Automobilindustrie
29. Juli 2020 6:00  Uhr

Strukturwandel und Corona fordern Zulieferer heraus

In der Automobilbranche vollzieht sich derzeit ein grundlegender Wandel – mit einschneidenden Auswirkungen: Eine Studie von Berylls Strategy Advisors sieht tiefschwarze Schatten über den größten Automobilzulieferern der Welt.

E-Mobilität, autonomes Fahren und Digitalisierung: Der Umbruch in der Automobilbranche wirkt sich auch auf die Automobilzulieferer aus. | Foto: industrieblick – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

MÜNCHEN. Innerhalb der Top 10 der global größten Automobilzulieferer blieb 2019 nach der neuesten Studie der Berylls Strategy Advisors zwar alles beim Alten. Doch die aktuelle Coronakrise und die bereits zuvor sichtbar gewordenen Veränderungen des Marktes werfen „tiefschwarze Schatten“ auf das laufende Jahr. 2019 hatten Bosch, Continental und Denso das Feld angeführt, mit einigem Abstand vor Magna, ZF Friedrichshafen und Aisin. Nach Hyundai Mobis konnte Bridgestone sich knapp vor Michelin behaupten und trägt die Reifenkrone. Valeo komplettiert die Top 10.

Risikokapital für Start-up-Unternehmen

Den strukturellen Wandel sehen die Experten von Berylls Strategy bereits in vollem Gange. Der Wendepunkt von alter zu neuer automobiler Welt scheint zumindest in den Köpfen der Topmanager zahlreicher Zulieferer angekommen zu sein. Diesen Schluss zieht jedenfalls die aktuelle Studie zum einen aus den Investitionen der Firmen in die Zukunftstechnologien; zum anderen werde die Abwicklung von traditionellen Unternehmensteilen und Technologien spürbar vorangetrieben. Allein bei den fünf großen deutschen Automobilzulieferern Bosch, Continental, ZF Friedrichshafen, Mahle und Schaeffler wurden in den vergangenen drei Jahren über 40 Start-ups und Tech-Unternehmen übernommen oder mit Risikokapital ausgestattet.

Ohne Kooperation werden Ziele verfehlt

Die Zulieferbranche steckt nach Auffassung der Berylls Strategy Advisors tief im Wandel, versucht sich aber anzupassen. Das konnte man 2019 in den Medien live verfolgen: Die Abspaltung der Antriebssparte von Continental als Vitesco, die Reorganisation der Automobiltätigkeiten von Thyssen Krupp, die geplante Übernahme von Delphi Technologies durch Borg Warner, der Kauf von Federal Mogul durch Tenneco, die lange Übernahmeschlacht bei Wabco zwischen ZF Friedrichshafen und Knorr-Bremse, die Aufspaltung von Johnson Controls mit anschließender Auflösung – all dies waren Schlagzeilen des vergangenen Jahres. An diese erinnert auch die auf die Autobranche spezialisierte und international aufgestellte Managementberatungsfirma mit Sitz in München und betrachtet dies sogar als „einen Vorgeschmack, wie es weiter gehen wird.“

Blickt man auf die Neuinvestitionen, herrscht offenbar die Meinung vor, dass Automobilhersteller und Lieferanten ihr Ziel nur über Kooperationen erreichen können. Weiterhin anhaltende politische und gesellschaftliche Probleme verzögern aber einen schnellen Wandel und die Umsetzung neuer Technologien, wie beispielsweise aus dem Bereich der Cybersecurity oder rund um Connectivity-Diensten wie das Internet im Auto.

Für stabile Lieferketten braucht es einen langen Atem

Die Unternehmen benötigen jedenfalls viel Geschick, um derzeit mit einem klaren Plan dem Worst-Case-Szenario einer Insolvenz zu entgehen, heißt es in der Studie. „Die globale Finanzkrise aus dem Jahr 2008/2009 zeigte mit dem Faktor vier bis fünf an Insolvenzen, welchen Effekt die jetzt eingetretene Konjunkturflaute haben kann“, betont auch Berylls-Partner Dr. Jan Dannenberg. Ein Zulieferersterben in ähnlicher Größe könnte sich mittelfristig rächen, wenn die eigentliche Transformation auf der Strecke bleibe. Die Fahrzeughersteller müssten sicherstellen, dass ihre hochkomplexen Lieferketten stabil bleiben und Zulieferer ihre Transformation in geordneten Bahnen fortführen können.

„Es braucht einen langen Atem, um die Lieferketten zu stützen und sich auf die Welt nach der Krise vorzubereiten, also etwa in Richtung Glokalisierung, bei der die Lokalisierung und der globale Bezug nicht als Gegensätze betrachtet werden“, erklärt Dannenberg. Das gemeinsame strategische Geschick aller Beteiligten, von den Zulieferern und Herstellern über die Banken und Private-Equity-Anbieter bis hin zur Politik, werde darüber entscheiden, „wie der Zieleinlauf aussieht.“

China und Südkorea legen kräftig zu

Gegenstand der „Top-100-Zuliefererstudie“ waren im Jahr 2019 Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 2,7 Milliarden Euro. Der gesamte Umsatz dieser Unternehmen stieg mit 918 Milliarden Euro auf ein Rekordhoch, wenn auch bei gleichzeitig rückläufiger Profitabilität. Mit 6 Prozent schrumpfte die Gewinnmarge erneut und stärker als im Vorjahr. Neben Deutschland, wo die Marge von 9,1 auf nur noch 2,5 Prozent abstürzte, mussten Zulieferer auch aus Amerika leichte Umsatzeinbußen hinnehmen, während China und Südkorea kräftig zulegten. Die Unternehmen im asiatischen Raum verbuchen ein Plus von 15,3 Prozent und das bei fast gleichbleibender Gewinnmarge. Japan und die USA verbesserten ihren Umsatz leicht.

Interview

Den Wandel nicht erdulden, sondern gestalten

Die Transformation der Automobilbranche trifft nicht nur Zulieferer, sondern auch Hersteller. Laut Christoph Schröder, dem Leiter des größten europäischen Werks der BMW Group in Dingolfing, hat dieser Umbruch hier schon lange vor Corona eingesetzt.

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