Entspannung zu kommen. Ich versuche, viel in der Natur zu sein, was auch für einen Berliner möglich ist, auch wenn es hier keine richtigen Berge und kein Meer gibt. Ich fülle Pausen- und Wartezeiten nicht automatisch mit dem Blick aufs Handy, erlaube mir das Gefühl von Langeweile, koche bewusst und achte auf einen Medienkonsum, der mir gut tut. Ich pflege den Kontakt zu Menschen, die mir am Herzen liegen und frage andere um Rat. Das Schöne ist, dass Resilienz keine Raketenwissenschaft ist. Weil Menschen schon immer mit Negativem konfrontiert waren, gibt es in allen Kulturen und aus allen Zeiten Ideen für ein gutes Leben. Wir dürfen uns davon also auch inspirieren lassen und schauen, was die Alten Philosophen dachten, was der Buddhismus lehrt oder eben, was die Psychologie empfiehlt.

René Träder

René Träder ist Psychologe (M.Sc.), Journalist und Podcaster. Als Psychologe begleitet er Veränderungsprozesse von Einzelpersonen, Teams und Unternehmen durch Workshops und Coachings. Er moderiert außerdem zwei Podcasts: „7Mind“ und für die DAK „Ganz schön krank, Leute!“. Vor Kurzem erschien bei Ulllstein sein Resilienzbuch „Das Leben so: Nein! Ich so: Doch! Wie du besser mit Stress, Krisen und Schicksalsschlägen umgehst“.