Digitalisierung
3. Mai 2022 6:01  Uhr

Schlüsseltechnologie für den Mittelstand

Viele Firmen stehen vor komplexen Herausforderungen, für die künstliche Intelligenz Lösungen bietet. Vor allem der Mittelstand tut sich jedoch schwer bei der Implementierung von KI. Ein Projekt des Digitalministeriums soll helfen.

Digitalministerium Judith Gerlach ließ sich am Stand der FIT AG die FIT-Anwendung erklären. Foto: FIT Additive Manufacturing Group

Von Thorsten Retta

SCHWANDORF/MÜNCHEN. Künstliche Intelligenz (KI) ist ein strategisches Zukunftsthema. Durch KI lassen sich Fehler reduzieren, repetitive Aufgaben automatisieren und neue datenbasierte Wertschöpfungsquellen erschließen. Wenig erstaunlich also, dass laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom 73 Prozent der Unternehmen in Deutschland mit mehr als 20 Mitarbeitern KI als die wichtigste Zukunftstechnologie sehen. Aber, und das erstaunt schon ein wenig mehr: Lediglich 22 Prozent planen die KI-Nutzung oder diskutieren darüber. Noch stärker irritiert angesichts der kommunizierten Bedeutung der KI schließlich die Zahl an Unternehmen, die KI tatsächlich einsetzt: 6 Prozent. Gerade im Mittelstand ist die Diskrepanz zwischen beigemessener Bedeutung und Anwendung der Technologie groß. Als Gründe dafür führen die Firmen den schwierigen Zugang zu Talenten und KI-Know-how an.

Projektpuls schlägt in der Oberpfalz und Oberbayern

Ein Hochtechnologieland wie Deutschland ohne nennenswerte Bodenschätze kann sich solche Zahlen in einem Bereich, der entscheidend dafür ist, ob es das auch bleibt, nicht leisten. 2021 hat das Bayerische Staatsministerium für Digitales mit „KI-Transfer Plus – Regionalzentren für Bayerns Mittelstand“ daher ein Programm initiiert, das künstliche Intelligenz und den Mittelstand zusammenbringen soll.
Gestartet wurde das Projekt zusammen mit der „appliedAI“-Initiative des Gründungs- und Innovationszentrums „UnternehmerTUM“ im April 2021. Im Projektrahmen wurden durch „appliedAI“ in München und in Regensburg durch das Regensburg Center for Artificial Intelligence (RCAI) der OTH Regensburg sechs Unternehmen bei der Umsetzung konkreter KI-Maßnahmen unterstützt und begleitet. Dabei erhielten die Unternehmen im Projektzeitraum von neun Monaten die Möglichkeit, eine passende technische KI-Infrastruktur aufzubauen und eine langfristige KI-Vision zu entwickeln sowie Unterstützung bei der Einführung eines konkreten Anwendungsfalls im jeweiligen Unternehmenskontext. Bei einem der Teilnehmer, Horsch Maschinen in Schwandorf, fand nun die Abschlusspräsentation der ersten Projektphase statt.

Noch viel ungenutztes Potenzial

„KI ist eine Schlüsseltechnologie. Wir müssen daraus eine relevante Wertschöpfung erzielen“, ordnete die bayerische Staatsministerin für Digitales, Judith Gerlach, die Bedeutung der KI ein. „Und zwar nicht nur in den Konzernen, sondern gerade im Mittelstand. Ehrlicherweise ist da noch Luft nach oben. Genau deshalb haben wir das Projekt auch ins Leben gerufen, wir sehen hier noch einiges an ungenutztem Potenzial.“

Der Ansatz scheint aufzugehen. Die Unternehmen konnten mithilfe der im Projektrahmen eingeführten Anwendungsfälle einen klaren Mehrwert generieren. Die FIT AG, Spezialist für Additive Fertigung aus Lupburg, etwa hat im Projektrahmen eine KI-basierte, automatisierte Sortierung von Bauteilen entwickelt. Bislang mussten die Bauteile manuell sortiert werden. „Nicht unbedingt der spannendste Job der Welt“, räumt Dr. Elisabeth Bauer, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit bei FIT ein. „Durch die KI-Anwendung können wir die Kollegen, die das bisher getan haben, nun sinnvoller einsetzen – und zwar aus deren und aus Unternehmensperspektive.“ Bauer bestätigt auch eine dem Projekt zugrundeliegenden Annahme: „Uns hat bislang schlicht das Know-how beziehungsweise der Zugang zu Experten für die Umsetzung gefehlt. Der potenzielle Nutzen der KI ist uns vollkommen klar.“

„Am Geld liegt es nicht“, resümierte auch Gerlach. Einen weiteren Grund für die Diskrepanz zwischen zugestandener Bedeutung und Anwendung der KI im Mittelstand liege vielmehr in der Förderlogik. „Der Bund gibt viel in entsprechende Fördertöpfe. Um da ranzukommen, braucht es aber bereits ein gewisses Know-how.“ Daher würden von der Förderung bisher vor allem jene Unternehmen profitieren, die bereits mit KI arbeiten. Das sei schön und gut, könne aber nicht alles sein, so die Ministerin. „Wir müssen dafür sorgen, dass KI in allen Branchen und Unternehmensgrößen zur Macher-Technologie wird, ansonsten ist es nur theoretisch eine gute Geschichte.“

Weiteres KI-Regionalzentrum wird kommen

Damit es im Bereich der künstlichen Intelligenz in Bayern noch häufiger über die Theorie hinausgeht, soll in Zukunft ein weiteres Regionalzentrum sorgen. Neben den bisherigen Zentren in Regensburg und München soll es für die nächste Phase ein drittes in Aschaffenburg geben. Eingerichtet wird es am Kompetenzzentrum Künstliche Intelligenz der Technischen Hochschule Aschaffenburg und soll Unternehmen aus Unterfranken bei KI-Projekten begleiten. „An der nächsten Runde des Projekts KI-Transfer Plus, die noch im Frühjahr starten soll, können somit nicht nur weitere Unternehmen aus Oberbayern und der Oberpfalz auf das große Know-how bayerischer Wissenschaftseinrichtungen zugreifen und sich so fit für die hochdigitale Zukunft machen, sondern auch Betriebe aus Unterfranken.“
Lob für das Projekt gab es auch aufgrund des Nachhaltigkeitsaspektes. Viele der Ansätze werden selbstständig von den Unternehmen fortgeführt, einige entwickeln auch eigenständig neue KI-Anwendungen. „Mit diesem Konzept können wir es schaffen, künstliche Intelligenz nachhaltig im Mittelstand zu verankern. Vergleichbare Programme sind weltweit sonst nur in Singapur zu finden – und auch dort ein voller Erfolg“, so „appliedAI“-Geschäftsführer Dr. Andreas Liebig.

KI-Transfer Plus

KI-Transfer Plus ist ein deutschlandweit einmaliges Programm, das seit 2021 als Pilot im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales durchgeführt wird. Das Programm unterstützt durch lokale KI-Regionalzentren gezielt mittelständische Unternehmen – von der KI-Strategieentwicklung bis zur Umsetzung eines eigenen KI-Projekts. Das Ziel: Mittelständische Unternehmen zu langfristig erfolgreichen KI-Anwendern machen.

Eine Reihe von Unternehmen hat bereits an der ersten Projektrunde „KI-Transfer Plus“ teilgenommen und KI implementiert. Wie vielfältig die verschiedenen Einsatzgebiete und Anwendungen sind, lesen Sie hier …