Gastbeitrag
7. Januar 2022 11:53  Uhr

Schon lange nicht mehr nur die Werkbank der Welt

Dr. Nicolas Maier-Scheubeck, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen, die mit ihrer Tochter MR China im Rahmen der digitalen Transformation Chinas sehr erfolgreich agiert, äußert sich in einem Gastbeitrag über Herausforderungen für Europa.

Dr. Nicolas Maier-Scheubeck | Foto: Maschinenfabrik Reinhausen

Gastbeitrag von Dr. Nicolas Maier-Scheubeck

Europa muss anerkennen, dass es im globalen Wettbewerb der gesellschaftspolitischen Systeme keinen natürlichen Gleichgewichts- oder gar Endpunkt der Entwicklung gibt. Die Welt teilt sich gerade in eine amerikanisch und eine chinesisch dominierte Sphäre, wobei Politik und Wirtschaft dabei über tradierte geographische Grenzen hinweg wirken. Man erkennt dies derzeit sowohl an der „Belt and Road Initiative (BRI)“, mit der sich China den Zugang zu Afrika, Europa und Südamerika erschließt, als auch an der „Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP)“, mittels derer es – vordergründig frei von politischen Wohlverhaltensklauseln (und daher sogar unter Mitwirkung von Australien und Japan) – China in einem klugen Schachzug gelungen scheint, die USA im asiatisch-pazifischen Raum wirtschaftlich zu marginalisieren.

Insofern ist das Nichtzustandekommen der weit gediehenen Freihandelsabkommen „Trans-Pacific Partnership (TPP)“ durch die USA und der „Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP)“ durch Europa rückblickend eine politische Torheit ersten Ranges. Vor diesem Hintergrund erscheint die Empfehlung (nicht nur) des BDI vernünftig, mit China anstelle eines grundsätzlich-moralischen, besser ein thematisch-pragmatisches Verhältnis zu pflegen. Niemand erwartet Lobeshymnen auf die politischen Zustände in China; moralische Belehrungen stoßen vor Ort jedoch nachvollziehbar auf maximales Unverständnis. Im Übrigen lockt China mit einem riesigen Binnenmarkt, was Koalitionen unter Einbeziehung europäischer Konkurrenten gegen tatsächliche oder gefühlte Ungleichbehandlungen in China doch sehr unwahrscheinlich erscheinen lässt, siehe etwa die Mitwirkung Italiens an der „Belt and Road Initiative“ gegen das Votum der EU.

Vom „Kostenführer“ zur Weltmarktführerschaft

Wirtschaftspolitik ist ein knallharter und weltweiter Kampf um Wohlstand. Allein die Größe des Heimatmarktes (in manchen Branchen fast 50 Prozent des Weltmarktes) sowie dessen relative Uniformität versetzen den chinesischen Marktführer regelmäßig in die Position, per solcherart erlangter Kostenführerschaft zugleich die Weltmarktführerschaft zu beanspruchen. Die eigenständige Kultur sowie aktive Industriepolitik machen es Ausländern darüber hinaus sehr schwer, im chinesischen Markt eine führende Position zu erlangen; umgekehrt scheint den nationalen Champions aus China die Welt offen zu stehen, so dass man sich hierzulande zum Teil besorgt die Frage stellt, wie alles dies enden möge.

China ist schon lange nicht mehr nur die Werkbank der Welt, sondern lenkt vielmehr selbstbewusst die F&E-Aktivitäten in Technologiefelder, welche legitimierweise die eigene Abhängigkeit vom Ausland reduzieren. Die Erfolge dieser Politik sind nicht nur beeindruckend, sie kommen vielfach auch Europa zugute, beispielsweise in Form von Batterien für E-Mobilität, was allerdings auch als Ergebnis einer mangelhaften Wirtschaftspolitik angesehen werden kann genauso wie die Tatsache, dass die deutschen Subventionen für PV-Anlagen als Umsatz bei chinesischen Zellen-Lieferanten landen.

WTO als „zahnloser Tiger“

Entsprechend konsequent subventioniert China diesbezüglich dienliche wirtschaftliche Akteure offen und verdeckt – Letzteres oft genug über den militärisch-industriellen Komplex – während in Deutschland die Diskussion um einen F&E-Bonus für Unternehmen nach jahrzehntelanger Diskussion in ein kleines Bürokratiemonster mündete. Umgekehrt kann es sich der Westen, insbesondere der exportorientierte deutsche Mittelstand, gar nicht mehr leisten, auf den riesigen chinesischen Markt zu verzichten. Die „World Trade Organization (WTO)“ ist als Wächter eines fairen internationalen Wettbewerbs derzeit ein zahnloser Tiger – auch wegen der in deren Gremien offen ausgetragenen Auseinandersetzung zwischen den USA und China.

