Gründer
12. Februar 2021 6:05  Uhr

Start-ups beweisen große Anpassungsfähigkeit

Bislang ist die Gründerlandschaft in Deutschland weitgehend intakt geblieben. Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer der Baystartup GmbH, verrät im Interview, warum sich die Gründer als resilient erweisen.

Manche Start-ups mussten aufgrund der Coronapandemie ihr Geschäftsmodell anpassen. | Foto: loreanto – stock.adobe.com

Von Stephanie Burger


Herr Dr. Rudolph, welchen Einfluss hatte die Pandemie 2020 auf die bayerische Gründerlandschaft?

Dr. Carsten Rudolph: Während im März 2020 mein Blick noch relativ pessimistisch war, stelle ich heute fest: Den Gründern geht es überraschend gut. Aber ich muss als Einschränkung hinzufügen, dass die Zielgruppe unserer Institution die innovativen und technologieorientierten Gründer sind. Diese konnten vielfach ihre Geschäftsmodelle anpassen und sind teilweise sogar durch die Krise erst stark geworden, indem sie krisenrelevante Produkte anbieten. Im Großen und Ganzen ist die Gründerlandschaft intakt geblieben, wir sehen auch keinen Rückgang der Gründungsneigung.

Kann man sagen, die Technologiegründer gehen gestärkt aus der Krise hervor?

So positiv würde ich es wiederum nicht ausdrücken. Denn für viele Start-ups ist beispielweise die Internationalisierung sehr wichtig. Das Thema Auslandsvertrieb musste aber zurückgestellt werden. Wenn jemand bereits vor der Krise im Ausland aktiv war, konnte er zwar im Notbetrieb weitermachen, aber eine neue Niederlassung in den USA zu eröffnen, funktioniert remote nicht.

Eine immerwährende Herausforderung ist die Kapitalbeschaffung, Gab es pandemiebedingt einen Einbruch bei der Finanzierung?

Auch hier ist kein Einbruch zu verzeichnen. Es gibt dazu eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft EY, die im Grunde unsere Beobachtung auf regionaler Ebene bestätigt. Es gab einen minimalen Rückgang bei den Summen, die einzelne Start-ups erhalten haben. Dafür sind aber mehr Start-ups an Investorengeld gekommen. Es gab insgesamt mehr Finanzierungsrunden. Für die Investoren war und ist es wichtig, dass ein Start-up eine Coronastrategie vorweisen kann. Denn das heißt, dass es seine Märkte genau kennt und eine Vorstellung davon hat, wie sich diese in der Pandemie möglicherweise verändern. Und hier greift es auch zu kurz, nur auf die Branchen zu blicken. Sogar die Biotechbranche läuft nicht per se gut, sondern nur in Bereichen, die in der Krise gefragt sind. Ist ein Biotech-Start-up beispielsweise in einem Forschungsfeld aktiv, das aufgrund der Pandemie zurückgestellt wurde, so muss es nach Überbrückungslösungen suchen.

Sehen Sie im aktuellen Digitalisierungsschub besondere Chancen für Gründer?

Ja, auf jeden Fall – aber auch hier kommt es auf den Einzelfall an. Wenn ein Start-up eine Lösung zur Digitalisierung von Reisebuchungen als Geschäftsmodell hat, dann hat es jetzt natürlich ein Problem. Aber viele Start-ups bieten digitale Lösungen, die von mittelständischen Unternehmen gerade jetzt ganz stark nachgefragt werden. Es werden Investitionen getätigt, die vielfach in Start-ups fließen. Die zentrale Herausforderung dabei ist, dass Unternehmen und Start-up zueinanderfinden. Dieser Aufgabe nehmen wir uns jetzt verstärkt an. Wir haben unseren bestehenden Ansatz durch ein gezieltes Matching nach Anforderungen der Industrie erweitert. Denn es gibt aktuell keine Gründertreffs, auf denen Unternehmen 100 Start-ups gleichzeitig treffen können – was womöglich auch in der Vergangenheit schon nicht besonders effizient war.“ Auf Basis unserer Erfahrung und mithilfe einer eigens entwickelten Systematik können wir die passenden Partner direkt verbinden.“

Ein Ausblick auf das Gründungsgeschehen 2021 ist sicherlich schwierig. Können Sie dennoch Ihre Erwartung schildern?

Ich erwarte eine eher positive Entwicklung. Die Gründer unseres Netzwerks haben gezeigt, dass sie wissen, wohin sie wollen und was in der Krise zu tun ist. Natürlich kommt in nächster Zeit in Sachen aufgeschobener Internationalisierung noch eine größere Herausforderung auf sie zu. Auch der Brexit und andere andere Friktionen im Welthandel spielen ja dabei eine Rolle. Aber sowohl was die Entwicklung der bestehenden Start-ups angeht als auch was die Gründungsneigung betrifft, sehen wir kaum Einschränkungen. Als Indiz dafür, dass auch 2021 ein reges Gründungsgeschehen erwarten lässt, kann die Zahl an Einreichungen für unseren Businessplanwettbewerb gesehen werden. Sie liegt nur marginal unter dem Rekordwert von 2020.

 

Wie kaum ein anderer kennt Dr. Carsten Rudolph die bayerische Gründerszene. Seit 2009 leitet er mit Baystartup die zentrale Institution für Unternehmensgründung und Finanzierung in Bayern. Er hat das heutige Angebotsspektrum der Institution maßgeblich aufgebaut – von den Businessplanwettbewerben bis hin zum Investorennetzwerk. Vor seiner Tätigkeit für Baystartup sammelte der Elektronik-Ingenieur Erfahrungen in Start-ups und Tech-Unternehmen. Seine beruflichen Stationen waren Unternehmen wie McKinsey, Siemens AG und Microsoft. | Foto: Baystartup/ Andreas Gebert