Immobilien
23. April 2020 15:23  Uhr

Neuer Wohnraum durch den Umzug von Senioren?

Gastbeitrag von Prof. Dr. Sonja Haug

Die kürzlich veröffentlichte Studie „Neues Wohnen 2020“ von Pantera ergab, dass jeder Zweite in Bayern im Alter in eine kleinere Wohnung ziehen würde. Rechnerisch gäbe es in Regensburg eine potenzielle Wohnraumreserve von 90.000 Quadratmetern. Die Hälfte der Befragten zeigt auch Interesse an „Serviced Apartments“. Diese Wohneinheiten mit ein bis drei Zimmern bieten Dienstleistungen wie Reinigungs- und Wäscheservice, Einkaufshilfen oder Notfallüberwachung.

Wie realistisch sind diese Überlegungen bezogen auf Regensburg? Laut der Studie „2020 -Wohnungsmarkt Bayern“ der Bayerischen Landesbodenkreditanstalt sind in der Oberpfalz 2018 durchschnittlich 51 Quadratmeter pro Einwohner und 103 Quadratmeter pro Wohnung zu verzeichnen. Nur in Niederbayern wird dieser Wert noch übertroffen. Die mit dem demografischen Wandel verbundene höhere Lebenserwartung führt dazu, dass eine wachsende Gruppe älterer Frauen häufig allein in Haus oder Wohnung verbleibt. Etwa die Hälfte des Wohnraumbestands in Regensburg hat ein bis drei Zimmer einschließlich Küche, ein Viertel vier Zimmer, ein Viertel ist größer. Dass hier Reserven existieren, wäre also plausibel.

Der Bedarf an Wohnraum ist hoch, denn Regensburg hat eine sehr hohe Zuwanderung. Ein Blick in das aktuelle statistische Jahrbuch der Stadt zeigt, dass die Altersgruppe der 20- bis 30-jährigen am stärksten vertreten ist. Der sogenannte Altenquotient steigt in Regensburg nicht, sondern sinkt durch den stetigen Zuzug jüngerer Singles und Familien aus dem In- und Ausland.

Was spricht dagegen, dass durch Umzug von Senioren Wohnraum frei wird? Zunächst kann eine Onlineumfrage keine repräsentativen Ergebnisse für die Gesamtbevölkerung liefern, wie Prof. Rainer Schnell von der Universität Duisburg gezeigt hat. Ein Grund ist, dass unter den über 75-Jährigen, immerhin etwa acht Millionen Deutsche, nur 27 Prozent das Internet nutzen. Genau die Bevölkerungsgruppe, deren Umzugsbereitschaft untersucht werden soll, ist in der Pantera-Studie unterrepräsentiert. In der Studie liegt die höchste Umzugsbereitschaft im Alter zudem gar nicht bei der nächsten Rentnergeneration, sondern bei Familien mit minderjährigen Kindern. Ob diese aber nach Jahrzehnten ihre Meinung beibehalten, ist offen.

Die Haushaltsbefragung in der Wohnbaugenossenschaft Margaretenau in Regensburg im Projekt MAGGIE zeigt, dass nur sieben Prozent der Seniorenhaushalte in den nächsten fünf bis 15 Jahren einen Umzug in eine kleinere Wohnung erwägen. Da ein Wohnortwechsel den Verlust der gewohnten Umgebung bedeutet, wird eine Sanierung der eigenen Wohnung bevorzugt. Wenn nicht einmal innerhalb der Margaretenau mit einer Miete von durchschnittlich 5,16 Euro pro Quadratmeter Umzugsbereitschaft besteht, wäre ein Appartement auf dem Regensburger Wohnungsmarkt mit Durchschnittsmieten von 8,96 Euro pro Quadratmeter noch weniger attraktiv. Der wichtigste Faktor bei einem Umzug ist wie in der Pantera-Studie die Finanzierbarkeit. Deren Hochrechnung beschränkt sich daher auf Seniorenhaushalte mit Wohneigentum in Großstädten.

Gemäß der Pantera-Studie sind als Alterssitz ländliche Umgebung und Kleinstädte mit Spaziermöglichkeiten im Grünen gefragt, aber mit ärztlicher Versorgung in der Nähe und fußläufigen Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf. Die Margaretenauer wünschen sich ebenfalls einen Quartiersladen und ambulanten Pflegedienste direkt vor Ort. Nach der Studie „2020 -Wohnungsmarkt Bayern“ würden zudem Senioren aus ländlichen Räumen verstärkt in Städte ziehen, um ihre Nahversorgung zu verbessern, wenn sie es sich leisten könnten. Das Dilemma besteht also darin, dass gute Nahversorgung, hoher Quadratmeterpreis und knappes Angebot miteinander einhergehen. Die Verbesserung der Versorgungslage und Infrastruktur in Kleinstädten könnte ein Beitrag zur Erfüllung der Wohnwünsche sein. Auch zentrumsnahe Serviced Apartments könnten dem Bedarf entgegenkommen. Sollte sich der derzeitige Trend zum Homeoffice zukünftig dauerhaft etablieren und die Unternehmen dementsprechend weniger Büroräume benötigen, könnten auch frei werdende Büroflächen zu Wohnraum umgebaut werden.

Zur Person

Prof. Dr. Sonja Haug

Prof. Dr. habil Sonja Haug ist Professorin für Sozialforschung an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH). Sie ist Co-Leiterin des Instituts für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST) und Sprecherin des Arbeitskreises Migration, Integration, Weltbevölkerung der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD). Sonja Haug leitet die Sozialstudie zum Projekt MAGGIE (Restaurierung und energetische Modernisierung des genossenschaftlichen Wohnquartiers Margaretenau in Regensburg).

Foto: Florian Hammerich/OTH Regensburg