Neue WZ-Serie
16. Februar 2022 6:07  Uhr

Sind wir endgültig gefangen in der Klimafalle?

Die Klimakrise ist das drängendste Problem des 21. Jahrhunderts. Wir drohen daran zu scheitern – aus ganz unterschiedlichen Gründen. In einer neuen Jahresserie folgen wir der Spur des Klimaversagens.

Der Eisbär wurde zum Symbol für den Klimawandel. Die arktische Eisschmelze bedroht nicht nur seinen Lebensraum. Foto: Orlando Florin Rosu – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

REGENSBURG/HAMBURG/VECHTA. „Ich werd‘ viel weniger …“, verspricht sich die Weltgemeinschaft regelmäßig auf den Klimakonferenzen. Süchtig nach CO2 und allen Horrorszenarien der Wissenschaft zum Trotz, blasen wir munter weiter Treibhausgase in die Atmosphäre. Die Erde liegt auf dem Sterbebett – oder zumindest die Erde als Ort für menschliches Leben. In unserer Jahresserie wollen wir den Gründen nachgehen, warum wir an der Lösung der Klimakrise zu scheitern drohen.

Mitten im Zweiten Weltkrieg beschrieb Hermann Flohn in seiner Dissertation die „Tätigkeit des Menschen als Ursache einer erdumspannenden Klimaänderung, deren zukünftige Bedeutung niemand ahnen kann“. Die Menschen hatten andere Probleme. Und so war das seitdem immer. „Den Klimawandel riecht man nicht, die Energiewende spürt man nicht“, sagt Professor Dr. Werner Beba, Leiter des Competence Center Erneuerbare Energien und Energieeffizienz an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Das Narrativ der Klimawende, die Lebensgrundlage der künftigen Generationen zu sichern, sei gescheitert. „56 Prozent der Menschen glauben nicht an die Machbarkeit und Wirksamkeit der Energiewende. Das ist kritisch“, erklärt Beba mit Verweis auf eigene Studien. In unserer Serie wollen wir das mit Psychologen und Soziologen besprechen.

Die Geschichte des Klimawandels ist eine der Lethargie. 1992 versprach sich die Welt bei der UN-Umweltkonferenz von Rio, den Ausstoß klimaschädlicher Gase bis 2000 nicht mehr zu erhöhen und bis 2010 um 10 Prozent zu senken. Daraus ist nichts geworden. Heute ist der CO2-Ausstoß 67 Prozent höher als 1990. „Um eine Änderung des Konsumverhaltens werden wir nicht herumkommen“, sagt Professor Beba. Er fordert einen positiv konnotierten Kommunikationsimpuls aus der Politik und die Auszeichnung von Waren mit einem CO2-Footprint. „Ohne Verzicht, aber auch ohne Verbote wird es nicht gehen“, sagt er.

„Verzicht hat in unserer modernen Gesellschaft keine Chance“

Professor Dr. Nick Lin-Hi geht einen Schritt weiter. „Verzicht hat in unserer modernen Gesellschaft keine Chance“, sagt der Wirtschafts- und Ethikprofessor an der Universität Vechta. Er ist davon überzeugt, dass wir die Klimakrise nur noch mit radikalen Sprunginnovationen lösen können und beschäftigt sich insbesondere mit der Erzeugung tierischer Lebensmittel im Labor. „Ein Fleischverbot wird irgendwann kommen“, sagt Professor Lin-Hi und stößt mit diesem kontroversen Standpunkt nicht überall auf Gegenliebe. In der kommenden Ausgabe werden wir im Interview mit ihm darüber sprechen.

Verlustängste, fehlende Kompromissbereitschaft und aufeinanderprallende Ansichten: Was für den Detailbereich des Fleischkonsums gilt, zieht sich durch die gesamte Klimadiskussion bis hin zum globalen Wettbewerb. Der Einsatz für das Kollektivgut Erde zieht individuelle Kosten nach sich, die keiner gerne trägt. Die Welt ist uneins – aus gutem Grund. „Europa und die USA haben die Welt in diese Lage gebracht. China und die Entwicklungsländer betonen das immer wieder. Aber ohne ganzheitliche Lösung wird die Klimawende nicht funktionieren“, sagt Beba.

