Interview
9. Februar 2021 6:03  Uhr

Steuerberater müssen als Prellböcke herhalten

Bei der Beantragung von Coronahilfen kommt Steuerberatern derzeit das Amt des prüfenden Dritten zu. Eine undankbare Aufgabe, findet Matthias Winkler, Steuerberater sowie Fachberater für internationales Steuerrecht.

Matthias Winkler, WW+KN | Foto: 2020 Fotografie Pokorny // Lukas Pokorny

Von Gerd Otto

Die Industrie- und Handelskammern haben für die Coronahilfen die Funktion als Bewilligungsstelle übernommen, während die Antragsstellung der Unternehmen ausschließlich über prüfende Dritte erfolgen muss, also zum Beispiel über Steuerberater, Rechtsanwälte oder Wirtschaftsprüfer. Herr Winkler: Wie glücklich sind Sie grundsätzlich über diese Aufgabe?

Matthias Winkler: Der Staat hat hier leider sehr kurzfristig vor allem die Steuerberaterbranche belastet, um Missbräuche bei den Coronahilfen zu vermeiden, wie sie im ersten Lockdown bei der sogenannten Soforthilfe massenhaft aufgetreten sind. Für die weit überwiegende Zahl der Steuerberater kam diese neue Aufgabe zur Unzeit, da auch Steuerberater mit Mitarbeiterausfällen aufgrund von Schulschließungen zu kämpfen haben und ferner in viele Krisengespräche mit Banken eingebunden sind. Die Antragstellung ist zudem extrem komplex. Noch dazu hat die Regierung die Antragsbedingungen zuletzt immer wieder geändert, was einen hohen Überwachungsaufwand erfordert. Dazu kommt noch die Enttäuschung bei vielen Mandanten, wenn die errechneten Hilfen nur sehr gering ausfallen. Der Steuerberater wird hier als Prellbock zwischen krisengeschüttelten Betrieben und Regierung eingesetzt. Zusätzlich ist der Bearbeitungsaufwand für die Anträge in vielen Fällen nicht oder nur sehr begrenzt an den Mandanten weiter verrechenbar.

Gleichzeitig hört man, dass die Einzelfallberatung und die Klärung von Detailfragen nur über die Hotline des Bundes möglich ist. Was hat man konkret darunter zu verstehen? Und welche Erfahrungen haben zum Beispiel die Steuerberater bisher gemacht?

Einzelfragen werden in der Regel auf der Website der Bundesregierung in einem FAQ besprochen. Dieser FAQ-Bereich wird fortlaufend erweitert. Die Hotline ist ständig überlastet und auf Anfragen erhält man entweder keine Antwort oder nur Standardtexte, die in ein E-Mail kopiert werden und häufig an der Frage vorbeigehen. Die Hotline ist damit keine wirkliche Hilfestellung.

Der Steuerberater wird hier als Prellbock zwischen krisengeschüttelten Betrieben und Regierung eingesetzt.

Der Steuerberaterverband hat bereits einen enormen Korrekturaufwand kritisiert. Angeblich müssen bis zu 90 Prozent aller Anträge noch einmal bearbeitet werden. Ist dies auch Ihre Beobachtung?

Hier war die Kommunikation nicht ganz glücklich. Bei den Überbrückungshilfen werden den betroffenen Betrieben jeweils Teile ihrer Fixkosten erstattet. Bei der Antragstellung müssen die Betriebe hierzu jeweils eine Prognose abgeben, auf deren Basis sie Hilfen ausgezahlt bekommen. Nach Ablauf der Förderperiode muss dann eine Endabrechnung eingereicht werden. Da bei fast allen Betrieben Änderungen eintreten, wird man praktisch fast jede Prognose überarbeiten müssen. Der Arbeitsaufwand hierfür ist immens.

Wie sieht es vor diesem Hintergrund mit der Haftung aus?

Die Haftung des Steuerberaters für Coronahilfsanträge ist derzeit eine heikle Frage, mit der sich auch die Bundessteuerberaterkammer auseinandergesetzt hat. Die Auffassung der Kammer ist, dass der Steuerberater nur bei wissentlich falschen Angaben haftet, aber nicht, wenn er aus Unkenntnis oder wegen einer falschen Prognose einen unzutreffenden Antrag stellt.

