Energie
7. Juli 2020 6:00  Uhr

Solarbranche sieht wieder Licht am Ende des Tunnels

Der Bundestag hat den 52-Gigawatt-Solardeckel im Erneuerbare-Energien-Gesetz gekippt. Mit Blick auf die Energiewende stimmt dieses Signal aus Berlin auch ostbayerische Energieunternehmen zuversichtlich.

In der Solarbranche herrscht nach der Aufhebung des Solardeckels eine neue Aufbruchsstimmung. | Foto: Eaknarin – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

BERLIN/REGENSBURG. Ostbayerns Energiewirtschaft reagiert erleichtert auf die jüngste Entscheidung des Bundestages, den Solardeckel im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu streichen. Im Jahr 2012 war festgelegt worden, dass es keine weitere Einspeisevergütung für neu installierte Anlagen geben werde, wenn die installierte Leistung aller geförderten Photovoltaikanlagen 52 Gigawatt überschreitet.

Dieser Solardeckel habe schon seit Längerem wie ein Damoklesschwert über der Solarbranche geschwebt, sagt Peter Knuth. Der Experte für alternative Energietechnik und Gründer der Enerix GmbH spürte vor allem bei den Kunden eine deutliche Verunsicherung. Die Streichung des Solardeckels aus dem EEG und damit die Fortführung der Förderung sieht Knuth deshalb positiv: „Das ist ein wichtiges Signal für jeden, der in Solar investieren will.“

Weitere Marktbarrieren müssen fallen

Laut Bundesverband Solarwirtschaft e. V. (BSW) muss die „Solarisierung“ der Energieversorgung aber durch den Abbau weiterer Marktbarrieren noch deutlich beschleunigt werden. Schließlich könnte die Solar- und Speicherbranche damit noch weit mehr zum Erreichen der Klimaziele im Stromsektor und zu einer kosteneffizienten Versorgungssicherheit beitragen. Außerdem könnten, so BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig, somit mindestens 50.000 neue Vollzeitjobs in der Energiebranche geschaffen werden.

PV-Zubau verdreifachen

Im Einzelnen hält der Branchenverband für 2021 eine Verdopplung, für 2022 gar eine Verdreifachung des Photovoltaik-Zubaus für notwendig. Nach einem mit Bonner Forschern vorgelegten Gutachten sei nur so eine Stromerzeugungslücke vermeidbar, die sonst infolge des Atom- und Kohleausstiegs bereits in drei Jahren drohen würde – zumal auch der Ausbau der Winderenergie an Land derzeit schwächelt. Trotz des stärkeren Zubaus von Windrädern in Nord- und Ostsee auf 20 GW in den kommenden zehn Jahren entstehe bereits 2023 eine Stromerzeugungslücke von 46 TWh. Diese wachse bis 2030 auf 77 TWh, was 12 Prozent des dann zu erwartenden Strombedarfs entspricht.

Hintergrund
  • Mehr als 1,6 Millionen Photovoltaikanlagen stellten Ende des Jahres 2018 mit rund 45 Gigawatt Leistung den zweitgrößten Anteil der Stromerzeugungssysteme bei den erneuerbaren Energien.
  • Der Solardeckel wurde 2012 als Teil eines Maßnahmenbündels beschlossen mit dem Ziel, eine unkontrollierte Steigerung der EEG-Umlage mit all ihren Auswirkungen auf den Strompreis zu verhindern – Stichwort „Strompreisbremse“.

Eine überfällige Maßnahme

„Die Abschaffung des Deckels war vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Klimaziele für 2030 überfällig“, sagt auch der Vorstandsvorsitzende der Bayernwerk AG Reimund Gotzel. Dies gebe dem Bayernwerk als Netzbetreiber sowie den PV-Strom-Erzeugern mehr Planungssicherheit. „Schon jetzt sammeln wir die Sonnenenergie aus mehr als einer Viertelmillion Solaranlagen in Bayern ein“, sagt Gotzel. Aktuell zieht die Zahl der neu im Netz des Bayernwerks angeschlossenen PV-Anlagen enorm an. Seit Beginn des Jahres waren es etwa doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Dabei war bereits 2019 ein deutlich stärkerer Zuwachs als in den Jahren zuvor zu verzeichnen.

