Suburbanisierung
21. Mai 2021 12:54  Uhr

Stadt, Land, Flucht: der Trend zur neuen Natürlichkeit

Die Immobilienpreise in der Stadt gehen durch die Decke, Homeoffice und neue Arbeitszeitmodelle machen das Landleben plötzlich konkurrenzfähig: Folgt auf die Landflucht jetzt die Stadtflucht?

Das Stadtleben gegen ein Leben in der Natur tauschen: Nicht zuletzt Corona hat dem Trend „zurück zur Natur“ neuen Schub gegeben. Foto: Photobeps – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

FREYUNG. In den Städten wird eifrig gebaut, auch ihre Speckgürtel wachsen. Der ländliche Raum hingegen wird gern kleingeredet: keine Jobs, kein Internet, keine Zukunft. Die Realität ist eine andere und steht aktuell auf dem Coronaprüfstand. Die Städte wachsen, verzeichnen innerhalb der deutschen Bevölkerung seit 2014 aber mehr Weg- als Zuzüge. Auf dem Land wird der demografische Wandel seit geraumer Zeit besonders deutlich. Mit 60 Prozent lebt allerdings immer noch der Großteil der Deutschen außerhalb der Städte. Das Wachstum in den Städten treiben laut einer 2019 veröffentlichten Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts IW Köln in erster Linie Migranten, Studenten und Berufseinsteiger voran. In der Regel gründen sie irgendwann Familien, und zwar nicht in der Stadt, sondern im Umland. „Suburbanisierung“ nennt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung diesen Trend. Und seit Stadtbewohner ihre Brötchen vermehrt zwischen Wohnzimmer und Küche verdienen, werden auch Regionen außerhalb des Speckgürtels immer interessanter. Dem vielzitierten Begriff der „Landflucht“ steht auf einmal das Phänomen der „Stadtflucht“ gegenüber.

Gastronomie, Shopping, Kultur und pulsierende Subkulturen: Corona hat viele Vorzüge von Städten obsolet gemacht. Der Dauerlockdown auf 30 Quadratmetern im goldenen Käfig zehrt an den Nerven, das Engegefühl wird größer, zumal der ländliche Raum schon vor der Pandemie – die Klimadiskussion war ein Treiber – zur Naturidylle hochstilisiert wurde. Das städtische Umland gewann im vergangenen Jahrzehnt als Lösung zwischen beiden Welten immer mehr an Bedeutung, insbesondere bei Familiengründungen. Seit der Netzausbau den Weg aus der Peripherie gefunden hat und Corona einen Kulturwandel in den Unternehmen angestoßen hat, wird auch ein Umzug aufs Land zur echten Option: drei Tage die Woche Homeoffice im Garten, zwei Tage in die Stadt pendeln.

Ab aufs Dorf also? Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts Civey spielt ein Drittel der Menschen in Großstädten tatsächlich in letzter Zeit vermehrt mit diesem Gedanken. Eine Auswertung der Google-Suchanfragen zu Stadtfluchtbegriffen bestätigt die Tendenz. Repräsentative Erhebungen gibt es dazu allerdings noch nicht. Das betont auch Stefan Schuster, Regionalmanager im Landkreis Freyung-Grafenau, wenngleich sich bei ihm in letzter Zeit Anfragen von Zuzüglern häufen. Zusammen mit Stephanie Fichtl, Geschäftsführerin des Digitalen Gründerzentrums in Freyung, berichtet der ehemalige Münchner von zwei Welten, die immer mehr zusammenwachsen. Die beiden sind sich einig: Corona ist eine Chance für den ländlichen Raum – und für das dringend benötigte Selbstwertgefühl seiner Bewohner.

Interview

„Wir sind keine Metropole – und das ist auch gut so“

Stephanie Fichtl, Geschäftsführerin des Digitalen Gründerzentrums FRG (GreG) und Stefan Schuster, Regionalmanager im Landkreis Freyung-Grafenau, sprechen im Interview über den neuen Charme des Lebens auf dem Lande.

Fotos: Fotostudio A (Bild Schuster), Simona Kehl Fotografie (Bild Fichtl)

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