Serie: Transformation der Berufsbilder
1. Dezember 2021 6:03  Uhr

Schwarze Soldaten für eine grünere Landwirtschaft

Ob als umweltfreundlicher Proteinlieferant im Futtertrog oder als hipper Snack mit sechs Beinen: Insekten bekommen neue Fressfeinde. Gleichzeitig werden sie zum Gegenstand eines neuen Berufsbilds: des Insektenzüchters.

Insekten setzen an zum Sprung in unsere Teller: Die Wanderheuschrecke zählt neben dem Heimchen und dem Mehlwurm zu den für den menschlichen Verzehr geeigneten Arten, denen sich der neue Berufstand des Insektenzüchters widmet. | Foto: Peggy Boegner – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

BERGKIRCHEN. Sie ist zwischen 14 und 17 Millimeter groß und ihre Kinder lieben pflanzliche und tierische Abfälle. Genau deshalb könnte Hermetica illucens die Landwirtschaft revolutionieren – und einen neuen Berufsstand begründen: den Insektenzüchter. Das bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten fördert die Zucht der sogenannten Schwarzen Soldatenfliege aus mehreren Gründen. Hochwertiges Proteinfutter für die Nutztierzucht, wie Soja oder Fischmehl, muss immer noch zu 90 Prozent in die EU importiert werden, Anbau und Transport sind erhebliche Umweltfaktoren. Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege sind dagegen schon seit 2017 als Futtermittel in der EU-Aquakultur zugelassen.

Landwirte als Insektenmäster

Thomas Kühn, Wolfgang Westermeier und Andre Klöckner wollen mit der Fliege klassische Landwirte zu Insektenzüchtern oder zunächst vielmehr zu Insektenmästern machen. Im Studium an der TU München suchten die drei Männer einen Ansatz für eine Gründung. Das Thema CO2-Emission lag nahe und so rückten die Landwirtschaft und die Tiermast als größte CO2-Emittenten in den Fokus. „Inspiriert von den Kreisläufen natürlicher Systeme sind wir schnell auf das Potenzial von Insekten in der Landwirtschaft gestoßen“, sagt heute Thomas Kühn. Er ist Geschäftsführer und Mitbegründer der Firma Farminsect in Bergkirchen im Landkreis Dachau. Das Start-up hat ein hehres Ziel: Es möchte mit regionaler Insektenproduktion die Landwirtschaft revolutionieren. Im Idealfall würde jeder tierhaltende Landwirt künftig zum Insektenmäster.

Pilotanlage zur Mast der Soldatenfliegenlarven

Unterstützt vom bayerischen Landwirtschaftsministerium wird bereits seit 2019 in Bergkirchen eine Pilotanlage getestet. Das kombinierte Maschinen-IoT-System erlaubt die automatisierte Mast der Larven der Soldatenfliege. Die Junglarven bezieht der Landwirt von Unternehmen wie Farminsect. In einer Woche wachsen die anfangs kaum sichtbaren Larven auf 1,5 Zentimeter Größe, beim Gewicht legen sie dabei das 250-Fache zu. Gefüttert werden die Larven mit etwas, das bei den Landwirten ohnehin anfällt: mit organischen Reststoffen wie Ernte- oder Schälresten. Die Larven selbst können danach als regional im Kreislauf erzeugtes proteinreiches Futtermittel für die eigentliche Tierzucht verwendet werden und importiertes Soja oder Fischmehl eventuell komplett ersetzen.

Der Wandel vom klassischen Landwirt zum Insektenmäster würde Landwirte nicht nur weniger abhängig von der Preispolitik der Sojaindustrie machen. Denkbar ist auch, dass einzelne Landwirte sich komplett auf die Larvenmast spezialisieren und andere Landwirte beliefern. Die Nachzucht der Larven ist bisher so anspruchsvoll, dass sie wahrscheinlich mittel- oder sogar langfristig bei spezialisierten Unternehmen wie beispielsweise Farminsect verbleiben wird.

Sechs Beine zum Essen

Insekten als Futtermittel für Tiere: Die Hemmschwelle für diese Umstellung dürfte sicherlich kleiner sein als die zweite Variante. Marc Rudolf und Marco Schebesta haben mit „Six feet to eat“ das erste und bisher einzige deutsche Unternehmen gegründet, das Speiseinsekten für den menschlichen Verzehr züchtet. 15 Kilometer südlich von Ulm, in Schnürpflingen, werden Mehlwürmer, Heimchen und Wanderheuschrecken gezüchtet. Die Tiere werden entweder getrocknet, gefroren oder als Mehl angeboten. Six feet to eat beliefert unter anderem Start-ups, die sich auf Produkte mit Insektenprotein für den Lebensmittelmarkt spezialisiert haben. Der Hintergrund für die Insektenzucht ist ähnlich gelagert wie bei Farminsect. „Wir sehen Protein aus Insekten als klimaschonende Alternative zum Fleischkonsum“, sagt der Marketing-Beautragte und Mitbegründer Marco Schebesta. Welches berufliche Potenzial in diesem Ansatz steckt und warum wir künftig noch mehr Insektenzüchter brauchen, erklärt er im Interview.

Interview

Nachhaltiges Potenzial für die Lebensmittelbranche

Marco Schebesta von Six feet to eat erklärt, warum der Beruf des Insektenzüchters nicht nur für Landwirte eine Alternative darstellt.

Hier geht’s zum Interview …

Serie „Transformation der Berufsbilder“

325 anerkannte Ausbildungsberufe gab es 2020 in Deutschland, 1971 waren es noch 606. Doch auch wenn die Zahl der Berufe absolut abnimmt, gibt es auf der anderen Seite Bedarf für neue Berufe. Für einen beschleunigten Wandel gewohnter Berufsbilder sorgt derzeit besonders die Digitalisierung – wenn auch nicht nur. In der Serie „Transformation der Berufsbilder“ stellen wir einige konkrete Beispiele für Transformationen und Neuerungen vor, wie etwa zum Auftakt den Smart Farmer, den Feelgoodmanager , den E-Sportmanager oder in dieser Folge den Insektenzüchter. Selbst die Art, wie uns künftig Waren im Handel schmackhaft gemacht werden, ändert die Digitalisierung – zusätzlich beschleunigt durch Corona: Sie hat den Digital Category Manager Einzelhandel hervorgebracht. In die Luft gehen wir mit den Drohnenpiloten: Die Perspektive auf die Welt ist in ihrem Job im wahrsten Sinne des Wortes „abgehoben“.