Kommunale Versorger
14. März 2022 6:01  Uhr

Stadtwerke sind mehr als nur Versorger

Lange Zeit waren sie totgesagt, jetzt erleben sie eine Renaissance. Die Stadtwerke könnten in Deutschland einen entscheidenden Beitrag zum Durchbruch der Energiewende leisten.

Erneuerbare Energien sind vor allen Dingen dezentral. Damit rücken die kommunalen Versorger bei ihrer Umsetzung wieder verstärkt in den Fokus. Foto: SWW Wunsiedel GmbH

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Der viel zitierte, vom österreichischen Liedermacher Wolfgang Ambros sogar besungene Wiener Gemeindebau steht bis heute beispielhaft für kommunale Unabhängigkeit. Mit 220.000 Gemeindewohnungen gilt die Stadt Wien als Europas größter Immobilieneigentümer. 60 Prozent der Wiener Bevölkerung steht damit preiswerter Wohnraum zur Verfügung. Was vor über 100 Jahren in Wien, am Ende des Habsburger Weltreichs, als eine Herausforderung angenommen wurde, könnte heute angesichts weit gravierenderer, globaler Probleme von Neuem belebt werden. Schließlich kommt es auf allen Ebenen der Daseinsvorsorge in zunehmendem Maße auf dezentrale Lösungen an, ob im Wohnungsbau oder mit Blick auf die Energieversorgung. Nur vor Ort, also unter Beteiligung der betroffenen Bürger und mit den Instrumenten genossenschaftlicher Zusammenarbeit, lässt sich die Energiewende in Angriff nehmen. Die in der Vergangenheit oft totgesagten Stadtwerke mit ihrem lange Zeit verstaubten Image dürften für die Zukunft immer bedeutsamer werden. Nur gemeinsam mit ihnen wird es gelingen, auf dem Weg zur Klimaneutralität nachhaltige Fortschritte zu erzielen.

Ein Garant für Ökologie

Nach den 1980er- und 1990er-Jahren, als in der Bundesrepublik meist mit dem Ziel der Sanierung kommunaler Haushalte viele Stadtwerke an private Investoren veräußert wurden, kam es spätestens ab dem Jahr 2000 wieder zu einer Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung, wie sie nach der Nazidiktatur in den 40er-Jahren speziell in den westlichen Besatzungszonen verstärkt eingeführt worden war. „Was über Generationen hinweg im Besitz der Bürgerschaft war, was Jahrzehnt für Jahrzehnt verbessert worden ist, dürfen wir nicht verschwenden“, betont der Vorsitzende des Bayerischen Städtetags, Markus Pannermayr. Wenn nur noch globale Konzernzentralen über Wasserversorgung oder die Verkehrsbetriebe entschieden, so der Straubinger Oberbürgermeister, würden die Bürgerinnen und Bürger zu bloßen Konsumenten degradiert. Gerade bei der Umsetzung der angepeilten Energiewende seien die Energieversorger in kommunaler Hand ein Garant dafür, auf innovative Formen der Energiegewinnung zu setzen, also nicht auf schnelle Rendite, sondern auf Ökologie, mit den Bedürfnissen der nächsten Generation im Blick.

Städte, und damit auch Stadt-, Gemeinde- oder Kommunalwerke, sind nach Auffassung von Helmut Dedy, dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Heimat: „Sie sind Zuhause, sie sind Orte für Menschen.“ Um die Zukunft der Städte zu gestalten, benötige man aber Experimentierfreude und Ideen. „Wir brauchen Gestaltungsraum vor Ort, wir brauchen Veränderung“, betont Dedy. Inzwischen vertritt der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) rund 1.500 Stadtwerke und kommunalwirtschaftliche Unternehmen. Vor allem im Energiebereich verfügen diese Unternehmen über beträchtliche Marktanteile, woraus sich durchaus eine gewisse Marktmacht ableiten lässt, wenn es um die Umsetzung der Energiewende geht. Auf Endkunden-Anteile von 62 Prozent beim Strom, 67 Prozent bei der Versorgung mit Erdgas und gar von 79 Prozent im Wärmesektor sollte man aufbauen und auch mit Blick auf die Energiezukunft eine Menge bewirken können. Hier liegen die Chancen, daraus lassen sich Impulse für die Energiewende gewinnen.