Auch China gelingt nicht alles gleich gut

Daher ist vermutlich eine Politik der relativen Reziprozität in Kombination mit der konsequenten Stärkung eigener Stärken und der Überwindung großer eigener Schwächen eine sinnvolle Politik-Alternative für die EU – schließlich gelingt auch China nicht alles gleichzeitig gleich gut. Zudem ist auch den chinesischen Kadern klar, dass der eigene Handelsbilanzsaldo dauerhaft kein Übermaß erreichen kann. Wie weit man in der EU von der erforderlichen Veränderung des eigenen Politikstils noch entfernt ist, wird an der europäischen Kartellpraxis deutlich: Die Herausbildung eines europäischen Marktführers für Zugsysteme wurde unterbunden, gleichzeitig fusionierten in China die zwei größten Anbieter zum unangefochtenen Weltmarktführer, ohne dass dies bei den hiesigen Kartellbehörden zu Widerspruch oder bei Ausschreibungen zu Einschränkungen geführt hätte. Ein anderes Beispiel für eine unentschiedene europäische Politik ist das ungeklärte Verhältnis zwischen der Sicherung der EU-Außengrenzen und der NATO-Mitgliedschaft einzelner Länder.

China lässt sich nicht auf Europas Gesellschaftsmodell ein

Wir werden es nicht erleben, dass sich China auf das europäische Gesellschaftsmodell einlässt. Statt dessen muss Europa, müssen alle hier tätigen Wirtschaftsakteure, den Wettbewerb annehmen. Denn es ist das sich absolut oder relative Verbessern im Wettbewerb, was jede Gemeinschaft voranbringt. Vieles, bei dem wir gegenüber China (mitunter auch gegenüber den USA) in Rückstand geraten scheinen, ist selbstverschuldet. Warum ist es eigentlich für uns Europäer so scheinbar unvorstellbar, von China auch lernen zu können? Letztlich profitieren auch europäische Anbieter davon, wenn China internationale Projekte initiiert und finanziert.

China etabliert derzeit zunehmend nationale Standards. Dadurch ergeben sich für Ausländer sogenannte nicht-tarifäre Handelshemmnisse, allerdings gibt es etwa mit dem europäischen CE-Kennzeichen beziehungsweise den neuen Digitalgesetzen durchaus auch entsprechende europäische „Vorbilder“. China betreibt dabei offen und verdeckt eine Subventionierung nationaler Champions, statt nur eine der Exploration neuer Technologien dienende Förderpolitik zu betreiben, die – das scheint ein wesentlicher Unterschied zu vergleichbaren früheren Aktivitäten anderer Länder zu sein – aus dieser Position heraus gezielt auch die Weltmarktführerschaft erlangen sollen. Dabei werden allerdings ausländische Firmen in China nicht aktiv diskriminiert: Nicht die chinesische Politik drängt Ausländer in China dazu, chinesischer zu werden, sondern der riesige Markt entwickelt dynamisch zunehmend eigene Regeln, daher passt ein einziges globales Geschäftsmodell immer weniger für ein erfolgreiches Agieren in China. Unsere chinesischen Kunden unterscheiden bereits sehr feinsinnig zwischen lokalem Geschäft und Export-Aufträgen – nicht nur im Verkauf und Versand, sondern explizit auch in der Produktion und sogar in der Schadensanalyse. Aus Sicht vieler Chinesen sind viele ausländische Firmen entmystifiziert: Im Bewusstsein chinesischer Mitarbeiter waren ausländische Firmen vor 15 Jahren noch die Top-Arbeitgeber, heutzutage müssen westliche Firmen sich in China nach den chinesischen Staatsfirmen und privaten chinesischen Firmen als drittrangige Arbeitgeber einreihen.

Die globale Arbeitsteilung hat in den zurückliegenden Jahrzehnten – durchaus sinnvollerweise – dazu geführt, dass Marktgröße und Rohstoffverfügbarkeit (zum Beispiel niedrige Energiekosten) zur Verlagerung vieler Grundstoffkapazitäten nach China geführt haben. Letztlich führt an einer intensivierten internationalen Arbeitsteilung kein Weg vorbei – „Annäherung durch Handel“ funktioniert, Abschottung ist für alle Beteiligten von Nachteil, qualitatives Wachstum bietet gerade auch in Zeiten der Dekarbonisierung die Chance für mehr „Wohlstand für alle“.