Intelligente Konzepte für Strommanagement

Durchaus sonnig blickt man beim Bayernwerk in die Zukunft: Eine gemeinsame Studie mit EBridge ergab, dass bis 2030 etwa 30 Gigawatt (GW) Photovoltaik in Bayern installiert sein werden, 2018 waren es etwa 12,5 GW. Nicht berücksichtigt sind dabei große Freiflächenanlagen, die außerhalb des EEG errichtet werden. Allein beim Bayernwerk liegen hierfür derzeit Anfragen in Höhe von circa zwei GW vor. Doch auch die „Schattenseiten“ des Sonnenstroms spricht der Vorstandschef des Bayernwerks an: Er erinnert an den 7. Mai dieses Jahres, als die ans Bayernwerk-Netz angeschlossenen dezentralen Erzeugungsanlagen regenerativen Strom mit einer Leistung von 5000 MW ins bayerische Energienetz einspeisten. Immer öfter übersteige die wachsende Einspeisung aus erneuerbarer Energie den momentan vorhandenen Strombedarf. „Das macht deutlich, wie notwendig es ist, intelligente Konzepte für eine Energiezukunft zu entwickeln, um regional erzeugten Strom immer stärker vor Ort oder regional zu nutzen.“

Interview

Am 8. Juli hat die EU-Kommission ihre neue Energiestrategie präsentiert. Im Interview spricht der Oberpfälzer EU-Abgeordnete Ismail Ertug über die Rolle des Solarstroms für die Zukunft Europas.

Foto: Helmut Schug

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Es braucht Wind und Sonne

Dass erneuerbare Energien forciert statt gedrosselt werden sollten, findet auch Philip Milek. Der Prokurist und Unternehmensleiter der Ostwind Erneuerbare Energien GmbH ist überzeugt: „Wir brauchen ambitionierte und planbare Ausbaupfade für beides, für Wind und Sonne, um unsere Klimaziele bis 2030 zu erreichen.“ Die Regensburger Unternehmensgruppe machte sich als Pionier der Windenergie einen Namen, entwickelt aber seit einigen Jahren ebenso erfolgreich Solarparks.

Nachfolgeregelungen für Altanlagen nötig

Über die „längst überfällige Abschaffung dieses PV-Deckels“ zeigt sich auch die Vorstandsvorsitzende der seit 1990 in Regensburg ansässigen bos.ten AG, Jutta Weber, sehr erfreut. Dies sei ein guter, wenn auch verspäteter erster Schritt, dem der nächste unbedingt folgen müsse. Konkret fordert Weber eine Nachfolgeregelung für Anlagen, die nach 20 Jahren aus der Förderung fallen, aber nach wie vor stabile und gute Stromerträge liefern. Und damit meint die Chefin des Familienunternehmens, das vor allem auf dem Gebiet der Verwaltung von Projekten im Bereich der Photovoltaik für Investoren im In- und Ausland tätig ist, nicht nur kleine Dachanlagen, sondern vor allem große Solarparks: „Deren Strom wird definitiv benötigt, wenn wir aus Atomkraft und Kohle aussteigen wollen.“

Beitrag zur Biodiversität

Mit Blick auf den ökologischen Mehrwert würdigt Jutta Weber auch die Rolle Bayerns. Der Freistaat habe es mit seiner Länderöffnungsklausel nicht nur geschafft, dass Freiflächen-PV-Anlagen nicht nur an Autobahnen und Bahnlinien gebaut werden dürfen. Vielmehr gebe es jetzt auch Bestrebungen, Flächen einzusparen, indem ökologische Ausgleichsmaßnahmen höher bewertet werden. Schließlich leisten PV-Anlagen laut Weber einen positiven Beitrag zur Biodiversität: Seltene Tier- und Pflanzenarten siedelten sich bevorzugt im geschützten Umfeld der Anlagen an.

Gastbeitrag

Mit Fakten gegen Mythen angehen

Prof. Dr. Michael Sterner ist Experte in Sachen erneuerbare Energien, Energienetze und Energiespeicher. In seinem Gastbeitrag erläutert er, welche Hindernisse der Sonnenenergie, die längst kosteneffizient eingesetzt wird, noch immer im Weg stehen.

Foto: Florian Hammerich

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