Transport und Logistik
8. September 2021 6:00  Uhr

Speditionen: Architekten des Transports

Die letzte Meile, also das letzte Wegstück der Ware zum Kunden, steht zunehmend im Mittelpunkt der Logistikbranche. Vor diesem Hintergrund nahmen die Kurier-, Express- und Paketdienste seit 2010 um 74 Prozent zu.

Was bei Spezialtransporten (wie hier beim komplizierten Umschlag von Transformatoren im Nürnberger Hafen) längst dazu gehört, nämlich ein permanent steigender Anteil an Software im Fahrer-, Fahrzeug- und Logistikmanagement, wird in der Branche keineswegs durchgehend genutzt. Foto: Kurt Fuchs – Hafen Nürnberg

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Die Herausforderungen des Klimawandels, die Auswirkungen der Coronapandemie und sogar der Brexit – all diese doch sehr unterschiedlichen Ereignisse und strukturellen Veränderungen dieser Tage haben eines gemeinsam: Der Sektor Transport und Logistik ist davon auf außerordentliche Weise betroffen. Wie man der neuesten im Auftrag des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BIEK) erstellten Marktanalyse für das Jahr 2020 entnehmen kann, hat der gesamte Güterverkehrsmarkt in Deutschland im letzten Jahrzehnt in unterschiedlicher Größenordnung zugenommen.

Während das Transportaufkommen auf der Straße, also die Tonnageleistungen inländischer Lkw, von 2010 bis 2020 um 13 Prozent anstieg und dieser Wert im Luftverkehr um 9 Prozent zunahm, kam es bei den Kurier-, Express- und Paketdiensten (KEP) zu einem Plus von 74 Prozent. Im gleichen Zeitraum erlitt der Gütertransport auf der Schiene sogar eine Minderung um 10 Prozent.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie sehr gerade die sogenannte letzte Meile, also das letzte Stück auf dem Weg der Ware zum Kunden, die gesamte Logistik derzeit grundlegend verändert. Als Alternativen zu bisherigen Antriebskonzepten kommen längst Lastenräder, Zustellroboter oder Drohnen zum Einsatz oder werden weiterentwickelt. Speziell an einer nachhaltigen Stadtlogistik wird intensiv gearbeitet. Die gesamte KEP-Branche profitiert davon, dass sich die Unternehmen auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und damit in der Logistik ein erhöhtes Aufkommen von höherwertigen Sendungen ausgelöst haben. Gleichzeitig wurden die Lagerbestände reduziert, was unter dem Begriff just in time zu einem erhöhten Bedarf an Transporten kleinteiliger Sendungen zu fest definierten Zeiten führte. Dass es im Bereich von Business-to-Consumer (B2C), zu einem starken Anstieg kam, wird auf den national wie international enorm gewachsenen Onlinehandel zurückgeführt.

Rasantes Wachstum

Nach aktuellen Daten wachsen die Kurier-, Express- und Paketdienste schon seit 2010 doppelt so schnell wie die deutsche Wirtschaft. Lediglich das Baugewerbe präsentiert sich etwas dynamischer. Die KEP-Branche wuchs von 2010 bis 2020 jährlich um jeweils 5,3 Prozent gegenüber 1,6 Prozent im produzierenden Gewerbe (ohne den Bausektor), während das Wachstum des gesamten Logistikmarktes im letzten Jahrzehnt rund 2 Prozent pro Jahr ausmachte. Laut der Fraunhofer Arbeitsgruppe für Supply Chain Services schaffte der deutsche Logistikmarkt im vergangenen Jahr ein Gesamtvolumen von 271 Milliarden Euro, wobei darin auch die Leistungen der Logistikabteilungen von Industrie und Handel enthalten waren. Wie der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) schätzt, entfällt etwa ein Anteil von knapp 50 Prozent auf die reinen Logistikanbieter. Diese Unternehmen beschäftigen derzeit knapp 600 000 Mitarbeiter. Der Großteil von ihnen ist der Kategorie kleiner und mittelgroßer Unternehmen zuzuordnen.

So verfügen 50 Prozent der Betriebe über eine Belegschaft von bis zu 50 Personen, und nur 15 Prozent beschäftigen mehr als 200 Mitarbeiter. Speditionen sind als Organisatoren der Lieferketten tätig und gelten als „Architekten des Transports“. Verkehrspolitisch steht derzeit vor allem die Verlagerung von Großraum- und Schwertransporten von der Straße auf die Schiene oder aufs Binnenschiff im Mittelpunkt, was insbesondere für die Hightechunternehmen in Ostbayern zunehmend von Interesse sein könnte. Dies setzt voraus, dass Wasserstraße und Schiene als Transportalternativen an Attraktivität gewinnen. Der sanfte Donauausbau gehört hier ebenso dazu wie ein digitaler Marktplatz für Binnenschiffer oder die Einrichtung von Shuttleverkehren, wie sie in der Region Straubing auf den Weg gebracht wird. Die reine Tonnage als Maßstab für einen erfolgreichen Verkehrsträger hat jedenfalls längst ausgedient. Letztlich geht es um die Wertschöpfung einer ganzen Lieferkette.