Außenhandel
17. Juli 2020 6:00  Uhr

Russland ist und bleibt ein wichtiger Partner

Allen Sanktionen und Strafzöllen zum Trotz: Wie eine aktuelle Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) ergab, verdienen die deutschen Firmen in Russland nach wie vor gutes Geld.

Schützenhilfe für Ostsee-Pipeline: In der AHK-Umfrage sprach sich die Mehrheit der Befragten für die Durchführung des Gasleitungsprojekts Nord Stream 2 aus. | Foto: fotowunsch – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG/MOSKAU. Deutsche Unternehmen, die sich in Russland engagieren, beweisen zweifellos Nervenstärke. Auf der anderen Seite zählt zu den Vorzügen des russischen Standorts gerade auch die wirtschaftliche Stabilität. Diesen vermeintlichen Widerspruch hat der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), Matthias Schepp, bei der Präsentation der neuesten Geschäftsklimaumfrage unter seinen Mitgliedsbetrieben mit einer überraschenden Feststellung aufgelöst: Deutsche Investoren werden von den staatlichen Stellen in Russland offener empfangen als in den USA oder China.

Auch in den nächsten Monaten wird investiert

Trotz zahlreicher Probleme wie Sanktionen, Überbürokratisierung, Korruption oder auch der aktuell aufgrund der Coronakrise lahmenden Konjunktur sei Russland weiterhin eine Art Hidden Champion für deutsche Investitionen. Mit Blick auf die neueste Umfrage hob Schepp hervor: „Unsere Firmen verdienen im größten Flächenstaat der Erde nach wie vor gutes Geld. Sie sehen Zukunftschancen und im Vergleich zu anderen Weltregionen eine hohe Stabilität und Berechenbarkeit.“ Auch Corona und der Einbruch des russischen Bruttoinlandsprodukts hindern deutsche Unternehmen nicht daran, in den kommenden zwölf Monaten 1,8 Milliarden Euro in den Ausbau ihres Geschäfts in Russland zu investieren. Über 4270 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind heute auf dem russischen Markt aktiv, manche davon errichten derzeit sogar neue Werke.

Horsch setzt auf made in Russia

Zu ihnen zählt auch die Horsch Maschinen GmbH, einer der weltweit führenden Hersteller von innovativer Landtechnik und modernen Lösungen für Bodenbearbeitung, Aussaat und Pflanzenschutz. Bereits vor zwei Jahren hatte das Unternehmen mit Sitz in Schwandorf rund 1,5 Millionen Euro in Russland investiert und damit vor allem die eigene Produktion massiv erweitert. Die Geschäftsführerin Cornelia Horsch, neben Michael und Philipp Horsch das Gesicht des Familienunternehmens, erklärt dazu: „Dadurch ist es möglich, unsere Technik unter dem Label made in Russia zu produzieren.“ So könne man einerseits von den dort gewährten Subventionen profitieren und falle andererseits nicht unter mögliche Strafzölle.

EU-Sanktion als Damoklesschwert

Solche Markteingriffe oder auch staatlich verhängte Sanktionen schweben denn auch ganz generell wie ein Damoklesschwert über den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Im März 2014 hatte die Europäische Union mit verschiedensten Maßnahmen auf die Annexion der Krim und die „bewusste Destabilierung der Ukraine“ reagiert. Später machte die EU die Aufhebung speziell der Wirtschaftssanktionen gegen die Aus- und Einfuhr bestimmter Güter und Dienstleistungen von der Umsetzung der Minsker Vereinbarung abhängig. Da Brüssel diese Auflage nicht erfüllt sah, wurden die EU-Sanktionen seither alle sechs Monate immer wieder verlängert. Die in Russland aktiven deutschen Unternehmen haben dafür offenbar wenig Verständnis: Eine erdrückende Mehrheit von 95 Prozent fordert eine schrittweise oder sogar sofortige Aufhebung der europäischen Sanktionen.

Ein klares Plädoyer für Nord Stream 2

Umgekehrt sprechen sich, angesichts drohender neuer amerikanischer Sanktionen gegen die Ostseepipeline Nord Stream 2, fast 60 Prozent für Gegenmaßnahmen und Gegensanktionen der Europäischen Union aus. Die AHK hatte schon früh in einem Positionspapier den wirtschaftlichen Nutzen der Pipeline dargelegt, die die Energiepreise in Europa um bis zu 16 Prozent senken könnte. „Die Pipeline ist ein europäisches Investitionsprojekt, das die Energiesicherheit des Kontinents erhöht“, hatte es Rainer Seele, der Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer auf den Punkt gebracht.
Russlands hohen Stellenwert für ihr Unternehmen betont auch Cornelia Horsch. Sie verweist auf die enormen Ackerflächen im Land und die Großbetriebe, für die die innovative Horsch-Technik in großen Dimensionen perfekt geeignet sei. Jedenfalls werde man diesen Standort weiterentwickeln mit dem Ziel, noch mehr Produkttypen aus dem vielfältigen Maschinenangebot direkt in Russland zu fertigen.

Bionorica nimmt 2021 neues Werk in Betrieb

Neben den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, der klassischen Energie wie Öl und Gas sowie erneuerbaren Energien werden, so die AHK-Umfrage, auch dem Sektor Gesundheitswirtschaft große Entwicklungschancen eingeräumt. Und so verwundert es nicht, dass Prof. Dr. Michael A. Popp den Stellenwert des russischen Marktes besonders hervorhebt. Laut dem Vorstandsvorsitzenden der Bionorica SE mit Sitz im oberpfälzischen Neumarkt nimmt der renommierte Hersteller pflanzlicher Arzneimittel im Jahr 2021 ein neues Werk in Woronesch in Betrieb. 40 Millionen Euro habe Bionorica in das Werk mitten in Zentralrussland 500 Kilometer südlich von Moskau investiert, um mit diesem Standort seine Kapazitäten zu erweitern. Der russische Markt insgesamt macht mit einem Umsatz von 100 Millionen Euro fast ein Drittel der Gesamterlöse des Oberpfälzer Unternehmens aus.

Interview

„Wir haben bisher noch jede Krise gemeistert“

Der Bionorica-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Michael A. Popp zeigt großes Vertrauen in den russischen Markt. Der Neumarkter Hersteller von pflanzlichen Arzneimitteln profitiert unter anderem davon, dass Medikamente von allen Sanktionen ausgenommen sind.

Foto: Jan Voth

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