Interview
2. August 2021 5:55  Uhr

SSV Jahn Regensburg: Wir haben eine klare Identität

Bei vielen Profifußballvereinen wachsen die Schulden, doch der SSV Jahn Regensburg schrieb zwei Saisons in Folge schwarze Zahlen. Geschäftsführer Dr. Christian Keller nennt den wichtigsten Erfolgsfaktor: seine Mitarbeiter.

Christian Keller, Geschäftsführer des SSV Jahn Regensburg | Foto: SSV Jahn

Von Robert Torunsky und Gerd Otto

REGENSBURG. Es sind hektische und vor allem sehr lange Tage für Dr. Christian Keller. Der Geschäftsführer des SSV Jahn Regensburg, der beim Oberpfälzer Vorzeigeklub sowohl die kaufmännisch-administrative als auch die sportliche Verantwortung trägt, verbringt aktuell viel Zeit in seinem Büro im Jahnstadion. Am 24. Juli beginnt die Saison 2021/2022 – die bereits fünfte Spielzeit in der 2. Fußballbundesliga in Serie mit dem Auswärtsspiel bei Darmstadt 98. Bis dahin müssen noch Spieler verpflichtet und wichtige Sponsorentermine absolviert werden. Keller hat in seiner bislang achtjährigen Amtszeit den einstigen Chaosklub modernisiert und wirtschaftlich konsolidiert. In der Saison 2019/20 war der Jahn mit weitem Abstand der effizienteste deutsche Profiklub: Die Regensburger hatten den geringsten Personalaufwand aller Klubs und haben ligaübergreifend die höchste Umsatzrendite erzielt. Trotz dieser Erfolge sprüht Keller nur so vor Tatendrang und gibt beim Interview in einer Loge Einblicke in seinen bewegten Alltag.

Herr Doktor Keller, wichtige Sponsorentermine stehen an, gleichzeitig möchten Sie noch Spieler verpflichten. Wie eng ist Letzteres – gerade mit Blick auf die weiter spürbaren Auswirkungen der Pandemie – mit der erfolgreichen Akquise verbunden?

Dr. Christian Keller: Der wirtschaftliche Rahmen gibt vor, was sportlich möglich ist. Für unsere Haushaltsplanung erstellen wir immer mehrere Szenarien, die über die Saison hinweg fortgeschrieben werden. Aktuell verpflichten wir die Spieler auf Basis eines fortgeschriebenen Worst-Case-Szenarios. Dort sind sogar weniger Sponsoringeinnahmen hinterlegt, als wir bereits jetzt vertraglich fixiert haben. Von daher steht der Personaletat für die Mannschaft schon fest. Weitere Sponsoringerlöse würden eher für andere Bereiche eingesetzt. Wir agieren nach wie vor als Entwicklungsclub. Es ist deshalb sehr wichtig für uns, weiter in unsere Infrastruktur zu investieren. Da sind wir noch lange nicht am Ende, auch wenn unser Trainingsgelände mit neuem Funktionsgebäude am Kaulbachweg mittlerweile professionellen Standards genügt. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist.

Sie dürfen – Stand heute – 35 Prozent der Plätze im Jahnstadion verkaufen. Wie bewerten Sie diese Zahl und den bayerischen Sonderweg?

Eine Zuschauerauslastung von 35 Prozent ist deutlich besser als ein Geisterspiel – darüber freuen wir uns sehr. Dennoch sind wir vom Normalniveau noch ein weites Stück entfernt und die derzeitige Regelung bringt weiter große Ertragsverluste bei den Zuschauereinnahmen mit sich. Allerdings nicht mehr im Sponsoring- und Hospitalitybereich – das ist schon ein großer Fortschritt. Von dem Sonderweg halte ich nichts, das Virus wirkt in Bayern auch nicht anders als in anderen Bundesländern.

Sind höhere Zuschauerzahlen in anderen Bundesländern nicht auch ein Wettbewerbsnachteil?

Grundsätzlich freue ich mich für jeden Verein, der mehr Zuschauer ins Stadion lassen darf – hoffentlich bald mehr als 50 Prozent –, denn es bedeutet einen Schritt in Richtung Normalität. Die Situation ist so ein bisschen wie Domino: Wenn der erste Stein fällt, dann folgen weitere. Ich hoffe sehr, dass die Vereine durchhalten.

Apropos durchhalten: Wie ist der Jahn bislang durch die Pandemie gekommen?

Im Ergebnis sind wir bis dato trotz großer Herausforderungen exzellent durchgekommen. Wir haben die Saison 2019/20, die ja eine Rumpf-Pandemie-Saison war, mit sportlich sehr gutem Erfolg und mit wirtschaftlich sehr gutem Ergebnis von 5,4 Millionen Euro Gewinn abgeschlossen. Auch die vergangene Spielzeit 2020/21 wird trotz der Umsatzeinbußen mit einem positiven Ergebnis bilanziert werden. In den von Corona geprägten Saisons haben wir ergo keinen Verlust gemacht und sind somit ohne Rückgriff auf die Substanz ausgekommen. Darin unterscheiden wir uns maßgeblich von nahezu allen anderen Profifußballklubs in Deutschland. Das freut mich sehr und ist ein Kompliment an alle meine Mitarbeiter, die sehr hart für diesen Erfolg gearbeitet haben.

Wir haben mit dem Erreichen des DFB-Pokal-Viertelfinales geschafft, ein Ausrufezeichen zu setzen.

