Greenwashing
10. Mai 2022 14:51  Uhr

Statt grün ziemlich undurchsichtig

„Klimaneutral“-Labels spielen bewusst mit dem menschlichen Unterbewusstsein – und fördern nicht den Umweltschutz, sondern nur das Greenwashing. Den Klimaschutz bremsen sie sogar aus.

Spiel mit dem Feuer oder „Nach uns die Sintflut“? Beim gefährlichen Greenwashing trifft beides zu – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Foto: tanaonte – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. Sie sind auf immer mehr Produktpackungen oder auch bei Onlineproduktbeschreibungen zu sehen: „Klimaneutral“-Labels. Und sie kommen beim Verbraucher genauso gut an wie bei den Herstellern. „Unternehmen spielen beim Greenwashing bewusst mit dem Unterbewussten“, warnt Dr. Helena Fornwagner vom Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie am Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Regensburg.

Die Verbraucher sind seit vielen Jahren gewohnt, Kaufentscheidungen nach Labeln zu richten. Die Biolebensmittel-Siegel haben hier eine lange Entwicklung hinter sich. Heute können Verbraucher davon ausgehen, dass bei gesetzlich anerkannten Biosiegeln bestimmte Haltungs- oder Anbaustandards auch eingehalten werden und im Detail nachvollziehbar sind. Anders ist das bei den boomenden Klimaneutral-Siegeln. Der Wettbewerbszentrale wurden 2021 insgesamt zwölf Beschwerden über irreführende oder intransparente Werbung mit Klimaneutralität eingereicht. Sieben davon führten zu Gerichtsverfahren. Die Zentrale sieht Klimaneutralität als zunehmend wichtiges Werbeargument. Laut einer Umfrage auf Utopia.de aus dem April 2021 gaben drei Viertel der Befragten an, schon einmal klimaneutrale Produkte gekauft zu haben, „wenn sie sich gut informiert fühlten“.

Zertifikate als Geschäftsmodell

Gerade bei den Klimaneutral-Labels ist authentische Information aber Schwerstarbeit. Denn die Labels unterliegen keinerlei gesetzlichen Regelungen. Die entsprechenden Zertifikate werden von Privatunternehmen vergeben, deren Geschäftsmodell von der Vergabe möglichst vieler Zertifikate abhängt. Diese externen Unternehmen berechnen den CO2-Ausstoß durch Herstellung und Transport eines Produktes. Die Menge an Emissionen gleicht der Hersteller durch Investitionen in Klimaschutzprojekte aus. Verbraucherschutzorganisationen bemängeln, dass der wirkliche Erfolg der entsprechenden Klimaschutzmaßnahmen schwer messbar ist. Zumal viele der Ausgleichsmaßnahmen nicht im Heimatland des Produktherstellers stattfinden.

Taxonomie für Gas und Atomkraft?

Greenwashing steht aber nicht nur bei Verbraucherprodukten in der Kritik. Die EU-Kommission erklärte zum Jahreswechsel 2021/22, fossiles Gas und Atomenergie in die EU-Taxonomie aufnehmen zu wollen. Das bedeutet, Anlegern werden diese beiden Energiezweige als nachhaltige Investition verkauft. Treibende Kraft hinter der Taxonomie-Entscheidung war Frankreich, aktuell in der Rolle der Ratspräsidentschaft und stark von Atomkraft geprägt. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) brandmarkte dieses Vorgehen als Greenwashing, das den European Green Deal ausbremsen und Investitionen in nachhaltige Energien schmälern würde. Die deutsche Bundesregierung hat Mitte Mai ihren Protest angekündigt, erwartet aber nicht, dass das deutsche Votum die Taxonomie aufhält.

Interview

Es ist nicht am Verbraucher, Greenwashing zu entlarven

Dr. Helena Fornwagner vom Institut für Volkswirtschaftslehre und
Ökonometrie am Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Regensburg erklärt im Interview, warum staatliche Kontrolle über das Einhalten behaupteter Klimastandards so wichtig ist.

Hier geht’s zum Interview …