Gesundheit
15. Juli 2021 5:59  Uhr

Rundrücken und Geierhals am Laptop

Zwischen Schminktisch und Wohnzimmerkommode: Im Homeoffice leidet die Rückengesundheit, denn das perfekt eingerichtete Arbeitszimmer daheim haben nur die wenigsten.

Nur auf den ersten Blick gemütlich: Beim „Nebenbei-Arbeitsplatz“ am heimischen Küchentisch feiert die Volkskrankheit Rückenprobleme fröhliche Urständ. Foto: Jürgen Fälchle – stock.adobe.com

Von Renate Kerscher

MÜNCHEN/VIECHTACH. Der Küchentisch im Esszimmer, der Schminktisch im Schlafzimmer oder das kleine Ecktischlein im Wohnzimmer – die coronabedingte Homeofficewelle hat kreative Arbeitsplätze mit sich gebracht. Zeitweilig ganz nett, aber psychisch und vor allem physisch sind Küchentisch und Co weniger geeignet, um dort täglich acht Stunden zu arbeiten. Trotzdem bleibt vielen Arbeitnehmern gar nichts anderes übrig, als sich in den eigenen vier Wänden zu arrangieren. Auf ein perfekt eingerichtetes Arbeitszimmer können eher wenige zurückgreifen. Und das hat Folgen.

Zwei Seiten der Homeoffice-Medaille

Homeoffice löst zweierlei Gefühle bei den Betroffenen aus. Maximilian Zöller, Sportwissenschaftler bei der AOK Bayern, erklärt die beiden Tendenzen: „Das Homeoffice bietet eine höhere Autonomie und damit verbundene Zufriedenheit der Beschäftigten. Im Homeoffice können Arbeitnehmer häufig konzentrierter arbeiten und bewältigen dadurch mehr Arbeit. Das macht zufrieden.“ Auf der anderen Seite seien Mitarbeiter im Homeoffice häufiger erschöpft, würden an Schlafstörungen und Reizbarkeit leiden. „Im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Privatleben und Business oft und es wird auch am Wochenende oder abends noch oder nochmal gearbeitet“, sagt Zöller. Auf diese Ergebnisse kam die AOK im Rahmen des Fehlzeitenreports aus dem Jahr 2019. „Aktuellere Zahlen gibt es noch nicht, aber wir gehen davon aus, dass sich der Trend verstärkt hat.“ Eines kann die AOK aber jetzt schon sagen: Die Niederbayern und die Oberpfälzer waren 2020 weniger krank – egal ob im Homeoffice oder nicht. „Wenn sich jemand krankgemeldet hat, dann jedoch länger als in den Vorjahren.“

Massive Haltungsschäden zu erwarten

Wie sich das dauerhafte Homeoffice langfristig auf die Betroffenen auswirkt, kann Zöller nur mutmaßen. Er geht als Sportwissenschaftler vor allem von massiven Haltungsschäden und Rückenproblemen aus, wenn die Ergonomie des Heimarbeitsplatzes dauerhaft außer Acht gelassen wird. „Die Ergonomie des Arbeitsplatzes ist das A und O, sonst wird sich die Rückengesundheit langfristig verschlechtern“, sagt Zöller. Im Unternehmen wird das vom Arbeitsschutz kontrolliert, aber der heimische Küchentisch wird von niemandem auf Tauglichkeit überprüft. Das müssen die Arbeitnehmer eigenverantwortlich übernehmen.

Die Todsünde des ergonomischen Arbeitens

Die AOK als Arbeitgeber handhabt es zum Beispiel so, dass Arbeitnehmer, die von zu Hause aus arbeiten, ihre technischen Arbeitsmittel mitnehmen dürfen. „Außerdem gibt es bei uns eine Ergonomieberatung, wie die perfekte Ergonomie in der eigenen Wohnung umgesetzt werden kann.“ Aber auch Unternehmen und Mitarbeiter anderer Firmen können sich bei der Krankenkasse Hilfe holen oder sich beraten lassen – ein Service, der gerade zu Pandemiezeiten rege in Anspruch genommen wird. Der Laptop ist übrigens die Todsünde des ergonomischen Arbeitens. Hier lauern Rundrücken und Geierhals. Darum ist es ratsam, Tastatur und Monitor auf jeden Fall zu trennen. Der obere Rand des Monitors sollte auf Augenhöhe sein, während die Tastatur ausreichend Abstand zum Monitor braucht.

Basisausstattung: Drehstuhl und Licht

Stefan Fritz, Geschäftsführer von Fritzoffice aus Viechtach im Landkreis Regen, einem Full-Service-Dienstleister für Büroausstattung und Raumlösungen, ist Profi, wenn es um den perfekten Arbeitsplatz geht. „Ein höhenverstellbarer Schreibtisch, ein guter Stuhl, vernünftiges Licht und das alles am besten in einem separaten Raum – also einem Büro“, das ist laut Fritz die Basisausstattung für ein gutes Homeoffice. Und der Küchentisch? „Der Küchentisch ist eine ergonomische Katastrophe“, sagt der Experte.

Die Hochs und Tiefs der Schreibtischarbeit

Wer sich jetzt nicht ad hoc eine komplette Büroausstattung leisten will oder kann, dem empfiehlt Fritz, bei einem guten Drehstuhl anzufangen und in ausreichend Licht zu investieren. „Laut DIN-Norm müssen es 500 Lux auf der Tischoberfläche sein. Die normale Glühbirne bringt das bei Weitem nicht.“ Schlechtes Licht ist natürlich schlecht für die Augen und lässt uns grundsätzlich schneller ermüden. Helle Tischoberflächen kommen dem Lichtthema entgegen, weil ein weißer Tisch das Licht besser reflektiert und so automatisch für mehr Helligkeit sorgt. Wer Platz für einen Schreibtisch hat, sollte in einen höhenverstellbaren investieren. „Vor ein paar Jahren waren die noch unerschwinglich, aber heute sind höhenverstellbare Schreibtische ab 500 Euro zu haben und ihr Geld echt wert. Es ist extrem rückenschonend, mal im Stehen und mal im Sitzen zu arbeiten.“

Keine Peanuts, sondern eine Investition

Für die Schreibtischgröße gibt es natürlich auch eine DIN-Norm: „1,28 Quadratmeter muss ein Bildschirmarbeitsplatz mindestens haben – das sind 80 cm x 160 cm.“ Wer also einen Schreibtisch kauft, sollte diese Maße im Hinterkopf haben. Für einen Arbeitnehmer kann da locker ein Monatsgehalt oder mehr draufgehen, bis der Heimarbeitsplatz einigermaßen akzeptabel ist. Oder aber, das Unternehmen kümmert sich um die Rückengesundheit – auch daheim. „Es gibt bereits Unternehmen, die statten ihre Mitarbeiter entsprechend aus oder überdenken gerade die Arbeitsplatzlösungen im Unternehmen.“ Stefan Fritz geht davon aus, dass sich die Bürokonzepte der Zukunft stark verändern werden. „Aber im Allgemeinen habe ich beobachtet, dass viele Firmen ihre Arbeitnehmer längst wieder aus dem Homeoffice geholt haben, weil es in vielen Branchen einfach langfristig oder über einen längeren Zeitraum effektiv nicht machbar ist“, betont Fritz.