Gastbeitrag
23. Mai 2020 13:11  Uhr

Solarstrom: Mit Fakten gegen hartnäckige Mythen

Gastbeitrag von Prof. Dr. Michael Sterner, Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, über Mythen und unbegründete Ängste vor Solarstrom.

Von Prof. Dr. Michael Sterner

„Löschen Sie das Saallicht, damit Sie sehen, wie dunkel es wird mit Solarstrom. Dann gehen die Lichter aus“, forderte der Vertreter der bayerischen Chemieindustrie auf dem bayerischen Energiegipfel. Wirtschaftsminister Aiwanger kommentierte knapp: „Psychoterror“. Zu dieser Zeit am 13. Dezember 2018 war zwar der Himmel leicht bedeckt über München, aber in ganz Deutschland leistete die Photovoltaik gut 4 Gigawatt – trotz Dezembernachmittag.

Das zeigt das Spannungsfeld der Energiewende auf: Alte Mythen, Ängste und Interessen versus Zukunftsorientierung und Neuanfang. Bayern hat durch den Atomausstieg ab 2023 eine Stromlücke von etwa 27 TWh, gut ein Drittel des Strombedarfs. Sie kann über entsprechende Leitungen mit Windstrom aus dem Norden geschlossen werden oder mit heimischen Quellen, was zu mehr Wertschöpfung in der Heimatwirtschaft führt.

Sonnenstrom ist längst rentabel

Da die Flächen für die Biomasse und das Ausbaupotenzial der Wasserkraft begrenzt sind und die Geothermie zu teuer ist, bleiben Wind und Solar. Wind- und Solarenergie haben das größte Potenzial zu den geringsten Kosten und dem geringsten Flächenverbrauch. Es gibt mittlerweile PV-Freiflächen, die Strom zu vier Cent pro Kilowattstunde bereitstellen und damit zu einem Drittel der Kosten neuer Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerke. Solarstrom vom Dach kostet etwas mehr, aber allein hier hätten wir ein Potenzial von 200 Terawattstunden, also gut zweimal so viel, wie wir bräuchten. Umso konsequenter ist es, den Solardeckel im EEG fallen zu lassen und diese Potenziale weiter zu nutzen, gerade bei größeren Dachanlagen auf Industriegebäuden.

Speicherung kein Problem mehr

Auch das Speicherproblem ist gelöst: Solarstrom mit Batteriespeichern ist für Industrie- und Haushaltskunden mittlerweile rentabel. Ergänzend wirken Pumpspeicher, und Power-to-Gas mit Wasserstoff, Gaskraftwerken und Gasspeichern ist eine technisch verfügbare Lösung seit über zehn Jahren, die nun dank der Wasserstoffstrategie in wirtschaftlich greifbare Nähe kommt. Es gehen also keine Lichter aus, wenn wir die Energiewende vollziehen. Das wäre eine Beleidigung für die deutsche Ingenieurszunft. Dennoch halten sich die Mythen hartnäckig: Solarstrom strahlt, spiegelt die Sonne und lohnt sich nicht. Er rechnet sich voll, auch ohne die Folgekosten von Klimaschäden einzurechnen. Er hat als Gleichstromquelle keine elektromagnetische Strahlung und reflektiert solargeometrisch in den seltensten Fällen die Sonnenstrahlen störend auf Autofahrer.

So viel PV-Freifläche wie möglich

Auch im Landkreis Regensburg versucht derzeit ein Golfplatzbesitzer, den ökologisch gestalteten Solarpark eines Gemüsebauern zu verhindern. Die Ironie: Ohne die Zustimmung und den Landverkauf des Gemüsebauern wäre der Golfplatz nicht möglich gewesen. Und das Kernargument der „Landschaftsverschandelung“ lässt sich auch auf den wesentlich größeren Golfplatz samt Jachthafen übertragen. Es bleibt eine gesellschaftliche Debatte, aber es kommt immer mehr Licht ins Dunkel. Mittlerweile ist auch aus den Leitungsetagen der Wacker-Chemie von Energiesachkundigen zu hören: Baut so viel PV-Freifläche wie möglich! Es tut unserem Wirtschaftsstandort gut, weil es der günstigste Strom in Bayern ist.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Sterner

Neben seiner Professur für Energiespeicher an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) ist Prof. Dr. Michael Sterner einer der Leiter der Forschungsstelle für Energienetze und Energiespeicher (FENES). Als Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit gilt die Entwicklung von neuen Energiespeicherkonzepten sowie die Einbindung von Energiespeichern in energietechnische Anlagen.
Foto: Florian Hammerich