Die politischen Ankündigungen und die Umsetzung weichen hier signifikant voneinander ab.

Hat Sie die heftige Kritik an der Durchführung der so lautstark verkündeten November- oder Dezemberhilfen überrascht?

Nein, überhaupt nicht. Die politischen Ankündigungen und die Umsetzung weichen hier signifikant voneinander ab. Niemand versteht, dass solche Hilfen erst nach Wochen der Verzögerung beantragbar sind und dann nochmals Wochen später in Teilbeträgen ausgezahlt werden.

Zu Beginn schien Geld überhaupt keine Rolle zu spielen, doch inzwischen hört sich die Wirklichkeit anders an. Was ist da schiefgelaufen?

Politisch war sicher nicht einkalkuliert, dass sich die Pandemie im Winter nochmals so verstärkt und erneut ein wochenlanger Lockdown verhängt wird. Die Kosten dadurch – neben den Hilfsprogrammen ist der Staat noch durch immense Zahlungen für Kurzarbeitergeld belastet – sind enorm und es kommen noch erhebliche Steuerausfälle hinzu. Dieses Gesamtbild erzeugt sicher Druck auf die Politik, die nicht in unbegrenzte Staatsschulden hineinlaufen möchte.

Ist nur das Verfahren zu komplex und damit von Verzögerungen begleitet oder stimmt das gesamte Hilfsprogramm nicht?

Die ganze Krise zeigt, dass die Behörden in Deutschland zu wenig vernetzt und zu wenig digitalisiert sind, was die Verfahren unglaublich verzögert und verkompliziert. Auch ist teils schwer nachvollziehbar, dass von einer staatlichen Schließung betroffene Betriebe nur Teile der Fixkosten ersetzt bekommen, während andere Betriebe normal weiterarbeiten dürfen. Die Politik geht mit ihren Hilfsprogrammen meiner Meinung nach zu wenig auf die Existenzfragen vieler Firmen ein.

Die ganze Krise zeigt, dass die Behörden in Deutschland zu wenig vernetzt und zu wenig digitalisiert sind.

Wie reagieren Ihre Mandanten auf Corona?

Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. Während einige in Lethargie verfallen, arbeiten andere innovative Konzepte aus, wie sie ihr Geschäft an die veränderten Bedingungen anpassen können. Oberste Priorität hat in vielen Betrieben jetzt durch die Krise das Thema Digitalisierung.

Wird Corona auch Folgen für die regionale Wirtschaft haben, etwa in Ostbayern?

Die gravierendsten Auswirkungen wird es wohl für den stationären Handel und vor allem für Geschäfte in innerstädtischen Lagen geben. Hier gab es vorher schon Veränderungen wegen des expandierenden Onlinehandels, die sich jetzt noch einmal verstärkt haben. Auch eine Reihe von Hotels und Gastronomiebetrieben werden die Krise wohl nicht überstehen.

Und grundsätzlich: Wie krisenfest sind wir?

Corona wird häufig als Naturkatastrophe bezeichnet. Auf solche Ereignisse können sich Betriebe nur bedingt vorbereiten. Man sieht aber, dass digitalisierte Betriebe relativ schnell auf die Veränderungen reagieren und beispielswiese Homeoffice umsetzen konnten, während Betriebe mit geringerem Digitalisierungsgrad stärker von der Krise betroffen sind. Die Digitalisierung wird ein entscheidender Faktor für die künftige Krisenfestigkeit sein.

Matthias Winkler

Der Diplom-Finanzwirt Matthias Winkler, Steuerberater sowie Fachberater für internationales Steuerrecht, ist seit 2005 geschäftsführender Gesellschafter der Steuerkanzlei WW+KN, deren Wurzeln bis ins Jahr 1956 zurückreichen. Aktuell arbeiten in den Büros München und Regensburg 14 Steuerberater speziell für den Mittelstand, mit den Schwerpunkten Unternehmenssteuerrecht, Erbschaft- und Schenkungsteuer sowie internationales Steuerrecht.