Energiewende startet vor Ort

Ganz aktuell gehen der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sowie die Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) in einer gemeinsamen Studie davon aus, dass sich die Stadtwerke immer mehr vom reinen Versorger zum zentralen Infrastrukturdienstleister der Städte und Gemeinden entwickeln werden. Die Autoren der Stadtwerkestudie 2021 warnen allerdings davor, dass sich im Zuge der Dekarbonisierung wiederholen könnte, was die Stadtwerke und Kommunen schon bei der Digitalisierung erlebten: Es wurde vergleichsweise spät in entscheidende Zukunftstechnologien investiert.

Als größtes Potenzial haben die Experten ein besseres Projektmanagement herausgearbeitet, wobei von Kooperationsvereinbarungen bis hin zur Gründung neuer Aufgabenträger eine Vielzahl von Lösungen denkbar erscheinen. Zu den Energieträgern der Zukunft zählt die Studie den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien mit der für Stadtwerke mit Abstand wichtigsten Technologieoption, nämlich der Photovoltaik. Andererseits könnte sich die Szene auch jenseits von PV sehr schnell verändern. Wo heute noch Wind- und Bioenergie dominierten, werde schon in fünf Jahren die Wasserstofftransformation eine wichtige Rolle spielen.

Wasserstoff nur für Energiekonzerne ein Thema?

Laut der Studie von EY und BDEW betreiben derzeit nur wenige Stadtwerke in Deutschland eigene Elektrolyseure, Anlagen also, mit denen Wasser in seine Grundkomponenten Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt werden kann, oder auch Wasserstoffbusse, um sich mit der Wasserstofftechnologie vertraut zu machen: „Die meisten Stadtwerke scheinen Wasserstoff noch für ein Thema der großen Energiekonzerne zu halten.“ Vor diesem Hintergrund seien die Stadtwerke gut beraten, sich Best-Practice-Beispiele genauer anzusehen und dann eigene Lösungen zu entwerfen, die zu ihnen und ihrer Kommune passen.

Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW Wunsiedel GmbH, ist schon seit Jahren ein gefragter Gesprächspartner der unterschiedlichsten Akteure auf seinem „Wunsiedler Weg“. Er betrachtet Bürgerbeteiligung eben gerade nicht als Störfaktor. Vielmehr müsse man die Menschen mitnehmen. Nur wenn sie mitzögen, seien Erfolge möglich, betont Krasser. Im Übrigen hält Krasser wenig von dem Begriff „Energiewende“, er benutzt lieber den Terminus „Energiezukunft“. Einig ist sich Marco Krasser jedoch mit dem VKU-Präsidenten Michael Ebling darin, dass die Energiewende auf jeden Fall vor Ort stattfinden müsse. „Sie ist nun mal dezentral, kleinteilig und partizipativ“, betont der Mainzer Oberbürgermeister.

Nachhaltigkeit als Strategie

Seine Regensburger Amtskollegin Gertrud Maltz-Schwarzfischer verweist darauf, dass ihre Stadt mit dem „Green Deal Regensburg“ ein sehr ambitioniertes Ziel ansteuere, nämlich bis 2030 klimaneutral zu sein. Auf diesem Weg spielt die Regensburger Energie- und Wasserversorgung AG & Co KG, kurz Rewag, eine entscheidende Rolle. Die Gründung des Unternehmens aus den Stadtwerken und dem Energieversorger OBAG, heute Bayernwerk, im Jahre 1976 erinnert an die Zeit jener Energiekrisen, gegen die sich der Staat damals nur mit Sonntagsfahrverboten retten zu können glaubte.

Stand damals die Ölkrise im Mittelpunkt, so bezeichnet Rewag-Vorstandsvorsitzender Dr. Torsten Briegel heute ganz ausdrücklich die Nachhaltigkeit als wesentlichen Kern der Strategie der Stadtwerke-Tochter und hat dementsprechend den ersten Nachhaltigkeitsbericht aufgelegt. Bereits jetzt werden 42 Prozent des eigenerzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen, vor allem aus der Windkraft. Außerdem plant die Rewag den weiteren Ausbau von größeren Photovoltaik-Freiflächenanlagen in der gesamten Region. Bis Ende 2022 sollen alle Gebäude des Unternehmens mit Solaranlagen versehen sein.

Interview

Gute Ausgangslage und große Verantwortung

Dr. Anne Hagemeier, Gruppenleiterin in der Abteilung Energiesysteme beim Fraunhofer-Institut UMSICHT in Oberhausen, erklärt im Interview, warum der Beitrag der Stadtwerke so wichtig für die Energiewende ist. So schaffe etwa die Sektorenkopplung neue Geschäftsmodelle und Möglichkeiten zur Querfinanzierung.

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