2015 einigte sich die Welt in Paris, künftig zumindest die irreversiblen Folgen des Klimawandels abzuwenden und die Erderwärmung bei „deutlich unter 2 Grad“ im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu stoppen – im Idealfall aber unter 1,5 Grad. Bleibt es bei den aktuellen Klimabestrebungen der Weltgemeinschaft, werden wir dieses Ziel in sieben Jahren, fünf Monaten und drei Wochen verfehlt haben. Selbst Klimaschutzvorreiter Deutschland meldet rote Zahlen. Wenn es so weitergehe wie bisher, werde Deutschland Ende des Jahrzehnts seine klimaschädlichen Treibhausgase gegenüber 1990 nicht wie anvisiert um 65 Prozent, sondern nur um 50 Prozent verringern, schlug der neue Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck nach seiner großen Klimaschutzinventur im Januar Alarm. Auf allen Ebenen gebe es einen gehörigen Rückstand. Man müsse die Anstrengungen verdreifachen und den Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2030 verdoppeln. „Klimawende bedeutet Elektrifizierung. Die Technologien dafür sind da – aber wir haben zu wenig grünen Strom im Netz“, sagt Beba. Die Vorgängerregierung habe keine mutigen Entscheidungen getroffen und die Betroffenheit verschiedener Stakeholdergruppen zu wichtig genommen.

Die Angst der Politik vor der Gesellschaft

Auch Habecks Windkraftoffensive offenbart fehlenden Rückhalt. Insbesondere Bayern und Hamburg machen Terz. „Wenn nicht alle Ministerpräsidenten mitziehen, bekommen wir erhebliche Probleme“, sagt Beba. Zaudern, aber auch widersprüchliche Aussagen, Markus Söder sei dafür ein gutes Beispiel, würden die Verunsicherung in der Bevölkerung zudem weiter verstärken, erklärt der Professor, der selbst im Klimabeirat des Hamburger Senats sitzt. Tatsächlich hat sich Bayerns Ministerpräsident bei der Windkraft um 180 Grad gedreht. 2011 versprach er als Umweltminister unter einem Windrad stehend, die langwierigen Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Statt zehn Monate würden sie künftig nur noch drei dauern. Auch auf Lärmgutachten wollte er fortan verzichten, wenn Anlagen mehr als 800 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt sind. 2014 schwenkte die CSU komplett um und führte die umstrittene 10-H-Regel ein. Sie besagt, dass der Abstand eines Windrades zur nächsten Wohnsiedlung mindestens das Zehnfache seiner Bauhöhe betragen muss. Bei einer durchschnittlichen Rotorhöhe von 200 Metern also zwei Kilometer. Laut Richard Mergner, Chef des Bund Naturschutz in Bayern, wollte sich Ministerpräsident Horst Seehofer damit der Windkraftgegner im Wahlkampf entledigen. „Die Politik tut sich schon bei kleineren Schritten schwer. Es wirkt, als hätte sie Angst, der Gesellschaft unbequeme Nachrichten zu verkaufen“, sagt Professor Lin-Hi.

Mittlerweile liegt die bayerische Windkraftpolitik am Boden. 2012 wurden in Bayern insgesamt 271 Genehmigungsanträge für neue Windräder gestellt, 2013 waren es 400 – 2020 lediglich drei. In den ersten drei Quartalen 2021 wurde kein einziger Genehmigungsantrag gestellt. Wie lange können wir uns den Stillstand angesichts drohender Klimakipppunkte noch leisten? Wie verwandeln wir klimapolitische Wettbewerbsnachteile in Vorteile? Wie schaffen wir es, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Bares in die Klimawende investieren? Diese und viele weitere Fragen stehen in unserem Notizblock. Die Antworten darauf holen wir uns bis zum Jahresende von den verschiedensten Fachexperten der Region und darüber hinaus.