Speziell die Gespräche mit den Sponsoren, deren gebuchte Leistungen durch die Geisterspiele vielfach nicht erbracht werden konnten, waren sicherlich nicht einfach …

Ja, das Thema Sponsoringkompensation war sehr fordernd für die Mitarbeiter. Wir haben Rechte verkauft, die wir aufgrund der Pandemiebeschränkungen nicht erbringen konnten. Das musste den Partnern erklärt und versucht werden, ihnen alternative Rechte zu veräußern. Das war nicht sehr angenehm und mitunter auch belastend. Gleichzeitig war die Motivation sehr groß, das Schiff auf Kurs zu halten. Das positive Ergebnis zeigt, dass den Mitarbeitern dieser Kraftakt gelungen ist.

Um deren hohen Stellenwert geht es auch bei Ihrem Vortrag „Führung im Spannungsfeld von Sieg und Niederlage – Mitarbeiterführung als Erfolgsfaktor im Profifußball“ am 16. September im Businessclub. Wie hat sich die Mitarbeiterführung durch die Pandemie, beispielsweise durch Homeoffice, verändert?

Bei den Mitarbeitern im Sportbereich wie Spieler und Staff gab es Homeoffice naturgemäß nicht. Den Mitarbeitern im kaufmännisch-administrativen Bereich haben wir schon im März 2020 die Homeofficemöglichkeit angeboten. Auch hier gab es Ausnahmen wie etwa die Greenkeeper. Einige haben dies in Anspruch genommen. Der Großteil wollte aber weiter im Jahnstadion arbeiten. Das haben wir auch ermöglicht und – da das Veranstaltungsgeschäft ja brach lag – die Logen kurzerhand zu zusätzlichen Büroflächen umfunktioniert. Da hatten wir schon einen Standortvorteil.

Welche Rolle spielt der Standort und wie beurteilen Sie ihn?

Der Standort ist für einen Fußballklub essenziell: Wir haben nur diesen einen Standort und können weder expandieren, noch ihn – wie im US-Sport – verlagern. Einerseits ist Regensburg, wie die gesamte Region, ein prosperierender Standort, der wunderschön ist und eine extrem hohe Lebensqualität bietet. Andererseits ist Regensburg in Bezug auf Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft, Stadiongröße et cetera im hinteren Drittel der Zweitligastandorte angesiedelt. Viele Clubs in der 2. Liga haben deshalb kraft Standortvoraussetzungen ganz andere wirtschaftliche und damit auch sportliche Leistungspotenziale als wir. Anders formuliert kann sich ein Club an einem kleineren Standort per se – zumindest wenn er wie wir eigenfinanziert ist – weniger leisten. Die Klubs an großen Standorten mit großen Stadien nehmen allein pro Heimspiel ein Vielfaches von uns ein.

Und Geld schießt bekanntlich Tore.

Ich sage immer: Geld erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Tore geschossen werden. Das Schöne ist, dass es immer wieder Überraschungen wie Greuther Fürth gibt, die mit uns vergleichbar sind. Von den Voraussetzungen dürfen die eigentlich nicht in die 1. Bundesliga aufsteigen – und trotzdem haben sie es geschafft. Das macht den Reiz aus und wir haben mit dem Erreichen des DFB-Pokal-Viertelfinales in der vergangenen Saison geschafft, ein Ausrufezeichen zu setzen.

Hat der Jahn auch Wettbewerbsvorteile?

Wir haben eine klare Identität, die nichts mit der Ligazugehörigkeit und dem sportlichen Abschneiden zu tun hat. Unsere Markenidentität ist der Ausgangspunkt von allem, was wir tun. Darauf aufbauend agieren wir sehr konzeptbasiert. Ein Beispiel dafür ist unsere unabhängig vom jeweiligen Cheftrainer festgelegte Spielidee. Zusätzlich haben wir in vielen Bereichen mittlerweile gute Arbeitsbedingungen. Früher haben wir potenziellen Neuzugängen die Katakomben am Kaulbachweg als Charaktertest gezeigt, um herauszufinden, ob man mit ihnen etwas anfangen kann. Es kommt nicht auf die Wände an, in denen Du arbeitest, sondern auf den Geist, der in ihnen herrscht. Trotzdem ist das völlig neu gestaltete Trainingsgelände nun aber ein zusätzliches Vertriebsargument für uns. Zusammenfassend gilt: Der SSV Jahn muss sich weiche Wettbewerbsvorteile auf inhaltlichen Ebenen schaffen, um seine harten Standortnachteile zu kompensieren.

Der Geschäftsführer

Dr. Christian Keller trägt seit 2013 als Geschäftsführer Profifußball sowohl die kaufmännisch-administrative als auch die sportliche Verantwortung für den SSV Jahn. Von 2010 bis 2013 war er als Professor für Betriebswirtschaftslehre an der SRH Hochschule Heidelberg tätig und leitete den Arbeitsbereich Sportmanagement als Studiendekan. Zwischen 2008 und 2010 arbeitete Keller als Projektleiter mit Schwerpunkt Sanierungsmanagement für das Strategieberatungsunternehmen Actori, ein Spin-off der Roland Berger Unternehmensberatung. Zuvor legte er seine Promotion in Sportwissenschaft an der Universität Tübingen ab. Keller ist im Besitz der DFB-Trainer A-Lizenz und unter anderem Botschafter Regensburgs.

16.09.2021, 19 Uhr

Businessclub-Event

Dr. Christian Keller, Geschäftsführer des SSV Jahn Regensburg, spricht im Businessclub zum Thema „Führung im Spannungsfeld von Sieg und Niederlage – Mitarbeiterführung als Erfolgsfaktor im Profifußball“.

Hier geht’s zum Event …