Interview
2. Juni 2020 9:21  Uhr

Geldpolitik wird infolge der Krise expansiv bleiben

Für Prof. Dr. Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der OTH Amberg-Weiden, ist die Soziale Marktwirtschaft das effizienteste System, um die Coronakrise zu bewältigen.

Prof. Dr. Franz Seitz lehrt Volkswirtschaftslehre an der OTH Amberg-Weiden. Außerdem fungiert er als Berater der Europäischen Zentralbank sowie der Deutschen Bundesbank. Seitz befürwortet in der aktuellen Krisensituation staatliches Eingreifen. Ein stärkeres und dauerhaftes unternehmerisches Engagement des Staates sieht er jedoch eher kritisch. Foto: Simon Gehr

Von Robert Torunsky


Herr Professor Seitz: Wie beeinflusst die Coronakrise die Geldpolitik und den Kapitalmarkt?

Prof. Dr. Franz Seitz: Die Geldpolitik wird dadurch weltweit weiterhin expansiv bleiben beziehungsweise noch expansiver werden. Weitere Zinssenkungen und, wo das nicht mehr möglich ist, massive Aufkäufe von Anleihen, vor allem Staatsanleihen, werden folgen. Sollte die Krise länger ausfallen oder schwerer ausfallen, wird sicherlich auch an den Kauf von Aktien oder ETFs gedacht. Zunächst brachen natürlich die Aktienkurse weltweit ein. Inzwischen sind aber viele Indices auf einem höheren Wert als Ende 2019. Das heißt, die Finanzmärkte sind recht optimistisch. Das hängt natürlich alles vom Wirtschaftseinbruch ab, den wir 2020 erleben und wie schnell sich die Wirtschaft davon erholt, ob es eine V-förmige oder U-förmige Erholung sein wird. Das erste Halbjahr 2020 wird einen deutlichen Wirtschaftseinbruch zeigen. Das ist auch nicht mehr überraschend. Entscheidend ist meines Erachtens aber viel mehr, wie es im zweiten Halbjahr und dann 2021 weiter geht.

Wie lautet Ihre Einschätzung?

Ich sehe da durchaus positive Entwicklungen. Längerfristig werden wir es mit einem deutlichen Zuwachs der Staatsschulden und, unter Umständen, auch der privaten Verschuldung zu tun haben. Das kann, gerade in Euroland, zu enormen politischen Spannungen führen. Es wird wahrscheinlich noch viel stärker alles von den Zentralbanken abhängen. Die Zinsen werden auf Jahre sehr niedrig bleiben. Daran wird, zumindest kurzfristig, auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Geldpolitik der EZB nichts ändern.

Teilen Sie die Einschätzung, dass die Notenbanken bei ihren Versuchen, die Deflation zu bekämpfen eine noch unkonventionellere und weitreichendere Geldpolitik verfolgen?

Ich sehe keine längerfristigen Deflationsgefahren. Und wenn, dann wäre ja nur eine nachfragegetriebene Deflation – wie 2009 oder auch aktuell – schlecht. Dies ist nicht der Fall, wenn die Deflation durch Produktivitätsfortschritte oder Verbilligung importierter Vorprodukte entsteht. In der Coronakrise haben wir es mit einer Kombination aus einem negativen Nachfrage- und einem negativen Angebotsschock zu tun. Unabhängig davon wird es aber eine extrem expansive unkonventionelle Geldpolitik geben. Das wird das „New Normal“. Stagnation auf Dauer sehe ich nicht. Wenn, dann Inflation, aber auch nicht kurzfristig. Gerade, wenn die Wirtschaft wieder gut läuft, aber die Zentralbanken die Zinsen aus unterschiedlichsten Gründen doch nicht erhöhen können oder wollen. Ob es eine groß angelegte De-Globalisierung gibt, wage ich zu bezweifeln. Dafür sind deren Vorteile zu groß. Aber es gibt sicherlich ein Überdenken mancher Aktivitäten, beispielsweise. was China betrifft. Ich weiß auch nicht, ob es dauernd negative Angebotsschocks geben wird. Vor Corona hatten wir etwa durch Ölpreissenkungen eher einen positiven Angebotsschock.

„Ob es eine groß angelegte De-Globalisierung gibt, wage ich zu bezweifeln. Dafür sind deren Vorteile zu groß. Aber es gibt sicherlich ein Überdenken mancher Aktivitäten, beispielsweise. was China betrifft.“

Wie beweglich muss der Kapitalismus nach der Coronakrise werden? Kritiker prangern an, dass die aktuelle Form der Sozialen Marktwirtschaft der Coronakrise nicht gewachsen ist.

Die Historie hat gezeigt, dass ein marktwirtschaftliches System am besten mit Krisen umgehen kann. Natürlich muss das in Krisenzeiten in sinnvoller Weise durch staatliche Interventionen unterstützt werden, so wie es aktuell beispielsweise durch Unterstützungsleistungen und Liquiditätshilfen sowie Garantien der Fall ist. Ich gehe aber schon davon aus, dass die aktuelle Pandemie eine Ausnahmesituation, nicht den Regelfall der Zukunft darstellt. Nicht jeglicher wirtschaftliche Einbruch rechtfertigt ein staatliches Eingreifen. Ein stärkeres und dauerhaftes unternehmerisches Engagement des Staates sehe ich eher kritisch. Der Staat ist kein guter Unternehmer. Der Staat muss aber einen verlässlichen Rahmen für unternehmerische Entscheidungen schaffen. Ich finde, man muss jetzt eher aufpassen, den Staat nicht zu überfordern und dass nicht jede Interessensvertretung beispielsweise durch die Forderung nach Konsumgutscheinen oder einer Autokaufprämie, versucht, für ihren Bereich möglichst viel herauszuholen.

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